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Nationale Wirtschaft 7 Min. Lesezeit

Bürgerpresse

Forum wird 50. Wohin steuert die Autorenzeitschrift in Zeiten der Meinungsflut? Über den Wandel eines ehrenamtlichen Jugendprojektes der 1970er-Jahre

Erschienen in Ausgabe Juni 2026
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Viviane Thill, Präsidentin der ASBL Forum © Photo : Sven Becker

Im Pfaffental sitzt Liliana Miranda vor ihrem Bildschirm. Sie bereitet die Juli-Ausgabe von Forum vor, fett gedruckt steht der Titel „Une success story pour la biodiversité luxembourgeoise“ in ihrem Word-Dokument. „Ich überarbeite die Textstruktur und schaue, ob der Artikel nicht in den Jargon verfällt.“ Der Beitrag wurde von den beiden Botanikerinnen Tania Walisch und Laura Dacco verfasst – also zwei Fachautorinnen. Und bei Fachautoren besteht die Gefahr, dass sie sich in technischen Details verlieren. Dagegen kämpft Liliana Miranda an. Sie ist ehemalige Journalistin beim Quotidien und war bis 2014 ADR-Generalsekretärin (die Partei hat sie damals verlassen, weil ihr ein „seriöses Image“ fehlte und einige Ideen „zu extrem“ schienen). Neben ihr sind zwei Stühle frei: Naomi Berrend, studierte Literaturwissenschaftlerin und Redaktionskoordinatorin, und der Politikwissenschaftler Philippe Reuter, aktueller Heftkoordinator, sind im Homeoffice. Die Sekretärin Ute Hoffmann verwaltet gerade die Abonnentendatenbank. Etwa 1 000 Abonnenten zählt die Autorenzeitschrift.

Eine Zahl, die stabil scheint; im Gesamtkontext des Bevölkerungswachstums jedoch nach unten tendiert. Wie es der Normalfall für die Printpresse ist. Schon 1987 zählte Forum 1 100 feste Abo-Adressen. Die Zahl wuchs vor allem während der Dekade, als Dominique Schlechter durch die Irrungen und Wirrungen der Zeitschriftenproduktion führte. „Auch weil es neben der Tagespresse wenige Printmedien gab. Kein Internet. Und weniger themenspezifische Medien“, erläutert sie. Die ausgebildete Theologin und Sozialwissenschaftlerin war die erste festangestellte Mitarbeiterin von Forum. „Die Aufgaben reichten von der Aboverwaltung über das Schreiben und Redigieren von Texten bis zur Erstellung des Layouts.“ 1985 begann sie diesen Job an der Schreibmaschine, 1997 übergab sie ihn Jürgen Stoldt am Computer. In den Anfangsjahren befand sich das Forum-Büro gegenüber dem Sang a Klang im Ökozenter; seit 2009 nun schräg gegenüber dem Aufzug. „Zu Beginn war vor allem das Zusammenkleben der Schriftstücke für die Druckerei ein geselliger Moment – zu viert trafen wir uns jeweils in einem Keller, in dem wir unsere Blätter großflächig ausbreiten konnten“, erinnert sich Dominique Schlechter.

Ende der 1980er-Jahre wurde eine feste Arbeitskraft nötig, weil nach einer jugendbewegten Anfangszeit der geistige Elan nachließ. Die Jugendlichen, die Forum 1976 gegründet hatten, waren zu Berufstätigen herangewachsen, deren Zeitbudget für das Ehrenamt bei Forum zusammengeschrumpft war. Neben Dominique Schlechter waren in der Anfangsphase überdies ihr Mann aktiv, der Soziologe Fernand Fehlen, dessen publizierten akribischen Wahlanalysen heute ihresgleichen suchen. Darüber hinaus waren der Historiker Michel Pauly, der Lehrer Serge Kollwelter und das Paar Charles Staudt und Christine Blanche ehrenamtlich tätig. Pauly erläutert, dass diese Gruppierung Anfang der 1970er-Jahre durch die Jugendpfarrei zusammenfand, wo sich auch die Jec (Jeunesse étudiante chrétienne) und GAG (Kürzel für gesellschaftspolitische Arbeitsgruppe) formierten. Letztere wollte den christlichen Glauben nicht auf religiöse Praxis beschränkt sehen, sondern äußerte sich politisch: „Wir befassten uns mit Kapitalismuskritik, der Apartheid in Südafrika, Kolonialismus und dem hiesigen Umgang mit Ausländern“, so Pauly. Man habe sich als christliche Gegenposition zur CSV verstanden. Inspiriert war die Jugend damals unter anderem von Johann Baptist Metz. Der Theologe aus Münster verteidigte den Ansatz der „Autorität der Leidenden“, um eine Humanisierung der Welt zu erzielen, und war von der Frankfurter Schule beeinflusst.

Und weil der Chefredakteur des Wort – André Heiderscheid – die Orts- und Zeitangaben der Jugendmessen nicht ankündigen wollte, „entschieden wir Jugendlichen, unser eigenes Blatt zu gründen, das Bulletin d’information hieß“, so Pauly. Aus diesem Bulletin ging das Forum mit dem Schriftzug hervor „fir kritisch Information iwer Politik, Kultur a Relioun“. Mit „Dach, dach Dir kennt dat Blat hei“ stellte man sich im Januar 1976 vor und entschuldigte sich für den recht „banalen“ Magazinnamen. Doch er drücke aus, was man sein wolle: „Eng Plattform vun Dialog, eng Maartplatz vun de Meenungen“. Da man im Inland nicht genügend Schreiber fand, kopierte man gelegentlich aus der ausländischen Presse. In der ersten Nummer befindet sich ein Beitrag aus dem Le Monde mit dem Titel „Démocratie chrétienne et théologie de la révolution“; andere Beiträge befassten sich ebenfalls mit linkskatholischen Themen – den Christ-Marxisten in Italien, die „Kirche und die Leistungsgesellschaft“, religiöse Unterdrückung in der Sowjetunion. Im heutigen religionskulturellen Kontext wäre ein solcher Themenfokus nicht mehr nachvollziehbar.

Auch die politische Großwetterlage war ein andere. Wort-Chefredakteur André Heiderscheid meinte in Zeiten des Kalten Krieges sei es seine Aufgabe, die Gesellschaft vor marxistischen Ideen „in ihren verschiedenen Schattierungen“ zu schützen, da man nicht zur „Verwirrung der Geister“ beitragen wolle. Deshalb stellte er sich gegen die Ansichten der Forum-Mitglieder. Überhaupt drohe der Ruf nach mehr Pluralismus aus dem Wort ein „meinungsloses Allerweltsblatt“ zu machen. Heiderscheids Macht muss zu jener Zeit groß gewesen sein, denn Pauly erinnert sich, dass sogar Bischof Jean Hengen zur Mäßigung gegenüber der Jungchristen aufrief – vergeblich. Dabei war das Wort zu dem Zeitpunkt zu Hundertprozent in der Hand des Bistums.

Ehrenamt, Debatten, gemeinsame Themenfestlegung und Kompetenz von außen einbinden – diese Gemeinschaftskultur will die freiwillige Redaktion, bestehend aus acht Personen, auch heute noch pflegen. Seit über einem Jahr ist die Filmkritikerin und ehemalige CNA-Mitarbeiterin Viviane Thill Präsidentin der Forum-ASBL und Redaktionsmitglied. Ein neuer Akzent, den sie setzen möchte, ist verstärkt auf audiovisuelle Beiträge setzen und „Interviews nicht nur verschriftlicht“ zu bringen. Denn die Jugend werde übers Internet auf Forum aufmerksam, nicht mehr am Kiosk. Man versuche zudem wieder vermehrt „Leit vu guddem Wëllen zesummenzebréngen“ – sprich die Zivilgesellschaft und Organisationen wie die ASTM (Action Solidarité Tiers Monde) und die EwB (Erwuessenebildung). Auch sie stammen wie Forum aus dem Jugendumfeld der 1970er-Jahre.

„Vielleicht wird es Forum – wider Erwarten – in zehn Jahren noch immer geben!“, schrieb Jürgen Stoldt 2010 in der Ausgabe 300. Damit spielte er auf eine Stabilisierung der finanziellen Lage seit 2006 durch einen Förderbeitrag des Kulturministeriums von damals 26 000 Euro an (mittlerweile liegt er bei 52 000). Seit Juli 2021 gewährt der Staat zudem eine Beihilfe von um die 100 000 Euro für die sogenannte presse citoyenne (Bürgerpresse). Eingeführt wurde sie unter Medienminister Xavier Bettel (DP). Wer mindestens zwei professionelle Journalisten beschäftigt, Bürger/innen in die redaktionelle Arbeit einbezieht und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beiträgt, kann so sein Budget aufpäppeln. Nur Forum und Radio ARA erfüllen (bisher) die Kriterien.

2010 war auch die Zeit, in der Forum begann, an der damals noch jungen Universität neue Autoren zur Besprechung sozialwissenschaftlicher Forschungsergebnisse zu finden. Sie lösten die Lehrer/innen ab, die bereit waren, in ihrer Freizeit engagierte Texte zu schreiben (und stattdessen begannen, ihre eigenen Blogs sowie die sozialen Medien zu füttern). Leser mahnten, man solle nicht zum Sprachrohr der Universität werden. Doch bedingt durch den akademischen Publikationsdruck sind Uni-Forscher in der Debatte wieder nahezu verstummt – sie publizieren lieber Jargon-Beiträge für Peer-reviewed-Journals, als sich Steuerzahlern mitzuteilen, die ihre Forschung finanzieren. Zu jener Zeit begann man überdies für die Koordination junge Universität-Absolventen einzustellen, deren erste Generation Laurent Schmit (heute Reporter) und Bernard Thomas bildeten. Die Verfasserin dieses Beitrags übernahm 2013 die Stelle von dem heutigen Land-Journalisten Thomas. 2022 begann man unter Henning Marmulla nur noch sechs Ausgaben im Jahr herauszubringen (mit der Gefahr, den Anschluss an aktuelle Themen zu verlieren), gleichzeitig investierte man mehr Zeit in Public-Forum-Gespräche in den Rotunden.

Die Professionalisierung, die unter Dominique Schlechter begann, wurde mit Jürgen Stoldt von 1997 bis 2002 fortgesetzt. In einer etwas verschlafenen Presselandschaft, in der nahezu nur das Land Brennpunkt politischer Diskussionen war, initiierte er Recherchen über institutionelle Missstände – es entstanden Ausgaben über Wirtschaftskriminalität und Geldwäsche, sowie eine kritische Analyse der Monarchie im Vorfeld des Thronwechsels. Wellen schlug auch die Nummer Was darf Satire, in der die Frage aufgeworfen wurde, inwiefern im Feierkrop misogyne und ausländerfeindliche Töne angeschlagen werden. Die Auseinandersetzung mit der Kirche war nun kaum mehr präsent – der Katholizismus büßte gesamtgesellschaftlich an Bedeutung ein.“ Die Germanistin Lynn Herr versuchte anschließend diesen publizistischen Pfad weiterzugehen.

Wie bringt man heute noch eine bürgerliche Öffentlichkeit zusammen, in der jeder zu allem und zu jedem Zeitpunkt seine Meinung äußern kann? Häufig verschwindet dabei bei nicht-professionellen Schreibern der Rohgedanke hinter einer zwei- bis siebenfachen KI-Filterung. In den Reihen von Forum meint man, in den Verwaltungen, Museen und Archiven würden Köpfe mit viel Wissen sitzen, die dieses nun gezielter nach außen tragen könnten. Engagierte Bürger/innen scheinen aber auch vermehrt den direkten Dialog zu suchen: verkörperte Diskussionsrunden, in denen jeder seine Meinung, Analysen und Idiosynkrasien in Echtzeit zum Besten geben darf. Somit ist es vermutlich nicht verkehrt, seit vier Jahren vermehrt auf Public Forum zu setzen, um eine „gemeinsame Diskussionsplattform“, wie sich die ASBL gerne bezeichnet, zu bieten.