Sie waren „von völliger Verzweiflung gezwungen, im Schlamm des Flusses nach Mitteln zu suchen, um ihren Hunger zu stillen,” so beschrieb ein Kommentator die armen Londoner, die an den Ufern der Themse oft barfuß nach verkäuflichen Gegenständen suchten, darunter Kohlestücke, Eisen, Kupfer und Knochen. Arbeiter der Kohlefrachter, die in London ankerten, warfen manchmal aus Mitleid Kohlebrocken zu ihnen hinunter. Einige Sammler schlichen sich an Bord, um Gegenstände von den Frachtern zu stehlen.
Heutzutage suchen Mudlarker, wie die Sammler in Großbritannien genannt werden, nicht mehr aus Notwendigkeit nach Schätzen. Es sind vor allem Geschichtsbegeisterte, die mit Stiefeln, Knieschonern und Tüten durch den Schlamm waten. Das London Museum Docklands zeigt in Secrets of The Thames, der ersten großen Ausstellung über Mudlarking, wie historisch wertvoll diese Schatzsuche sein kann.
Denn über die Jahre wurden Äxte und Trinkhörner von Wikingern gefunden, die London im neunten Jahrhundert überfielen und sich dort etliche Schlachten mit sächsischen Siedlern lieferten. Der Fluss erzählt auch von der dunklen Geschichte des Sklavenhandels.
Die britische Hauptstadt spielte eine zentrale Rolle in der Eroberung und Ausbeutung von Völkern weltweit. Es sei ein „Gefühl rassistischer Überlegenheit” gewesen, das Londoner Händler dazu bewegte, Gefangene aus Westafrika in die Karibik und Amerika zu verschleppen, so das Museum. Objekte dieses grausamen Handels spülen auch heute noch an die Ufer.
Mudlarks fanden zum Beispiel ein Siegel der Royal African Company, einer Handelsgesellschaft, die von der Königsfamilie Karls II. und Londoner Kaufleuten 1671 gegründet wurde und das Monopol auf den Handel mit Elfenbein, Gold, Rotholz und Menschen besaß. (Das London Museum Docklands befindet sich übrigens in einer ehemaligen Lagerhalle, in der zu Zeiten des britischen Imperiums Zucker, Rum und Tee gelagert wurden).
Als Tabak im 16. Jahrhundert in Großbritannien eingeführt wurde, waren Tonpfeifen sehr verbreitet. Sie waren billig und wurden oft als Einwegartikel verkauft, die nach Gebrauch im Fluss landeten. Es sind die Zigarettenstummel oder Einweg-Vapes der Vergangenheit, die im Schlamm der Themse sehr gut erhalten bleiben. Diese werden immer noch sehr häufig gefunden.
Die Ausstellung thematisiert das britische Empire, das einen wichtigen Teil der britischen Geschichte ausmacht, jedoch nur am Rande. Secrets of The Thames beschäftigt sich vielmehr mit gesellschaftlichen Themen. Viele Eheringe wurden aus dem Wasser gefischt. Ob ihre Besitzer sie verloren haben, vielleicht beim Ausziehen des Handschuhs, oder sogar wütend in den Fluss warfen?
Die Themse wird immer wieder zum Komplizen von Betrügern, Räubern und Plünderern. Doch nicht alle Geheimnisse bleiben in den Wellen verborgen. Gefunden wurden gezinkte mittelalterliche Knochenwürfel, die bei illegalen Würfelspielen Gewinne garantierten, sowie Messer, abgesägte Schrotflinten und sogar menschliche Überreste, die der Polizei gemeldet werden müssen. Wimbledon-Medaillen des Tennisspielers Peter Fleming, die bei einem Einbruch gestohlen wurden, traten ebenso plötzlich wieder im Schlamm der Themse auf.
Die vierzehnjährige Emmylou Växby lebt in Shadwell, nur einen kurzen Spaziergang vom Ufer entfernt. Sie begann schon als kleines Kind mit dem Mudlarken. Während der Pandemie, in der viele von uns neue Hobbies entdeckten, zog es sie regelmäßig an die Themse.
„Im Lockdown, als wir uns eine Stunde am Tag raus durften, gingen wir fast jeden Tag ans Ufer hinunter. Ich lernte mehr über mudlarking und dann wurde es zu einer regelmäßigen Gewohnheit und einer Leidenschaft von mir,“ sagt die Vierzehnjährige.
Durch soziale Medien hat Mudlarking stark an Popularität gewonnen. Es ist sogar so beliebt, dass die Londoner Hafenbehörde eine Mudlarking-Lizenz eingeführt hat. Wer im Schlamm nach Schätzen suchen will, muss also eine Erlaubnis haben, und davon werden jährlich nur 4000 erteilt. Neue Anträge nimmt die Hafenbehörde gerade keine mehr an, da die Warteliste mittlerweile 10 000 Einträge überschritten hat.
Emmylou hat zahlreiche Stücke Farbglas, bemalte Tonstücke und Stängel von Tonpfeifen gefunden. „Diese Pfeifen sind sehr zerbrechlich, deswegen findet man selten eine, die noch einen Pfeifenkopf hat,” so Emmylou.
Das Mudlarking machte sie zur leidenschaftlichen Umweltaktivistin. Denn eines Tages beobachtete Emmylou einen Schwan, der Plastik fressen wollte. Schockiert begann sie, Müll zu sammeln. Im Alter von zehn Jahren schloss sie sich dem nationalen Netzwerk Plastic Free Community an und leitet seit 2021 die Community ihrer Nachbarschaft, dem Londoner Stadtteil Wapping.
Emmylous Mutter, die luxemburgische Komponistin Catherine Kontz, begleitet Emmylou öfters bei den Schatzsuchen. „Ich liebe es, zwischen all den Kieselsteinen nach diesen kleinen Schätzen zu suchen,“ sagt Catherine. „Zuerst sieht alles gleich aus, und dann entdeckt man diese kleinen Dinge, die anfangen zu glänzen, Glasscherben, Töpferwaren, Keramik. Je öfter man sucht, desto mehr findet man.“ Kinder unter 12 Jahren dürfen nicht unbegleitet ans Ufergebiet der Thames gehen, denn Mudlarking bringt Gefahren mit sich. „Man muss sich über die Gezeiten des Flusses informieren, denn die Themse ist ziemlich tückisch,“ so Catherine Kontz.
Doch Emmylou weiss genau Bescheid. „Es gibt normalerweise zwei Niedrigwasserstände pro Tag, danach steigt und sinkt das Wasser alle sechs Stunden. Man hat also meist nur drei Stunden Zeit, in denen das gesamte Ufergebiet offen ist. Damit man nicht in einer kleinen Bucht festsitzt, wenn die Flut kommt, sollte man immer dorthin gehen, wo es zwei Ausgänge vom Ufer gibt,“ erklärt Emmylou.
Die 14-jährige wurde vor kurzem von einem Verlag angeschrieben, der auf ihr Instagram Profil aufmerksam wurde. Man fragte sie, ob sie ein Buch über Mudlarking schreiben wolle. Emmylou war begeistert und hat den Sommer über ihre Leidenschaft geschrieben. A Guide to Mudlarking on the River Thames: Hunting for Treasure, wird im April vom Verlag Fonthill Media Publishing veröffentlicht.