Kommunikationsmittel sagen manchmal mehr aus als das, was man uns zu lesen gibt. Mit ihren fast 180 Seiten, auf denen Begrüßungsworte, Konzertbeschreibungen, Anzeigen, praktische Informationen, Abonnementangebote und Partnerlogos durcheinandergewürfelt sind, ist die Broschüre zur neuen Saison der Philharmonie Luxemburg ein besonders interessantes Medium, das weit über seine rein praktische Funktion hinausgeht. Denn sie erweist sich auch als großartige Zusammenfassung von Widersprüchen und Paradoxien. Kaum schlägt man sie auf, stößt man auf die Werbung eines Automobilherstellers (neben der seltsamerweise das Logo des Kulturministeriums zu sehen ist). Den Grund dafür versteht man zwei Seiten weiter : Er ist einer der wichtigsten Förderer der Institution und nimmt als solcher einen herausragenden Platz im Programm ein, noch bevor die öffentliche Hand zu Wort kommt. Es ist jedoch unklar, wer aus dieser symbolischen und finanziellen Verbindung zwischen der Philharmonie Luxemburg und dem Automobilkonzern tatsächlich als Gewinner hervorgeht. Der Dank an die Förderer („Wir danken unseren Partnern, die durch die Verbindung ihres Images mit der Philharmonie und dem Philharmonischen Orchester Luxemburg sowie durch die Unterstützung ihres Programms dessen Vielfalt und den Zugang zu einem breiteren Publikum ermöglichen“) ist wechselseitig, da die Automobilindustrie darin eine gute Gelegenheit sieht, ihr durch jahrelange CO₂-Emissionen getrübtes Image wieder aufzupolieren. Aber keine Sorge: Das betreffende Auto ist nicht nur ein Elektroauto, sondern verfügt auch über ein einzigartiges Audiosystem…
Erst auf der nächsten Seite folgt die Stellungnahme von Ministerin Sam Tanson (Déi Gréng), die ihre Ausführungen mit einem Nachdruck auf die ökologische Verantwortung der Philharmonie abschließt: „ Schließlich kann und darf der Betrieb einer solchen Einrichtung nicht mehr ohne eine verstärkte soziale und ökologische Verantwortung betrachtet werden, sowohl was ihre Mitarbeiter und ihre interne Arbeitsweise betrifft als auch bei der Organisation ihrer Veranstaltungen und der Ausarbeitung ihres Programms. “ Eine Dimension, die das Ministerium in den seit Juni 2022 geltenden Verhaltenskodex für staatlich geförderte Kultureinrichtungen integriert hat. Anschließend greifen der Generaldirektor und der Vorsitzende des Verwaltungsrats der Philharmonie Luxembourg das Thema des Wandels auf („ Veränderung, Transformation, Entwicklung… “, so beginnen sie ihre Ausführungen), ohne dies jedoch jemals in ökologischen Begriffen zu formulieren: Es geht vielmehr darum, das Publikum dazu einzuladen, bei der Programmauswahl Mut zu zeigen. Dies ist übrigens ein allgemeines Versäumnis, da die Website der Philharmonie keinerlei ökologisches Engagement erwähnt und somit auch nicht hervorhebt – nicht einmal das der EME-Stiftung, der diese Aufgabe eigentlich obliegt.
Heißt das etwa, dass die Philharmonie Luxemburg nicht umweltfreundlich sei – mit ihrem eleganten Gebäude an der Place de l’Europe, ihren 185 Mitarbeitern (einschließlich der Musiker), ihren 400 Veranstaltungen im Laufe des Jahres, ihren Künstlern in Residenz und den Tourneen ihres Orchesters, dessen 90-jähriges Jubiläum wir bald feiern werden, nicht umweltfreundlich wäre? Sarah Bergdoll, die im Dezember 2022 für den doppelten Aufgabenbereich Inklusion und Nachhaltigkeit bei der Stiftung EME eingestellt wurde, versichert uns jedoch, dass sie es (fast) vollständig ist. Und dass seitdem zahlreiche Maßnahmen intern beschlossen und umgesetzt wurden, wie beispielsweise die Einrichtung einer Mülltrennungsstation für die Mitarbeiter und die flächendeckende Installation von LED-Lampen. Und selbst wenn man sich als vorübergehende Lösung auf die Technik verlässt: Die Säle verfügen über eine Klimaanlage, die sich nur bei Anwesenheit von Personen einschaltet. Der Druck von Papierunterlagen wurde um die Hälfte reduziert, und die Broschüre zur neuen Spielzeit kann von der Website heruntergeladen werden. Derzeit wird sogar eine CO₂-Bilanz unter der Leitung des englischen Vereins „Julie’s Bicycle“ erstellt, erklärt die junge Frau. Sarah Bergdoll ist zudem Initiatorin einiger Herausforderungen für das Team, wie beispielsweise Monate ohne Auto, ohne Aufzug oder ohne Papierausdrucke. Und was ist mit den Festlichkeiten, die die Saison begleiten? „Bei den Veranstaltungen, die wir organisieren“, fügt Sarah Bergdoll hinzu, „versuchen wir, die Grundsätze von Green Events Punkt für Punkt zu befolgen. Wir versuchen sogar, die Anstrengungen, die wir im Rahmen von Veranstaltungen unternehmen, nachhaltig zu gestalten und im Alltag umzusetzen.“ Unter diesen Veranstaltungen sticht das Festival „Sang Mat! Nature“ hervor, das sich durch Lieder und Gesangsworkshops für Schulkinder in Luxemburg für den Umweltschutz einsetzt.
Doch der Teufel – oder Gott, je nach Version – steckt im Detail. Es gibt nach wie vor digitale Anzeigen oder einen Shuttlebus, der ausschließlich in Richtung Trier fährt, wodurch das Publikum aus den angrenzenden französischen und belgischen Gebieten ausgeschlossen bleibt. Einen Abend mit dem Titel „Excellence from Overseas“ zu betiteln, mag zudem ungeschickt oder völlig gleichgültig gegenüber den klimatischen Herausforderungen wirken. Auch wenn es nicht darum geht, sich von der Welt abzuschotten und auf renommierte Künstler wie beispielsweise Riccardo Muti zu verzichten, bleibt doch die Tatsache: Zwei amerikanische Orchester werden für ein oder zwei Auftritte in der Philharmonie mit dem Flugzeug anreisen. Ähnliches gilt für das Festival Atlântico, an dem der Brasilianer Gilberto Gil teilnehmen wird, auch wenn die Ensembles hier deutlich kleiner sind. Hier zeigt sich der Widerspruch zwischen einem der Aufgabenbereiche der Philharmonie – die größten Künstler auf die luxemburgische Bühne zu holen – und den Anforderungen der nachhaltigen Entwicklung, mit denen wir heute konfrontiert sind. Um das Transportproblem anzugehen, ist die Philharmonie dem Netzwerk Echo (European Concert Hall Organisation) beigetreten und hat sich dessen im Februar gegründeter Arbeitsgruppe für ökologische Verantwortung angeschlossen, der etwa zehn kulturelle Einrichtungen angehören. Ihr Ziel? „Neben dem Wunsch, zusammenzuarbeiten, möchten wir gemeinsam mit anderen Konzertsälen eine Vorreiterrolle übernehmen, um nachhaltige und umweltbewusste Tourneen zu gewährleisten“, erklärt Sarah. Zwar erfolgt der Transport des Philharmonischen Orchesters (ebenso wie der des Philharmonie-Teams) überwiegend mit dem Bus, doch besteht die Notwendigkeit, sich mit anderen Häusern abzustimmen, um Termine, Unterkünfte und Transportmittel gemeinsam zu nutzen. Die Philharmonie wird sich daher auf internationaler Ebene engagieren, um eine europäische Strategie für Tourneen zu entwickeln. Was das Sponsoring betrifft, das die Philharmonie Luxemburg mit dem deutschen Automobilhersteller verbindet, gibt es keinen Kommentar.