Lydie Polfer ist in ihrer eigenen Strategie gefangen. Seit Jahrzehnten macht die liberale Bürgermeisterin der Stadt das Thema Sicherheit zu ihrem Steckenpferd und schiebt die Schuld stets auf andere, vorzugsweise auf die sozialistischen, christlich-sozialen oder grünen Minister für Polizei oder Justiz. Doch obwohl Polfer nun die Regierung ihrer Träume bekommen hat – mit Léon Gloden, der, wie sie sagt, „zumindest ein offenes Ohr für dieses Problem hat“ (in Wirklichkeit hat er ihr alle Wünsche erfüllt, angefangen beim „Heescheverbuet“ und dem „Platzverweis“), wird die Melodie immer dissonanter. Dennoch spielt Polfer sie weiter. Da ihr die politischen Sündenböcke ausgehen, nimmt sie nun die Staatsanwaltschaft ins Visier und stellt das Prinzip der Ermessensanklage in Frage (es gäbe zu viele eingestellte Verfahren).
An diesem Montag wurde Polfer in der Gemeinderatssitzung von der Grünen-Abgeordneten Christa Brömmel zum Stadtteil „La Gare“ befragt, da diese besorgt über Aufrufe zur Bildung von „Bürgermilizen“ war. Polfers Antwort war scharf: „Vielleicht nehmen wir, im Gegensatz zu Ihnen, die Sorgen der Menschen äußerst ernst.“ Sie hielt Zeitungsartikel hoch, in denen von einem „Pulverfass“ und einem „offenen Drogenzentrum“ die Rede war, und rief aus: „ Ich weiß nicht, ob es euch egal ist, wenn ihr diese Sachen jeden Tag lest ! “ (Und fügte hinzu : „ Und es geht nicht darum, jemandem den schwarzen Peter zuzuschieben “.) Brömmel reagierte heftig auf „ diese Unterstellungen “. Die sozialistische Stadträtin Maxime Miltgen zeigt sich gegenüber der Zeitung „Land“ erstaunt: „Frau Polfer ist wie Teflon. Sie tut so, als hätte sie mit der Situation nichts zu tun.“ Doch diese Haltung lässt sich immer schwerer aufrechterhalten. Denn die Kritik richtet sich nun zunehmend gegen Lydie Polfer selbst: „&„Wir haben reagiert, wir haben extrem viel reagiert“, verteidigt sie sich. Und räumt ein, dass man „die Situation nicht von heute auf morgen ändern“ könne.
Die Lage wird für die Stadtpolizei komplizierter. In der WhatsApp-Gruppe „Quartier Gare – Sicherheit & Sauberkeit“ wurde soeben zu einer „Bürgermiliz“ aufgerufen. Auch auf Facebook findet sich ein Hinweis darauf: „Wenn von ‚oben‘ nichts kommt, dann organisieren wir eben eine Bürgermiliz, um die Ordnung in der Nachbarschaft wiederherzustellen!“ Pikantes Detail: Der Urheber dieses Aufrufs, Patrick Reisdorff, ist Vorsitzender der DP Gare und sitzt für die Liberalen im beratenden Ausschuss für Soziales, Inklusion und Senioren. (Reisdorff war bei den Kommunalwahlen 2005 Letzter auf der DP-Liste gewesen). Vor den Kameras von RTL-Télé versuchte er, seine Äußerungen zu relativieren: „Das will ich eigentlich gar nicht tun. Aber es ist ein letzter Ausweg, wenn wirklich nichts mehr geht!“Die Journalistin entgegnet: „Das darfst du ja auch nicht machen, normalerweise.“ Reisdorff zögert: „Dass wir dann vielleicht mal schauen, wie man das überhaupt machen kann.“&Dann überlegt er es sich anders: „Gott sei Dank müssen wir keine Bürgermiliz gründen, denn das wäre das Ende der Demokratie.“
Lydie Polfer sprach sich gegen die Gründung einer solchen Miliz aus („ das ist natürlich ein No-Go “), zeigte jedoch viel Verständnis für diejenigen, die dazu aufrufen: „ Datt und Huet müssen schon weit gekommen sein, um auf solche Ideen zu kommen “. Anfang des Monats sandte die Bürgermeisterin einen Brief an den Premierminister, der ihr versicherte, einen „Drogendësch 2.0“ einzuberufen, an dem die Stadtverwaltung sowie die Minister für Inneres, Justiz, Gesundheit und Familie teilnehmen werden. Ein Ansatz zeichnet sich bereits ab: Die Ausweitung der Videoüberwachung auf Bonnevoie (bereits unter Etienne Schneider geplant). Kurz gesagt: ein neuer Verdrängungseffekt. Seit den 1990er Jahren dreht sich die Debatte im Kreis, genau wie der Kreislauf aus Polizisten, Dealern und deren gefangener Kundschaft.