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Institutionen und Demokratie 6 Min. Lesezeit

Miss Stad

Maxime Miltgen soll die LSAP in die Zukunft führen. Porträt der neuen Parteipräsidentin

Erschienen in Ausgabe April 2026
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Miss Stad
Maxime Miltgen vergangenen Dienstag © Photo : Sven Becker

Der Blick aus ihrer Wohnung im letzten Stock zeigt die Dächer der Hauptstadt. Maxime Miltgen lebt als eine von lediglich rund 3 500 Einwohner/innen mitten in der Oberstadt – einem Ort, der sich die letzten Jahre vor allem Luxusläden und Cafés verschrieben hat. Sie ist Stater durch und durch – wuchs im Grund auf, machte ihr Abitur im Lycée Robert Schumann, jobbte als Kellnerin im hiesigen Nachtleben. Allein für ihr Jurastudium verließ sie Luxemburg-Stadt in Richtung Esch-Belval. Seit 2023 sitzt sie für die LSAP im Gemeinderat. Die Wände ihrer Wohnung sind grau gestrichen, ein paar Kunstwerke sorgen für Farbtupfer; Bücher stapeln sich vor der Couch: Juli Zehs Corpus Delicti. Ein Prozess., ein Werk des Nobelpreisträgers Abdulrazak Gurnah, Liebesromane, der Comic Notre Affaire – Une BD de combat et d’espoir über Gisèle Pélicot. Sie setzt uns Tee auf, nimmt am Tisch in Marmor-Optik Platz. Sie wirkt hektisch, atmet durch. Am Wochenende war sie mit der LSAP-Parteiexekutive in Barcelona, wo die „Global Progressive Mobilisation“ stattfand und Politiker/innen wie Pedro Sánchez, Tim Walz, Teresa Ribera und Luiz Inácio Lula da Silva zu Diskussionen einluden.

Die nächsten Jahre werden nicht weniger hektisch: Seit einem Monat ist die 32-Jährige Parteipräsidentin der LSAP, eine Aufgabe, die sie sich mit Georges Engel teilt. In ihrer Kongressrede gab sie sich kämpferisch, forderte Mut für etwas „Radikalität“ ein. Elitismus sei toxisch für eine Demokratie, das Privileg jener mit großem Kapital müsse infrage gestellt werden, ebenso die großen Erbschaften. Das deckt sich mit dem neuen Grundsatzprogramm, das in Sachen Klima, Wohnbau und Besteuerung fortschrittlicher ist, sich jedoch um schaffend Leit statt Arbeiter/innen sorgt und keine Arbeitszeitreduzierung mehr beinhaltet. (d’Land, 30.01.2026) Die LSAP hadert mit ihrer Identität als vergangene Volkspartei in konfliktgeladenen und unvorhersehbaren Zeiten – wem will sie denn nun gefallen? Und wie sich gleichzeitig den Weg zurück in die Regierung sichern, mit einer zunehmend neoliberalen und unternehmerfreundlichen CSV unter Luc Frieden?

Eine einfache Aufgabe steht dem neuen Präsidentenduo demnach nicht bevor. Dass eine junge Frau den Posten übernimmt, ist zu begrüßen. Dass Maxime Miltgen in Erwägung gezogen wurde – Georges Engel fragte sie, ob sie interessiert sei –, liegt aber auch daran, dass die Frauen in der Fraktion alle ablehnten. Weder Liz Braz noch Taina Bofferding, Paulette Lenert oder Claire Delcourt waren interessiert. Dass Ex-Gesundheitsministerin Lenert, zweitbeliebteste Politikerin des Landes, sich nach zweieinhalb Jahren Oppositionsarbeit in den Staatsrat zurückziehen will, ist schlecht für die Partei. Das letzte Debakel liegt drei Monate zurück, als Parteimanager Ben Streff die Fraktion scharf kritisierte und sein Mandat aus Protest niederlegte – die Ex-Ministerinnen seien nicht sichtbar genug, sie blieben hinter seinen Erwartungen zurück. Können die Neuen die Alten – Jean Asselborn, irgendwann Mars Di Bartolomeo –, ersetzen? „Mir musse Gas gin a ganz vill schaffen“, lautet Maxime Miltgens Antwort.

Seit 2018 ist sie Mitglied der LSAP. Zuvor heuerte sie für Wahlkampagnen als Eventmanagerin an, dann holte ihre Freundin Taina Bofferding sie als Kommunikationsbeauftragte ins Innenministerium. Sie lernte die Parteijugend kennen, vernetzte sich. 2023 war sie gemeinsam mit
Gabriel Boisante Spitzenkandidatin in der Hauptstadt. Die beiden Nachteulen ließen bei den Wahlen zwar aus dem Stand alteingesessene Polit-Namen wie Tom Krieps und Cathy Fayot hinter sich, das Gesamtresultat ihrer Partei kann mit 10,65 Prozent jedoch kaum als Erfolg gewertet werden. Sozialismus will auch mit zwei gut vernetzten Stater Profilen nicht in der tiefblauen Hauptstadt ankommen – auch nicht, wenn er im Blazer und Hemd daherkommt. Die DP-Bourgeoisie gibt die Stadt nicht her.

„Sie ist ein bisschen Miss Stad. Wenn man mit ihr in der Stadt unterwegs ist, kennt sie jeden – vom Banker bis zum Obdachlosen“, sagt ihre Freundin Line Wies (déi Lénk). Sie schätze Miltgens Direktheit und Empathie. Sie sei immer irgendwie auf „Hunderttausend“, stets fordernd und aufsässig gegenüber Ungerechtigkeiten. Andere Weggefährten sagen ihr Sensibilität, Ungeduld und Entschlossenheit nach. Sie wirkt energisch und spricht riicht eraus. Ein paar Mal im Gespräch korrigiert sie ihre Wortwahl, wenn etwas falsch interpretiert werden könnte.

Nach ihrem Eintritt in den Gemeinderat wird sie Kommunikationsbeauftragte für die LSAP-Fraktion, einen Posten, den sie nun ebenfalls aufgeben wird. Maxime Miltgen ist seit Jahren für die Plattform Journée Internationale des Femmes (JIF) aktiv und hatte mehrere Jahre den Vorsitz der Femmes socialistes inne. Mit ihren Äußerungen zur besseren Aufteilung der Care-Arbeit und gendergerechter Stadtplanung positioniert sie sich als linke Millennial-Feministin, die häusliche Arbeit, Privilegien und die Trennung zwischen Künstler und Person genauso thematisieren will wie Steuergerechtigkeit und den Mindestlohn. Mit Georges Engel hat sie einen Politiker mit mehreren Jahrzehnten Erfahrung in Realpolitik neben sich.

Parteipräsidentin zu sein, bedeutet zwar viel Sichtbarkeit, jedoch auch Unmassen Organisation, viel Mikro- und Egomanagement, regelmäßigen Austausch mit den Sektionen. Aus welchem Grund nimmt sie all das auf sich – ist es Kalkül für eine Spitzenkandidatur 2028? Sie winkt ab – und wiederholt die Phrase, die sie auch anderen Medien unterbreitete: um die Partei inhaltlich und organisatorisch so aufzustellen, dass sie die nächsten Wahlen gewinnt. „Ech wëll nei Weeër fir nei Problemer fannen an un éischter Front matschaffen.“ Den Stress bekämpft sie mit drei bis fünf Mal Sport in der Woche, vor allem Fitness, sowie basteln und malen und Zeit mit ihren besten Freundinnen.

Ihre Mutter war Flugbegleiterin auf Langstreckenflügen bei der Lufthansa und sie hat zwei Schwestern. Im November vergangenes Jahr verlor sie ihren Vater, Daniel Miltgen, ehemaliger Erster Regierungsrat und langjähriger Präsident des Fonds du Logement; ein harter Moment in ihrem Leben.
Als Kind habe sie viel entdecken können, sei früh mit Kultur in Berührung gekommen. Die Familie fuhr ein Mal im Jahr eine Woche in den Urlaub, irgendwann kam die Skivakanz hinzu. Ein klassisches luxemburgisches Aufwachsen in der gehobenen Mittelschicht – bis auf den Auszug von zuhause mit 18 Jahren.

In ihrer Erziehung sei ihr stets vermittelt worden, ordentlich zu wohnen sei ein fundamentales Recht eines jeden. Die eigene Miete könne sie sich leisten, weil der Preis „sehr sozial“ sei. Das Risiko, in der Politbubble schnell die Verbindung zur Lebensrealität von anderen zu verlieren, sei hoch. „Man muss unbedingt mit den Füßen auf dem Boden bleiben.“ Heute ist der soziale Wohnungsbau in öffentlicher Hand ihr Steckenpferd. Die Aufgabe des Staates sei es, den Vorsprung, den manche aufgrund ihrer Herkunft haben, „auszugleichen“. Derzeit liest sie Thomas Pickettys Rassismus messen, Diskriminierung bekämpfen und einen Liebesroman, ihr „guilty pleasure“. Die LSAP wähnt sie „absolut um richtege Wee“.