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Soziales 7 Min. Lesezeit

Dynamik der Eskalation

Der belgische Kriminologe Johan Deklerck* untersucht, wie Eltern, Lehrkräfte und Medien unbeabsichtigt einen Schulkonflikt verschärfen können

Erschienen in Ausgabe November 2025
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D’Land : Ein Grundschüler in Luxemburg stand kürzlich im Mittelpunkt eines recht ausführlichen und kritischen Artikels in „Le Wort“, nachdem er Gewalt gegen seine Mitschüler ausgeübt hatte. Angesichts des Ausmaßes der Situation haben einige Eltern die Presse kontaktiert und eine Petition an das Bildungsministerium geschickt, die von etwa vierzig Eltern unterzeichnet wurde. Was halten Sie davon?

Johan Deklerck : Wenn man wegen eines Problems, das eigentlich innerhalb der Schule bleiben sollte, an die Presse geht, ist das bereits ein Zeichen für eine Eskalation. Dadurch entsteht eine Dynamik zwischen zwei polarisierenden Gruppen, in der versucht wird, Koalitionen zu bilden – manchmal sogar bis auf Ministerebene –, um sich durchzusetzen. In dieser Situation fehlen das Kind, das die Tat begangen hat, und seine Eltern oft in der öffentlichen Debatte, obwohl sie in der Realität des Falls sehr wohl präsent sind.

Was ist bei der Berichterstattung über solche Fälle zu beachten?

Wenn man solche Vorfälle öffentlich anspricht, sei es in den Medien oder als Verantwortlicher, muss man sehr vorsichtig sein. Oft führt die Berichterstattung in den Medien zu einer Eskalation: Wenn Eltern das Gefühl haben, von der Schulleitung nicht angehört oder ernst genommen zu werden, suchen sie Unterstützung von außen – über die Medien oder soziale Netzwerke –, um zu „gewinnen“ oder ihren Standpunkt durchzusetzen. Entweder das Kind oder wir. Das verwandelt das Problem in eine Konfrontation, in der sich jeder als Gewinner oder Verlierer positioniert. Diese Eskalation offenbart oft Kommunikationsschwierigkeiten zwischen Eltern und Schule, die manchmal mit Familien zusammenhängen, die unter großem Leid stehen oder sich in einer problematischen Situation befinden. Es ist entscheidend, sich umfassend zu informieren und dabei alle soziologischen Aspekte sowie die Wechselwirkungen zwischen Eltern, Schulleitung und Kindern zu berücksichtigen, ebenso wie die Spannungen, die daraus entstehen können.

Wenn Sie in der Schule mit einem Fall von Jugendgewalt konfrontiert sind, welchen Ansatz wählen Sie dann als Erstes ?

Um ein besorgniserregendes Verhalten bei einem Kind zu verstehen, besteht der erste Schritt darin, die Familienkonstellation zu beobachten und zu untersuchen, wie die Familie darauf reagiert. Dies ist der Ausgangspunkt für jede Intervention oder Analyse. Es ist wichtig, die Funktionsweise der Familie zu verstehen: Wer sind die Eltern, wie interagieren sie mit ihren Kindern, gibt es weitere Kinder, die ebenfalls Schwierigkeiten in anderen Klassen oder Schulen haben, und gibt es Probleme im Zusammenhang mit Drogen, Aggressivität, Gewalt oder emotionalen Störungen? Diese Probleme müssen angegangen werden, fallen jedoch nicht direkt in den Zuständigkeitsbereich der Schule. Die Verantwortung der Schule besteht vor allem darin, die Aggression sofort zu unterbinden, wenn sie auftritt, effektiv mit den Familien zu kommunizieren und die betroffenen Parteien darüber zu informieren, welche Maßnahmen sie für den Täter und die betroffenen Opfer ergreift.

Welche Faktoren erklären Gewalt bei Kindern ?

Ein gewalttätiger Schüler ist oft ein Kind, das leidet. Normalerweise verhalten sich Kinder bis zu einem gewissen Grad sozial: Sie schließen Freundschaften, spielen Fußball, fahren Skateboard oder üben andere gemeinsame Aktivitäten aus. Manche Kinder zeigen jedoch eine destruktive Energie, die sie nicht kanalisieren können. Als Kriminologe interessiere ich mich stets für problematische Verhaltensweisen – sie kommen nie aus heiterem Himmel. So kommt es beispielsweise vor, dass das betreffende Kind älter als zwölf Jahre ist und noch in der Grundschule bleibt, während die Mehrheit der Schüler in diesem Alter auf die weiterführende Schule wechselt. Dies kann auf einen schwierigen schulischen Werdegang hindeuten: Der Schüler hat möglicherweise eine Klasse wiederholt oder nicht die erforderlichen Leistungen erbracht, um in die nächste Stufe aufzusteigen. Infolgedessen kann er während seiner gesamten Jugend als „auf Abwege geraten“ angesehen werden. Über die schulische Laufbahn hinaus ist die familiäre Situation ein wesentlicher Faktor. Es ist entscheidend zu verstehen, was sich im Laufe der Jahre in seinem Umfeld abgespielt hat, damit Aggressivität zu einer quasi systematischen Ausdrucksform wird. Aggressivität tritt niemals isoliert auf. Sie ist das Ergebnis komplexer Wechselwirkungen zwischen dem Kind, seiner Familie und seinem schulischen Werdegang.

Lassen sich Frühsymptome erkennen?

Ja. Es lassen sich bestimmte Frühwarnzeichen erkennen, die darauf hindeuten können, dass bei einem Kind die Gefahr besteht, schwerwiegendere aggressive Verhaltensweisen zu entwickeln, wenn keine Maßnahmen ergriffen werden. Diese Verhaltensweisen treten oft schon recht früh auf, etwa im Alter von zehn bis zwölf Jahren, zu Beginn der Pubertät. Sie können sich auf zwei Arten äußern: entweder gegen sich selbst gerichtet, durch Störungen wie Magersucht, Selbstverletzung oder Selbstmordgedanken, oder gegen andere gerichtet, durch körperliche Aggressivität, Mobbing oder Angriffe. Diese Verhaltensweisen entwickeln sich immer im familiären und schulischen Umfeld. Normalerweise sollte sich ein Kind zu Hause und in der Schule geborgen und akzeptiert fühlen. Ist dies nicht der Fall und treten bereits im frühen Kindesalter Anzeichen von Gewalt oder Rückzug auf, besteht die reale Gefahr, dass sich diese Verhaltensweisen verschlimmern, wenn niemand eingreift. In der Grundschule sind gewalttätige oder straffällige Verhaltensweisen noch selten. In diesem Alter ahmen Kinder vor allem das nach, was sie in ihrem Umfeld beobachten, insbesondere in ihrer Familie. Wenn ein Kind regelmäßig miterlebt, wie ein Elternteil schreit, schlägt oder sich gewalttätig verhält, neigt es dazu, diese Verhaltensmuster zu übernehmen. Ein weiteres besorgniserregendes Anzeichen kann der verfrühte Gebrauch sexueller Sprache oder ein Verhalten sein, das darauf abzielt, die Aufmerksamkeit von Erwachsenen zu erregen. In diesem Fall muss man sich fragen: Besteht die Gefahr von Missbrauch oder Misshandlung? Versucht das Kind, auf sich aufmerksam zu machen, um akzeptiert zu werden, oder um auf sein Unwohlsein hinzuweisen? Vor allem zu Beginn der Adoleszenz, etwa im Alter von zwölf Jahren, mit Beginn der Pubertät, kann Aggressivität strukturierter und aktiver werden. Der Jugendliche beginnt, sich außerhalb des familiären Rahmens in Gleichaltrigengruppen zu behaupten, und versucht, seine – manchmal schwierige – Vergangenheit zu verarbeiten, indem er seine Wut nach außen richtet oder sich in Selbstreflexion zurückzieht. Aggressives Verhalten wird dann zu einer Möglichkeit, das Erlebte zu „bewerten“, die Kontrolle über seine Umgebung zu erlangen oder sich mit anderen zu messen. Wenn ein Kind bereits im Alter von sechs oder acht Jahren sehr aggressives Verhalten zeigt, ist dies äußerst selten; in der Regel deutet dies darauf hin, dass es mit einer besonders problematischen familiären oder sozialen Situation konfrontiert war.

Wo endet die Verantwortung der Lehrkräfte?

Die Aufgabe der Lehrkräfte besteht darin, ein Umfeld zu schaffen, das dem Lernen und der ganzheitlichen Entwicklung des Kindes – intellektuell, kognitiv, emotional und sozial – förderlich ist, wobei der Schwerpunkt vor allem auf den Schulfächern wie Sprache, Mathematik, Naturwissenschaften, Geschichte usw. liegt. Wenn ein Schüler auf erhebliche Schwierigkeiten stößt, müssen Lehrkräfte und Schulleitung zunächst externe Unterstützung in Anspruch nehmen: Schulpsychologen, Therapeuten oder medizinisch-psycho-soziale Zentren. Diese Einrichtungen können eine auf den Schüler zugeschnittene Begleitung anbieten. Reichen diese Maßnahmen nicht aus und ist das Problem komplexer, kann es erforderlich sein, Jugendhilfedienste, Sozialarbeiter oder auf Familienunterstützung spezialisierte Psychologen einzubeziehen. Im Rahmen des Unterrichts können Lehrkräfte Anpassungen vornehmen, spezifische Übungen vorschlagen, positives Verhalten fördern und den Schüler bestmöglich unterstützen, doch sie sind keine Therapeuten. Die therapeutische Rolle obliegt den externen Fachkräften, die in Zusammenarbeit mit der Schule dem Schüler helfen, sich im schulischen Umfeld zurechtzufinden. Gelingt es dem Schüler trotz dieser Maßnahmen nicht, sich in die Klasse zu integrieren, benötigt er möglicherweise eine sonderpädagogische Betreuung oder sogar eine psychiatrische oder stationäre Begleitung. In jeder Phase sind die Zuständigkeiten klar geregelt: Die Lehrkräfte kümmern sich um den Unterricht und die schulische Begleitung, die Eltern bleiben für die Erziehung und die Betreuung zu Hause verantwortlich, und die externen Fachkräfte leisten eine auf die spezifischen Bedürfnisse des Kindes abgestimmte Unterstützung.

In einer Situation, in der die Reaktionen der Eltern und der Medien schnell aus dem Ruder laufen können, geht es auch um unsere kollektive Fähigkeit, rational zu bleiben.

In meiner Arbeit als Kriminologe bestehen viele meiner Medienauftritte darin, den Familien Sicherheit zu vermitteln. Die Zahlen steigen nicht dramatisch an, und die meisten Kinder wachsen in stabilen familiären Verhältnissen auf. Meine Aufgabe ist es, zu sagen: „Ihr Kind wird nicht zwangsläufig kriminell werden, Ihre Familie ist nicht in Gefahr.“ Diese Beruhigung ist besonders wichtig in weiterführenden Schulen, wo Jungen häufiger die Schule abbrechen als Mädchen. Mädchen sind in der Regel erfolgreicher und fühlen sich stärker anerkannt, was sich auf ihren schulischen Werdegang auswirkt. Aber jedes Kind ist anders. Manche haben einen „turbulenten“ Werdegang: Sie brechen ab, geraten in Rückstand, finden aber später wieder auf den richtigen Weg zurück. Das Wichtigste ist, dass sie von ihren Eltern geliebt, wahrgenommen und unterstützt werden. Emotionale und familiäre Stabilität zählt weitaus mehr als ein geradliniger schulischer Werdegang.

*Johan Deklerck war am Aufbau des Masterstudiengangs „Mediation“ an der Universität Luxemburg beteiligt und lehrt dort seit 2003