Im Juni würdigt das Nationalmusée die Luxemburger Künstlerin mit einer großen Retrospektive – 80 Jahre nach ihrem Tod. Ein Beispiel für die Unsichtbarmachung weiblicher Kunst

Das zweite Leben der Berthe Brincour

d'Lëtzebuerger Land du 24.04.2026

Keine Briefe oder sonstige Schriften. Ein einziges Foto – jenes, das sie als Jugendliche neben einem Hund beim Fotografen zeigt. Ein wenig schmeichelhaftes Porträt, auf dem sie beleibter wirkt, als sie es in Wirklichkeit war. Auch biografisch gibt es kaum Details: weder zur Person, noch zum Werdegang, geschweige zu dem, was sie dachte. Berthe Brincour (1879–1947) ist ein Rätsel, ein kunsthistorisches Gespenst.

Und das Wenige, das die Kunsthistorikerinnen Julia Wack und Lis Hausemer vom Nationalmusée bisher über die Tochter aus gutem Hause herausgefunden haben, ergibt kein geschlossenes Bild. Gesichert sind lediglich ihre Herkunft sowie wechselnde Adressen in München, Genf, Lausanne und Paris. Zu ihrer Ausbildung, zu Freunden und Bekannten, zu Lektüren oder möglichen Reisen ist nichts bekannt – ebensowenig wie zu ihrer Haltung gegenüber den gesellschaftspolitischen Umbrüchen ihrer Zeit: Staatsbildung in Luxemburg, Erster und Zweiter Weltkrieg, Besetzung und Befreiung Luxemburgs.

Es existieren einige Zeitungsartikel zu Ausstellungsorten im In- und Ausland, mit mehr oder weniger klischeebehafteten Rezensionen überwiegend männlicher Zeitgenossen (ihre Rezeption durch Batty Weber in seinem Abreißkalender bildet eine Ausnahme). Und schließlich ihr Werk: Postkarten, Porzellan, Medaillen, sogar Möbel sowie rund 120 Gemälde und Studien, die fast 80 Jahre im staatlichen Depot lagerten – mal expressionistisch, mal symbolistisch, mitunter beinahe surrealistisch. Ein eklektisches Œuvre, das sie 1947, wenige Tage vor ihrem Tod, dem damaligen Musée d’État schriftlich vermachte.

Ihre Porträts – häufig frontal gesetzte Männer- oder Frauenbildnisse – verzichten bewusst auf äußerliche Charakterisierung zugunsten innerer Zustände. Sie wirken entrückt, fast schwebend zwischen Erinnerung und Gegenwart, mit klar gefassten Konturen und einer zugleich träumerischen, schwer greifbaren Präsenz. So viel lässt sich anhand der auf die Webseite des Nationalmusée hochgeladenen Bilder feststellen. Daneben treten Landschaften hervor, in denen die Natur nicht Kulisse, sondern eigenständiger Resonanzraum ist. Alpine Räume, geschwungene Hügelzüge, Wasser- und Himmelsflächen – reduziert und in eine teils grafisch verdichtete Bildsprache überführt. Immer wieder entsteht dabei eine produktive Spannung zwischen Ruhe und Bewegung, zwischen streng komponierten, beinahe meditativen Bildordnungen und Passagen dynamischer Linienführung oder expressiver Farbakkorde, die wie innere Wetterlagen erscheinen. Auch die figurativen Szenen – Körper in ungewohnten, teils archaisch anmutenden Haltungen oder Tiermotive wie der Vogel, der ins Symbolische kippt – sind weniger erzählend als vielmehr als Chiffren psychischer oder poetischer Zustände angelegt.

Eine Kunst der Vereinfachung und Verdichtung, die sich bewusst vom naturalistischen Detail löst und statt Abbildung Atmosphäre und innere Wirkung sucht. Kontur und Fläche treten dabei stark hervor, die Natur wird stilisiert und rhythmisiert, während Figuren und Tiere eine symbolische Aufladung erfahren, die über das rein Sichtbare hinausweist. „Die Art, wie sie Hintergründe malt, ist ein wiederkehrendes Element, vor allem in den Ölmalereien. Der Gebrauch von Pastellfarben lässt Einflüsse durch Art Nouveau erkennen. Dann ist da diese grafische Sensibilität, also ihre Art, Massen von Bäumen, Gras und so weiter anzuordnen, die sich durch das ganze Werk zieht. Und natürlich die Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden“, so Lis Hausemer.

Denn stilistisch bewegt sich ihr Werk in einem Spannungsfeld zwischen Symbolismus, Expressionismus und dekorativer Moderne, ohne sich je eindeutig einer einzelnen Schule zu unterzuordnen, und entfaltet gerade daraus seine eigentümliche, schwer festzulegende poetische Kraft.

Berthe Brincour erhielt vermutlich bereits früh Zeichenunterricht bei Ferdinand D’Huart. „Er hat Porträts von ihren Eltern angefertigt“, weiß Julia Wack. Immerhin besucht Brincour zwischen 1899 und 1904, also im Alter von 20 bis 24 Jahren, die Damen-Akademie des Münchener Künstlerinnen-Vereins, dem sie vermutlich von 1899 bis 1905 angehörte. Das zeige, dass sie „bereits über ein gewisses Niveau verfügt haben muss“, so die Kunsthistorikerin. Es deutet außerdem auf eine frühe Emanzipation von gesellschaftlichen Zwängen hin. Handelte es sich bei der Damen-Akademie doch um eine private Kunstschule, die Frauen eine professionelle und akademische Ausbildung zu einer Zeit ermöglichte, als ihnen der Zugang zur Königlichen Akademie noch verwehrt war. Unter anderem studierten dort auch Käthe Kollwitz und Gabriele Münter. Umso bemerkenswerter ist es, dass eine Luxemburgerin dort immatrikuliert war.

Ein Werdegang, der weniger überrascht, wenn man die Familie kennt, aus der Berthe Brincour stammt. Sie war die Tochter von Joseph Brincour, einem Befürworter der Schulreform Pierre Brauns von 1912. Als brillanter Jurist und eine der profiliertesten Persönlichkeiten in der Zwischenkriegszeit von 1870 und 1914 trat er publizistisch und politisch für eine Thronfolge in weiblicher Linie ein und ebnete so Großherzogin Marie-Adelheid den Weg an die Staatsspitze. Später setzte er sich für einen laizistischen Schulunterricht ein und wandte sich gegen den reaktionären Einfluss am großherzoglichen Hofe. Um die Abstimmung zu torpedieren, erwog die junge Monarchin, das Parlament auflösen, in dem Brincour als Abgeordneter saß. Im Zuge politischer Auseinandersetzungen wurde die Bevölkerung seines Wahlkreises Echternach gegen ihn aufgebracht; 1914 wurde er abgewählt. Ein letztes Mal huldigte die linke Jugend dem inzwischen gesundheitlich angeschlagenen, sichtlich ergriffenen Ex-Politiker vor seiner Villa am Boulevard Royal, wo er Jules Mersch zufolge ein letztes Mal auf dem Balkon über dem Portal erschien, das im Gegensatz zur Villa selbst die Zeit als Blickfang der BMW-Garage in Bonneweg überdauert hat.

Ab 1903 und bis 1907 lebt Berthe Brincour in der Künstlerkolonie Dachau, die sich ab etwa 1875 nahe München entwickelte. Zahlreiche Maler zog es dorthin, um fern der akademischen Zwänge in der Natur zu arbeiten, insbesondere im Dachauer Moos, und neue Stilrichtungen wie Impressionismus und Naturalismus zu erproben. Zu den wichtigsten Vertretern gehörten unter anderem Adolf Hölzel, Ludwig Dill und Arthur Langhammer. In ihrer Blütezeit um 1900 war die Kolonie eines der größten Künstlerzentren Europas, verlor jedoch nach dem Ersten Weltkrieg an Bedeutung. Lis Hausemer hat versucht, die pädagogischen Einflüsse auf Brincours Werk zu rekon-
struieren, „es bleibt aber alles ein wenig hypothetisch“.

Belegt sind laut Konschtlexikon dagegen zwei Einzelausstellungen, 1917 in Luxemburg und 1928 in Paris, ergänzt durch eine posthume monografische Ausstellung im Jahr 1947. Daneben war Berthe Brincour kontinuierlich an Gruppenausstellungen im In- und Ausland beteiligt, insbesondere am Salon des Cercle Artistique de Luxembourg (Cal), bei dem sie als Mitglied zwischen 1906 und 1924 insgesamt sieben Mal vertreten war, ferner an der Weltausstellung 1910 in Brüssel sowie mehrfach am Salon des Indépendants in Paris. Auch an der Exposition internationale d’art moderne in Genf (1920–1921) habe sie teilgenommen, wo ihre Arbeiten im Kontext von Werken etwa von Renoir, Hodler, Braque und de Chirico gezeigt wurden. Vermutlich hielt sie sich krankheitsbedingt zwischen 1919 und 1924 in Genf auf, später zwischen 1931 und 1934 in Lausanne, jeweils mit zeitweiligen Aufenthalten in Paris. Von 1935 bis 1941 lebte sie dauerhaft in der französischen Hauptstadt, bevor sie um 1940/41 nach Luxemburg zurückkehrte, wo sie bis zu ihrem Tod blieb.

Dass eine Malerin im Alter von über 50 Jahren nach Paris zu ziehen beschließt, ist ebenfalls erstaunlich. Die naheliegendste Erklärung ist ihre bürgerliche Herkunft, sprich finanziellen Mittel, die ihr ein komfortables Leben und den nötigen Handlungsspielraum sicherten. „In Paris hat sie stets in den besten Vierteln gewohnt, im 16. Arrondissement beispielsweise oder in Neuilly-sur-Seine“, so Julia Wack. Auch ihr Malkasten sei von der besten Marke gewesen, weiß Lis Hausemer.

Warum Berthe Brincour während der letzten 80 Jahre so gut wie vergessen war und es das Museum nicht schaffte, sich ihres Werks anzunehmen, ist wohl eher ein strukturelles als ein nationales Problem: Das der Unsichtbarmachung weiblicher Kunst, „nicht nur in Luxemburg, sondern europaweit“, wie Julia Wack erklärt. Aber auch die „aufwändigen Restaurationsarbeiten, vor allem der Tuschezeichnungen auf Papier“, die sich in einem schlechten Zustand befanden, kämen als Erklärung in Frage, wie Lis Hausemer bemerkt. Dass im Nationalmusée mittlerweile so viele Frauen angestellt seien, mag aber mit ein Grund dafür sein, dass Brincours Werk endlich die Aufmerksamkeit erhält, die es verdient. Jedenfalls zeigt das Nationalmusée im Juni eine großangelegte Retrospektive, mit der das ehrwürdige Haus dann auch endlich seinen Pflichten nachkommen will. Daneben ist eine Veröffentlichung geplant, die nochmal den ganzen Rekonstruktionsprozess zu Leben und Werk Brincours darstellen soll. Vielleicht hat man bis dahin das Rätsel um Berthe Brincour ein Stück weiter aufklären können?

Frédéric Braun
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