Vor Kurzem lief in den luxemburgischen Kinosälen mit Das Verschwinden des Josef Mengele (2025) ein recht geschmackloser Film. Denn obwohl mit Kirill Serebrennikow ein renommierter Arthouse-Filmemacher den Roman von Olivier Guez fiktionalisiert auf die Leinwand brachte, führt dieser Film einmal mehr vor, was in filmischen Auseinandersetzungen mit der Schoah alles schieflaufen kann: kulissenhafte Deportationsszenen, trivialisierte Personenführung und am Ende ein fast Mitleid erregender Josef Mengele – einer der übelsten NS-Kriegsverbrecher, der im Konzentrationslager zahllose Menschenversuche durchgeführt hatte.
Unmittelbar nach der Schoah gab es hierzu im Film lange Zeit wenig. Nach anfänglichen Versuchen der Thematisierung (etwa Die Mörder sind unter uns, 1946) begann großes Schweigen. Alain Resnais war der Erste, der 1956 mit seiner 30-minütigen Dokumentation Nuit et brouillard das Grauen der Konzentrationslager in Bilder zu fassen suchte. In Frankreich wurde der Film aufgrund realistischer Aufnahmen u.a. aus Auschwitz-Birkenau und dem Internierungslager Pithiviers zensiert, nach leichten Retuschen jedoch freigegeben.
1985 wagte der jüdische Journalist und Filmemacher Claude Lanzmann, der in der Resistance aktiv war, etwas, das vor ihm noch kein Regisseur gemacht hat: eine fast zehnstündige Dokumentation über die Schoah. In zahllosen Gesprächen hat er die Erlebnisse der Opfer, die Ausreden der Täter und von passiven Zuschauern, damit der Mittäter, festgehalten. Bis heute ist sein Film Shoah wegweisend in Perspektive und Darstellung des organisierten Völkermords an über sechs Millionen Juden.
Zum 100. Geburtstag von Claude Lanzmann, der 2018 starb, macht das Jüdische Museum Berlin nun 152 bisher unbekannte Audiokassetten aus seinem Nachlass zugänglich. The Recordings (Die Aufzeichnungen) dokumentieren in heute schon fast retro wirkenden Kassetten die monumentale, jahrelange Rechercheleistung von Lanzmann und seinem Team. Die Sammlung umfasst etwa 220 Stunden Tonaufzeichnungen in acht Sprachen. Seit 2023 ist dieser Bestand zusammen mit dem Film Shoah in das Register des Unesco-Weltdokumentenerbes eingetragen.
Wer die Eric F. Ross Gallery im Jüdischen Museum betritt, bekommt zunächst Kopfhörer ausgehändigt und kann so an Hörstationen seine individuelle akustische Reise beginnen. Jede Besucherin wählt so ihren eigenen Weg. Es genügt, einen großen Kreis inmitten der peppig im 1970er-Jahre-Look arrangierten weißen Kreise auf schwarzem Hintergrund zu betreten, um in die Interviews reinzuhören, die Lanzmann und sein Team auf Französisch, Deutsch, Englisch, Ivrit, Yiddish und Polnisch geführt hat.
Und dennoch ist die Ausstellung in sechs Kapitel klar strukturiert, an deren Hörinseln man haltmacht. Inklusiv ist der Zugang insofern, als dass das Gehörte parallel transkribiert an Bildschirmen nachgelesen werden kann. Die Aufnahmen enthalten Hintergrundgeräusche aus den verschiedenen Umgebungen – Geschirrgeklapper, Kinderstimmen, Schritte, in einer Aufnahme singt Sarah Gol ein jiddisches Lied von Rikle Glezer über das Ghetto und die Mörder, bis ihr die Stimme wegbricht – und schaffen so eine unheimliche Atmosphäre.
Im ersten Teil können die Besucher/innen Lanzmann sehen, wie er mit anderen über sein Projekt spricht und beschreibt, was es für ihn finanziell und psychologisch bedeutete und welche methodischen Herausforderungen es mit sich brachte. Als er mit der Arbeit im Auftrag der israelischen Regierung und der Gedenkstätte Yad Vashem begann, dachte er, er wisse viel über den Holocaust: „And I started to work, and I thought, uh, at this moment that I knew many things about the Holocaust. And when I started to read, really, I discovered that I knew nothing. That I was a complete, ignorant. And this became my obsession because I thought that if I, myself, was an ignorant, many people were ignorant too.“ Er mache dies nicht „als kommerzielle Unternehmung“, stellte er klar, sondern sah darin von Anbeginn „an inquiry about the Holocaust“.
Das zweite Kapitel stellt Interviewpartner vor, die sich später aus dem Projekt zurückzogen und daher nie gefilmt wurden. Der dritte Teil konzentriert sich auf die Täter und zeigt, wie Lanzmann es schaffte, sie dazu zu bewegen, über den Holocaust zu sprechen, wie sie recht wirr über ihre Taten reflektierten – oder beleuchtet eben auch ihre Weigerung, darüber zu sprechen. „Nee, das ist erledigt für mich“, sagt etwa Otto Horn. 1939 war er der Wehrmacht beigetreten und diente als Sanitäter in Dresden und zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in Polen. Im Oktober 1942 wurde Horn in das Vernichtungslager Treblinka geschickt, wo er im Totenlager arbeitete. Er beaufsichtigte die Massengräber und schließlich die Verbrennung der Leichen auf „Brennhaufen”.
In einem Interview (Darmstadt, 1975) erklärt Karl Wolff, ehemaliger Verbindungsoffizier der SS zu Hitler, tatsächlich, dass er erst nach Kriegsende von der Vernichtung der Juden erfahren haben will. An einem Bildschirm ist zu lesen: Wolff wurde 1949 zu vier Jahren Haft und 1964 wegen Beihilfe zum Mord an 300 000 Juden zu 15 Jahren Haft verurteilt. Nach fünf Jahren wurde er vorzeitig entlassen.
Kurt Eisfeld berichtet (1975 in Troisdorf) technokratisch, wie er für die IG-Farben den Standort Buna-Monowitz (Auschwitz III) auswählte, behauptet jedoch, von den Krematorien habe er nichts gewusst. Stets fragte Lanzmann direkt nach: Wie er sich den unerträglichen Gestank nach verbranntem Menschenfleisch, der von den Krematorien ausging, erkläre. „Da hieß es, dass dort einmal die Seuche ausgebrochen wär und, ... dass, äh ... dass da die Leichen auf Scheiterhaufen verbrannt worden sind. Mhm. Da ... von der Vergasung und so weiter haben wir nichts gewusst. Mhm. Das war ja nun nich Stadtgespräch (...)“, so Eisfeld.
Der vierte Abschnitt thematisiert die Schoah in Litauen, einem der Orte, wo die Pogrome an der jüdischen Bevölkerung am heftigsten waren. Im fünften Kapitel werden Ausschnitte aus Lanzmanns Reise nach Polen (1978) präsentiert, einschließlich seines ersten Besuchs der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau und anderer Orte sowie seiner Gespräche mit Augenzeugen. Viele Opfer verweigerten Lanzmann, der ihnen das Aufnahmegerät unter die Nase hielt, die Auskunft. Er könne nicht über den Holocaust sprechen, sagt ein Überlebender, so wie ein Mensch nicht das Grab seines Vaters öffnen und reinschauen kann.
Lothar Vendler gehörte einer Einsatzgruppe an, die Massaker in der Ukraine verübte. Im Interview mit Lanzmann (Stuttgart 1975) stammelte er: „In diesem Riesenapparat bin ich ein wirklich ganz, ganz kleiner Mann.“ Verblüfft kann man nachhören, wie sich Vendler selbst zum Opfer stilisiert: Seit nun 37 Jahren versuche er „mit diesen Dingen fertigzuwerden“. Er wurde 1948 zu zehn Jahren Haft verurteilt und 1951 vorzeitig entlassen.
Im sechsten Abschnitt werden Audio- und Filmaufnahmen dem Rohmaterial gegenübergestellt. In einem kleinen Film vor der Kulisse des zerstörten Warschauer Ghettos, erklärt Tadeusz Pankiewicz wie er als nichtjüdischer Pole eine Apotheke im Ghetto führen konnte. Er habe den Juden alles besorgt, wonach sie fragten, erklärt er stolz, vor allem Würste ... Diese Absurditäten lassen einen ratlos zurück.
Lanzmanns Audioarchiv ist nicht nur wegen der Fülle an Interviews so monumental, sondern auch, weil er in seinen Interviews schonungslos die Verleugnungsmuster und -strategien der Täter aufdeckt und nach außen kehrt. So begegnet man Fake-Erzählungen. In Zeiten, in denen Verfälschung auch in den Medien, Fake News und Deep Fake über social media, Konjunktur hat, ist ein Besuch von Lanzmanns The Recordings sehr zu empfehlen.