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Umwelt 9 Min. Lesezeit

Als der Wolf noch in unseren Wäldern umherstreifte

Folklore

Erschienen in Ausgabe November 2023
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Der Wolf feiert sein großes Comeback im Großherzogtum. In zahlreichen Presseartikeln wurde in letzter Zeit ausführlich darüber berichtet. Er war eine ganze Weile aus dem Land verschwunden … Es gab eine Zeit – die letztlich gar nicht so lange zurückliegt –, in der er in einer ganz anderen Gestalt sein Unwesen trieb, nämlich als Werwolf. Damals hatte man es nicht mit einem Tier zu tun, sondern mit einer seltsamen Mischform zwischen Tier und Mensch… Wissenschaftlich bezeichnete man diese Kreatur als Lykanthrop. Tauchen wir in die Vergangenheit ein, um ihr zu begegnen.

Unsere Reise in die Vergangenheit beginnt in dem kleinen Dorf Doncols, unweit von Wiltz und der belgischen Grenze, um den berühmtesten Wolf der gesamten luxemburgischen Geschichte kennenzulernen. Tatsächlich gab es in Doncols einst einen seltsamen „Wolfsbürger“. Im Gegensatz zum Werwolf, der Frauen, Männer und Kinder in Angst und Schrecken versetzte, widmete sich der Wolf von Doncols genau dem Gegenteil: Es handelte sich um einen Mann, der echte Wölfe tötete. Jedenfalls behauptete der Mann dies, denn schon bald hielten ihn seine Mitmenschen im Dorf und im restlichen Ösling für einen leicht Verrückten, für eine Art Angeber, der mit vermeintlichen Heldentaten prahlte, die noch zu beweisen waren… Was unser Mann hingegen nicht verheimlichte, war, dass sich seine Wolfsjagd als ziemlich lukrativ erwies. Tatsächlich gewährte die Regierung den Wolfsjägern Prämien, da das bösartige Tier die Schafherden der Region stark dezimierte. Ein erlegter Wolf bedeutete ein gesichertes, komfortables Einkommen.

Unser Freund war stets mit dem Fell eines echten Wolfes bekleidet, wodurch er sich seinen wilden Artgenossen unbemerkt nähern konnte. Er gab nie auch nur die geringste Erklärung darüber ab, woher sein Gewand stammte. Handelte es sich um die Überreste eines Tieres, das er selbst erlegt hatte, oder um ein Fell, das von anderswo stammte ? Dagegen war der Kerl unerschöpflich, wenn es darum ging, den Bürgern von Doncols zu erklären, wie er die monströsen Bestien erlegte. Urteilen wir lieber selbst! Seiner Aussage zufolge war der Moment günstig, zum Angriff überzugehen, sobald sich abends der Nebel über die Umgebung des Dorfes legte.

Den ersten Wolf enthauptete er mit einem Hieb seiner Rebschere, dem zweiten rammte er ein Messer in das Maul, einen weiteren gelang es ihm, auf den Rücken zu legen und mit seinem Dolch aufzuschlitzen. Niemals griff unser temperamentvoller Bürger aus Doncols auf klassische Mittel wie Gewehr oder Gift zurück. Das machte den Reiz seiner Geschichten aus, die er den Dorfbewohnern bei den Abendversammlungen mit vielen Gesten und Übertreibungen erzählte. Bald hielt man ihn für eine Art Gaukler, so sehr hatte man das Gefühl, dass seine Geschichten übertrieben waren. Die Kinder des Dorfes, die eigentlich am meisten Angst vor diesen Erzählungen hätten haben müssen, waren in Wirklichkeit diejenigen, die sich am meisten darüber amüsierten. Unser Wolfsjäger, ein guter Kerl, erkannte das übrigens und um den Kleinen dafür zu danken, dass sie sein bestes Publikum waren, lud er sie mit dem Geld, das er durch die erhaltenen Prämien verdient hatte, zu einem großen Fest ein, bei dem man viel Spaß hatte.

Ein anderes Dorf in der Region hatte in der Vergangenheit sogar mit einem echten Werwolf zu tun: Es handelt sich um Hovelange, das ganz in der Nähe von Arlon und Beckerich liegt. Der Fall, der sich während der österreichischen Besatzungszeit ereignete, war rätselhaft und sorgte für großes Aufsehen. Ein junger Mann lebte bei seinen Eltern, die in einem großen Haus eine Gaststätte betrieben, das übrigens lange nach den Ereignissen den Namen „A Werwolfs“ („Beim Werwolf“) erhielt! Der Vorname unseres Freundes ist längst in Vergessenheit geraten. Der Einfachheit halber nennen wir ihn daher „Jempy“. Eines schönen Tages hielt ein stattlicher Fremder aus Arlon, sichtlich ein ehemaliger Soldat der österreichischen Truppen, am Gasthaus an und bat darum, dort ein Zimmer auf unbestimmte Zeit mieten zu dürfen. Die Wirtin hatte nichts dagegen und führte den Gast, nachdem sie den Preis mit ihm besprochen hatte, in ein geräumiges und komfortables Zimmer. Jempy, der in seinem jungen Alter vor Neugier nur so sprühte, wollte unbedingt mehr über den Mieter erfahren, der auf einem aus Arlon kommenden Pferdewagen zahlreiche und sperrige Gepäckstücke mitgebracht hatte. Doch unser Österreicher war von Natur aus schweigsam, sprach nur wenig und verließ selten sein Zimmer. Um mehr zu erfahren, begann Jempy, seine Bewegungen durch das Schlüsselloch zu beobachten … Eines schönen Tages überkam ihn große Angst. Er hörte, wie der Mieter eine Art Zauberspruch in einer Sprache aussprach, die nur vage an Deutsch erinnerte. Kaum waren die Worte ausgesprochen, verwandelte sich der Gast augenblicklich in einen Werwolf und sprang aus dem Fenster seines Zimmers in Richtung des nahegelegenen Waldes. Man kann sich den Schrecken des jungen Mannes vorstellen, der Zeuge dieser außergewöhnlichen Szene wurde!

Das Szenario wiederholte sich immer wieder, und Jempy wusste, dass der Unbekannte durch die umliegenden Wälder streifte, sobald das Fenster seines Zimmers offen stand. Eines Tages hielt der junge Mann es nicht mehr aus und betrat den Raum. Dort entdeckte er auf einem Tisch ein altes Zauberbuch, in dem er die berühmte Zauberformel lesen konnte, die er kurz zuvor gehört hatte. Er sprach sie seinerseits aus und verwandelte sich ebenfalls sofort in einen Werwolf. Dem Gast seiner Eltern nacheifernd stürmte er in die großen Wälder in der Nähe von Pallen.

Eine ganze Zeit lang terrorisierte er die tapferen Bewohner der Gegend. Doch in seiner Eile hatte der Unbesonnene versäumt, sich die Formel zu beschaffen, mit der er seine menschliche Gestalt wiedererlangen konnte! Eines Tages gelangte die Geschichte an die Ohren des Barons von Guirsch. Als geschickter Jäger suchte der edle Herr den Pfarrer seines Dorfes auf und bat ihn, zwei silberne Gewehrkugeln zu segnen, in der Hoffnung, den Werwolf so durch eine Art göttlicher Fürsprache zu töten. Der Pfarrer, der nicht an die Geschichte glaubte, lehnte dies rundweg ab. Da schlich sich der Baron eines Tages heimlich in die dem Heiligen Willibrord geweihte Kapelle und legte zwei Silbermünzen unter das Altartuch. Der Pfarrer segnete während der Wandlung widerwillig die beiden Taler. Der Baron holte sie anschließend wieder hervor und ließ sie auf dem Schloss zu zwei Gewehrkugeln einschmelzen. Dann begab er sich in den Wald und stieß schließlich auf den Werwolf. Er zielte auf ihn und traf ihn. Das Tier, das voll getroffen wurde, machte einen gewaltigen Sprung in die Luft, bevor es schwer zu Boden fiel. Als er sich dem Leichnam näherte, musste der Baron feststellen, dass es sich um den jungen Jempy handelte, den Sohn der Gastwirte von Hovelange! Der Tod hatte der Kreatur also ihre menschliche Gestalt zurückgegeben.

Nur einen Katzensprung vom Großherzogtum entfernt, am Ufer der Sauer in Belgien, erinnert sich auch das charmante Dorf Wisembach daran, dass es einst von einem Werwolf bewohnt wurde. Tatsächlich lebte vor sicherlich gut einem Jahrhundert in dieser Gegend ein bereits recht betagter Zauberer, der viele Fragen aufwarf und zu zahlreichen Überlegungen Anlass gab. Jeder wusste, dass der alte Mann in einem düsteren Lehmhaus wohnte, das abgelegen auf den Anhöhen des Dorfes lag. Doch entgegen der allgemeinen Annahme lebte der Zauberer nicht in völliger Einsamkeit. Denn trotz seines unschuldigen Gesichts, das an den Tod erinnerte, trotz seines langen grauen Bartes, der ihm bis auf die Knie reichte, und seiner tief liegenden Augen hatte er eine Magd sowie einen jungen Burschen aus Wisembach in seinen Diensten, der gewissermaßen sein Handlanger war.

Dieser Junge, der in einem Alter war, in dem man ganz natürlich das Unbekannte entdecken wollte, hatte bemerkt, dass der alte Zauberer häufig auf mysteriöse Weise verschwand, ohne Vorwarnung und ohne Spuren zu hinterlassen. Und seitdem drang unser junger Freund, getrieben von Neugier, jedes Mal, wenn dies geschah, in das private Arbeitszimmer des alten Mannes ein, um dort herumzuschnüffeln. Und dort, inmitten alter Zauberbücher mit Ledereinbänden, auf denen dämonische und unentzifferbare Zeichen standen, eines abscheulichen menschlichen Skeletts und eines monströsen ausgestopften Krokodils, das hungrig und bösartig aussah, hatte er bemerkt, dass an einer der Wände des Arbeitszimmers ein Ledergürtel fehlte. „Wie ? “, fragte sich der junge Mann, „wenn mein Meister zu Hause ist, ist der Gürtel da, und wenn er weggeht, ist er nicht mehr da ! Was hat das zu bedeuten?“

Der Unglückliche sollte, ganz gegen seinen Willen, schon bald eine Antwort auf diese Frage geben. An einem klaren Märzabend, als der Zauberer ohne seinen Gürtel in den Wald gegangen war, um Kräuter und andere Zutaten für die Herstellung einer Salbe zu sammeln, betrat unser Freund den geheimnisvollen Raum. Dort nahm er vorsichtig und sorgfältig den berühmten Lederriemen in die Hand, betrachtete ihn aufmerksam und äußerte laut folgende Überlegung: „Aber schließlich ist dieser Gürtel doch nichts Außergewöhnliches!“ Und als wolle er diese Aussage untermauern, schnallte sich der junge Mann den berühmten Gürtel um die Taille. Kaum hatte er ihn festgeschnallt, schrie er sich die Seele aus dem Leib! Er fand sich auf dem Boden wieder, auf allen vieren, den Körper mit Fell bedeckt, die Nase verlängert und Sabber an den Lippen. Er war gerade in einen Werwolf verwandelt worden!

Das ist also das Geheimnis des Gürtels! Vor Schmerz außer sich und völlig verzweifelt sprang unser Freund, der sich in das uns bekannte schreckliche Tier verwandelt hatte, aus dem Fenster und rannte zur Kirche von Wisembach. Dort flohen die entsetzten Einwohner in alle Richtungen und schrien sich die Kehlen heiser. Einige mutige Holzfäller aus dem Dorf griffen sofort zu ihren Äxten und nahmen die Verfolgung des Werwolfs auf, den sie schon bald einholten. Einer von ihnen versetzte dem Tier einen Hieb mit seiner Axt, woraufhin dieses einen Schrei ausstieß, der die hereinbrechende Nacht durchdrang. Doch sobald ein erster Blutstropfen den Boden getränkt hatte, nahm das Biest wieder seine menschliche Gestalt an. Die Holzfäller, erschrocken darüber, dass ihr Mitbürger wie durch Zauberei wiedererschien, rannten um ihr Leben und schrien nach Hexerei. Was den alten Zauberer betraf, so nahm er sein Geheimnis auf mysteriöse Weise mit ins Grab, denn am nächsten Tag im Morgengrauen fand man seinen leblosen Körper in einem schlammigen Bach im dunklen Wald von Anlier.

Diese Legende wurde unter Rückgriff auf verschiedene Elemente aus älteren Veröffentlichungen zu diesem Thema verfasst, um einen Text zu erstellen, der alle verstreuten Details und Bestandteile in einem einzigen Werk zusammenfasst. Folgende Quellen wurden herangezogen: Nicolas Warker, Wintergrün, Arlon und Esch-sur-Alzette, 1890 ; Frédéric Kiesel, Légendes d’Ardenne et de Lorraine, Duculot, Gembloux, 1974 ; Frédéric Kiesel, „Légendes et contes du Pays d’Arlon“, Paul Legrain, Brüssel, 1988 ; „Wintergrün. Geschichten, Märchen und Legenden aus der Provinz Luxemburg“, gesammelt von Nicolas Warker, übersetzt von André Neuberg, Musée en Piconrue, Bastogne, 2003 ; „Geschichte vum Ländchen. Geschichte vu gëschter fir Kanner vun haut“, Editions Schortgen, 2014 ; Franz Clément, Légendes de la Forêt d’Anlier, Memory, Tillet, 2021 ; Le Circuit des légendes. Der Legendenweg, Naturpark Haute-Sûre-Forêt d’Anlier und Naturpark Öewersauer