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Institutionen und Demokratie 7 Min. Lesezeit

Die Genealogie als Sozialwissenschaft

Über „So nah und doch so fern“ (Ein sozialgeschichtlicher Essay, 1850–1920), das neue Buch von Ben Fayot

Erschienen in Ausgabe Juli 2022
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Die Ahnenforschung erlebt einen Boom, wenn man der neuesten Ausgabe der Monatszeitschrift „Historia“ Glauben schenken darf. Ben Fayot beschränkt sich jedoch nicht darauf, den Stammbaum seiner Familie zu erstellen, sondern erkundet das Leben der „einfachen Leute“, die von 1850 bis 1920 in der Stadt Luxemburg und ihren Vororten lebten. Sein Buch „Des proches si lointains“ (Éditions de la Petite Amérique, 177 Seiten) besteht aus zwei Teilen: zum einen der Suche nach den Vorfahren, zum anderen einem mikrohistorischen Essay über die einfachen Leute der Stadt Luxemburg.

Die Familien Schon die Lektüre des ersten Teils ist aufschlussreich: Der Genealoge Fayot erzählt von den beiden Familien Bastendorff-Fayot und Hildgen-Théato, wobei Willy Bastendorff die Hauptfigur ist, seinen Urgroßvater, einen Schriftsetzer, Gewerkschafter und Ehemann von Joséphine Thibeau, sowie ihre einzige Tochter Maria Bastendorff, die Bernard (Benn) Fayot, seinen Großvater, heiratete. Für jede Person hat er die prägenden Ereignisse recherchiert; bei einigen waren die Quellen spärlich, bei anderen, insbesondere bei Willy Bastendorff, waren die Informationen reichhaltiger. Um die Schlüsselfiguren herum tauchen verbündete oder befreundete Familien auf, deren Leben Ben ebenfalls nachgezeichnet hat. So zeichnet er neben den Familien Bastendorff und Hildgen auch ein Panorama der Familien Thibeau, Mehlen, Knaff, Textor und Theato.

Man findet dort spannende Lebensgeschichten: Kinder aus bescheidenen Verhältnissen, denen der soziale Aufstieg gelungen ist, andere, die weniger Glück hatten, es gibt diejenigen, die ausgewandert sind, weil sie im kleinen, konservativen Luxemburg wohl keine Perspektiven sahen, und es gibt diejenigen, die geblieben sind und mehr oder weniger erfolgreich versuchen, sich in dieser sich nur langsam wandelnden Gesellschaft anzupassen. Man entdeckt auch das Milieu der im Großherzogtum ansässigen Franzosen – der erste Fayot, Auguste, kam 1868 mit seiner Frau und seinem Sohn Gustave aus Paris nach Luxemburg und ließ sich in Hollerich nieder. Er war Handschuhmacher und arbeitete bei der Firma Auguste Charles et Cie. Dies bietet die Gelegenheit, näher auf die Handschuhindustrie einzugehen, die im Luxemburg jener Zeit florierte.

All diese Lebensgeschichten sind Teil der Entwicklung des jungen Großherzogtums Luxemburg, das sich mit Verwaltungen und Institutionen ausstattet und Personal benötigt, wodurch Kinder aus der Arbeiterklasse dort ihren Platz finden können. Diese Entwicklung verläuft jedoch nicht nur harmonisch: Die einfachen Leute leben unter prekären Bedingungen. Ben Fayot liefert zahlreiche Details zu den Wohnverhältnissen, zu den Mietpreisen, zu den Löhnen, die gerade einmal zum Decken der Grundbedürfnisse reichen, sowie zu den hygienischen und sanitären Verhältnissen in dieser Stadt Luxemburg, die nach der Öffnung der Festung im Jahr 1867 langsam beginnt, ihrer Bevölkerung, die bis dahin in der Oberstadt eingeengt war, neue Räume zu erschließen.

Es ist aber auch eine Gelegenheit zu zeigen, wie sich diese Handwerker organisieren, um sich gegen schwierige Arbeitsbedingungen und unzureichende Löhne zu wehren. Willy Bastendorff engagierte sich in der 1864 gegründeten Typografenvereinigung und war von 1900 bis 1915 deren Vorsitzender. Sein Leben widmete er der Gewerkschaftsarbeit, ebenso wie Benn Fayot, Willys Schwiegersohn und somit Bens Großvater, der bis zum Ende seines Berufslebens im Jahr 1954 mal als Vizepräsident, mal als Generalsekretär desselben Vereins tätig war.

Das gleiche Engagement findet sich auch auf Seiten der mütterlichen Familie, bei den Hildgens: Venant Hildgen, Bens Großvater, war 1916 an der Gründung des LMAV (Luxemburger Metallarbeiter-Verband) beteiligt und gehörte dem Vorstand des Landesverbands der Eisenbahner (FNC) an Im Oktober 1919 wurde er auf der sozialistischen Liste zum Abgeordneten gewählt; nach Jahren erfolgloser Versuche kehrte er 1932 in die Abgeordnetenkammer zurück und blieb dort bis 1954.

Die Lebensbedingungen Der zweite Teil des Buches liefert eine allgemeine Beschreibung – d. h. eine, die sich nicht mehr auf die Familienangehörigen des Autors beschränkt – der Lebensbedingungen der Arbeiterklasse im Land und insbesondere in der Stadt Luxemburg. Darin findet sich ein Kapitel über die Arbeitsbedingungen, die Arbeitszeiten, die Sicherheit in den Werkstätten, die Kinderarbeit ; über die Gründung von Versicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit, um den Unwägbarkeiten des Lebens zu begegnen, über die Anfänge der Sozialversicherung ; über die Situation der Kinder und die Bildung; über Frauen; über Wohnverhältnisse, Konsumausgaben und Ernährungsgewohnheiten; über Armut und den Ruhestand.

Diese Kapitel geben somit einen Überblick über die Sozialgesetze, die in diesen Jahren verabschiedet wurden und die – so gering sie auch sein mochten – Verbesserungen für die Lage der Arbeiter mit sich brachten, ohne dabei die Missstände zu verschweigen, die in den Werkstätten und Fabriken weiterhin bestanden.

Sie beschreibt auch die technologischen Innovationen, die nach und nach im Land eingeführt wurden: das Telefon, die Kanalisation, die Wasserleitungen, die Straßenbahn ; man entdeckt darin die Geschäfte, die sich nach und nach entwickelten, als die aufstrebende Mittelschicht über ein Einkommen verfügte, das es ihr ermöglichte, wenn schon keine Luxusartikel, so doch zumindest Geräte zu erwerben, die die Hausarbeit etwas erleichterten. Man erfährt, dass die Mahlzeiten in den meisten Familien zwar bescheiden ausfielen – wenig Fleisch, viel Brot und Kartoffeln, Bohnen und Linsen –, es wohlhabenden Familien jedoch bereits ab 1844 möglich war, Austern, Miesmuscheln und ausländischen Käse zu erwerben. Nicht vergessen werden auch die häufigen Umzüge der Familien der neuen Mittelschicht, die, nachdem sie einen gewissen Wohlstand erlangt hatten, versuchten, ihre Wohnverhältnisse zu verbessern.

Bei der Geburtenkontrolle lässt Ben Fayot auch die gesellschaftlichen Aspekte nicht außer Acht: Ausgehend vom Rückgang der Geburtenrate, der sowohl im katholischen Luxemburg als auch in den Nachbarländern zu verzeichnen war, befasst er sich mit dem Phänomen der Abtreibung, einem Thema, das nach wie vor ein großes Tabu darstellt. Er zeigt auf, dass es im Laufe des 19. Jahrhunderts zwei Prozesse vor dem Schwurgericht in Luxemburg gab – 1892 und 1893 –, bei denen es um Abtreibungsfälle ging und die jeweils mit Freiheitsstrafen für die Angeklagten endeten. Dagegen gab es zwischen 1840 und 1899 54 Prozesse wegen Kindermordes! Dennoch fand in den Zeitungen keine Debatte zu diesem Thema statt. Erst Anfang der 1930er Jahre reichte der sozialistische Abgeordnete Venant Hildgen, der Onkel von Ben Fayot, einen Gesetzentwurf zur Abtreibung ein, der natürlich von der rechten Partei und den Liberalen gegen die Stimmen der Arbeiterpartei und eines unabhängigen Abgeordneten aus dem Osten abgelehnt wurde.

Im Jahr 1936 hingegen legte Abbé Jean Origer, Abgeordneter der Partei der Rechten, einen Gesetzentwurf vor, der darauf abzielte, Verhütungspraktiken und Abtreibungen zu unterbinden. Seiner Meinung nach hatte die Häufigkeit von Abtreibungen erschreckende Ausmaße angenommen!

Historiker und engagierter Bürger Man kann gar nicht genug betonen, wie viele Details dieses hervorragend recherchierte Buch enthält – das Literaturverzeichnis umfasst zehn Seiten –, doch die Lektüre ist ein Muss für alle, die sich für das Leben der einfachen Leute interessieren, die so oft von der Geschichte vergessen werden, weil sie keinen umfangreichen Briefwechsel oder keine Tagebücher hinterlassen haben. Das Verdienst von Ben Fayot ist umso größer, als er in dieser Forschung neue Wege beschreitet und sich bemüht, ganz objektiv zu berichten.

Hinter dieser Objektivität und Unparteilichkeit, zu der sich jeder Historiker verpflichtet fühlt, spürt man natürlich den Mann, der sich für eine solidarischere und gleichberechtigtere Gesellschaft einsetzt. Er macht daraus auch keinen Hehl, geht jedoch erst im letzten (kurzen) Kapitel des Buches ausdrücklich darauf ein. Er ist ein Mann mit Überzeugungen, stolz auf seine Wurzeln und seine Familie, in der mehrere Generationen einer Familie „von gestern und heute“ nacheinander Positionen mit sozialer und politischer Verantwortung bekleiden.

Ein einziges Bedauern bleibt mir : Ben Fayot hat sich auf die Generation seiner Großeltern beschränkt, zweifellos aus Zurückhaltung und aus Respekt vor dem Leben seiner Eltern. Dennoch erwähnt er an einigen Stellen seine Mutter und die Erinnerungen, die sie ihm hinterlassen hat; das ist schade, denn auch sie hätte zweifellos eine Monografie verdient! Diese ihm nahestehenden Menschen sind, trotz der familiären Bindung und ihres gesellschaftlichen Engagements, letztlich doch nur noch weit in der Vergangenheit.