ZUFALLSGESPRÄCH MIT DEM MANN IN DER EISENBAHN

Lackschuhe

d'Lëtzebuerger Land du 19.12.2025

Vor zwei Jahren koalierten die CSV unter Luc Frieden (BIL, Deutsche Bank, Elvinger Hoss Prussen, Sankt-Paulus-Verlag, Handelskammer) und die historische Mittelstandspartei DP. Als Regierung wussten sie, was von ihnen erwartet wurde: weniger Steuern, weniger Gewerkschaften, weniger Vorschriften, weniger Klimaschutz. Was Rechtsliberale seit dem Bankenkrach 2008 europaweit so zu liefern haben. Die Leitartikler nennen das „reformieren“: bei schwachem Wirtschaftswachstum höheren Mehrwert aneignen helfen.

Im Südbezirk waren Gilles Roth, Georges Mischo Bestgewählte der CSV. Sie wurden Minister. Luc Frieden machte Georges Mischo zum Arbeitsminister. Der brachte Voraussetzungen mit: 2017 besiegte er die Maison du Peuple, wurde erster CSV-Bürgermeister im roten Esch. Der Vater war Schlosser, Gewerkschafter. Der Sohn wollte der Arbeiterklasse entkommen. Als Bürgermeister war er selbstherrlich, autoritär. Geeignet, Gewerkschafter als Dienstboten zu behandeln.

Mischo fehlte der Sinn für das Gemeinwohl, das Staatswesen. Solche Gesinnung ist den besitzenden Klassen nützlich. Doch zur Durchsetzung fehlte es ihm an Geschicklichkeit. Dienstwagen, Leibwächter steigerten die Selbstherrlichkeit des Sozialaufsteigers. Selbstherrlichkeit ist der Glanz willkürlicher Macht. Um Ahnungslosigkeit zu verbergen.

Der Widerstand gegen CSV, DP nahm zu. Die konkurrierenden OGBL, LCGB vereinigten sich zu einer Gewerkschaftsfront. 60 Prozent der von Ilres Befragten befürworteten Ende Mai den Aufruf zu einer Protestkundgebung gegen die Regierung – darunter 39 Prozent aus der CSV- und 45 Prozent aus der DP-Wählerschaft.

Die Kundgebung vom 28. Juni wurde ein Erfolg. Sie wurde ein Einschnitt in der Legislaturperiode. Luc Frieden, die DP verloren umgehend den Mut. Sie verzichteten auf die Demontage des Kollektivvertragswesens. Sie machten Zugeständnisse bei der Ausweitung der Ladenöffnungszeiten, der Erhöhung der Mindestversicherungsdauer für vorgezogene Altersrenten, der Verlängerung der Sonntagsarbeit.

In einem Brief an Luc Frieden verlangten die Gewerkschaften auch noch den Kopf des Arbeitsministers. Vergangene Woche erhielten sie ihn. Den Vorwand lieferte der Minister selbst. Der Einschnitt in der Legislaturperiode ist vollendet.

Niemand machte die üblichen Versuche, den Minister zu retten mit Verschleppen, Zerreden, Begutachten. Anders als 2013, als Luc Frieden die Bommeleeër-Ermittler unter Druck gesetzt, die Bestrafung von Justizbehinderung verhindert, Cargolux- und BIL-Aktien verscherbelt hatte.

Bei der Berufung des Nachfolgers überging Luc Frieden die nächstgewählten Michel Wolter, Félix Eischen, Nancy Arendt. Er berief den Sechstgewählten, Marc Spautz. Der schon vor zwei Jahren bereitstand.

2012 putschte Marc Spautz gegen Finanzminister Luc Frieden wegen mangelnder Sparsamkeit. Heute tritt er als sozialer Flügel der CSV auf. CSV-Präsident Frieden hält das für Folklore. Vater Jean Spautz und Sohn Marc sind katholische Arbeiteraristokratie. Die einzigen ihrer Klasse, die es bei der CSV zu Ministern brachten. Marc Spautz spottet manchmal über die mit den Lackschuhen. Lackschuhe tragen Herren, die nicht durch den Schmutz gehen müssen. Luc Frieden trägt Lackschuhe.

Marc Spautz war LCGB-Funktionär. Seine Berufung ist ein weiteres Zugeständnis an die Gewerkschaften. Er soll ihnen Verständnis entgegenbringen. Taktieren statt diktieren. Es ist auch ein Zugeständnis an die CSV-Basis. Bei der Sonntagsfrage der Ilres verlor die CSV im Oktober vier Parlamentssitze. Die CSV-Basis hält das Projekt Handelskammer-Partei für gescheitert. Wünscht eine Rückkehr zur Volkspartei.

Durch die Geschichte reitet keine Weltseele. „Denn was jeder Einzelne will, wird von jedem Andern verhindert, & was herauskommt ist etwas das Keiner gewollt hat. So verläuft die bisherige Geschichte nach Art eines Naturprozesses, & und ist auch wesentlich denselben Bewegungsgesetzen unterworfen“ (Friedrich Engels an Joseph Bloch, 21.9.1890).

Romain Hilgert
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