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Europäische und internationale Politik 4 Min. Lesezeit

Landwirtschaft 2.0

Osteuropa

Erschienen in Ausgabe Juli 2021
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Keine Bienen, kein Pollen. Kein Pollen, keine Blumen. Keine Blumen, keine Früchte. Keine Früchte, keine Tiere. Keine Tiere und keine Früchte, kaum etwas zu essen. Kurz gesagt: Es reicht schon, die Bienen auszurotten, um unser Überleben zu gefährden. Durch Umweltverschmutzung und den Klimawandel geschwächt, stellen unsere Ökosysteme für die kleinen Insekten, die für die Bestäubung und Fortpflanzung der Pflanzen sorgen, immer größere Probleme dar. Umweltverschmutzende Industrien treiben sie dazu, in Länder abzuwandern, in denen die Natur besser erhalten geblieben ist. In Europa lassen sie sich bevorzugt in weniger entwickelten Ländern nieder, wo die Natur dem industriellen Ansturm noch nicht erlegen ist.

In diesem Szenario haben die osteuropäischen Länder gegenüber Westeuropa einen Vorteil. Laut dem Ende 2020 von der Organisation „EU Beekeeping Sector“ veröffentlichten Bericht über die europäische Imkerei ist es Rumänien, ein Land an den östlichen Grenzen der Europäischen Union (EU), das sich auf dem Honigmarkt durchsetzt. Im Jahr 2020 war Rumänien mit einer Produktion von 30.000 Tonnen Honig der größte Honigproduzent in der EU. Was die Anzahl der Bienenstöcke betrifft, liegt Rumänien mit zwei Millionen Bienenstöcken an zweiter Stelle hinter Spanien – von insgesamt 18,5 Millionen Bienenstöcken in den 27 EU-Ländern.

Die Rumänen haben den Zauberstab gefunden, um Bienen anzulocken und die Honigproduktion zu steigern. Dieser Zauberstab sind die neuen Technologien, die sich heute in der Imkerei und der Landwirtschaft entwickeln. Der 43-jährige Bogdan Iordache ist Informatiker und entdeckte 2015 seine Leidenschaft für Bienen. So entwickelte er die App „Apiary Book“, die in 18 Sprachen bei Google Play verfügbar ist und die es ermöglicht, Bienen mit einem Smartphone zu verwalten. Das kleine rumänische Start-up hat sich schnell zum Weltmarktführer in diesem Bereich entwickelt und 22.000 Abonnenten sowie 160.000 Downloads verzeichnet. „Als Informatiker saß ich die ganze Zeit vor meinem Computer“, erklärt Bogdan Iordache. Ich brauchte einen Vorwand, um mich zu zwingen, aus dem Haus zu gehen und wieder einen Bezug zur Natur herzustellen, und habe einen Imkerkurs besucht. Anfangs habe ich die gesammelten Daten in ein Notizbuch eingetragen. Und dann habe ich die App „Apiary Book“ entwickelt.“ Eine Idee, die heute Millionen Euro wert ist.

Neue Technologien verändern nicht nur das Leben der Bienen, sondern auch die Landwirtschaft. Osteuropa hat von den kommunistischen Regimes eine kontrastreiche Situation geerbt. Einerseits die riesigen Landflächen der großen, staatlich geführten Betriebe. Andererseits die kleinen Flächen, die von den Bauern mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln für den Selbstversorgungsanbau bewirtschaftet wurden. In den 1990er- und 2000er-Jahren hatten die privatisierten Großbetriebe den Wettlauf um die Landwirtschaft gewonnen, doch nun spielen die neuen Technologien den Kleinunternehmern in die Hände.

Der Fall Rumäniens verdeutlicht diese Gegensätze. Laut Eurostat, dem statistischen Amt der EU, befindet sich ein Drittel der kleinen landwirtschaftlichen Betriebe der EU in Rumänien, wo neun von zehn Betrieben – 92 Prozent der 3,1 Millionen Betriebe – eine Fläche von weniger als fünf Hektar haben. Am anderen Ende des Spektrums bewirtschaften jedoch 0,8 Prozent der Betriebe mit mehr als 50 Hektar über die Hälfte der gesamten landwirtschaftlichen Fläche des Landes. Der landwirtschaftliche Betrieb in Braila, einer Stadt im Osten Rumäniens, verfügt über 70.000 Hektar Land und rühmt sich, der größte landwirtschaftliche Betrieb Europas zu sein.

Lange Zeit gaben die riesigen landwirtschaftlichen Betriebe in Osteuropa den Ton an, doch nun wendet sich das Blatt zugunsten kleinerer Betriebe, die dank moderner Technologie eine Nische für die Zukunft finden. Norofert ist ein kleiner landwirtschaftlicher Betrieb, der im Jahr 2000 in Rumänien gegründet wurde und 2015 dank einer Technologie, die umweltfreundliche Düngemittel in Form von Brausetabletten herstellt, einen Aufschwung erlebte. „Wir haben die Nische des ökologischen Landbaus erschlossen, und das hat funktioniert“, so Vlad Popescu, der Chef von Norofert. „Wir sind gerade dabei, eine Niederlassung unseres Unternehmens in den Vereinigten Staaten zu eröffnen, um den amerikanischen Markt zu erschließen.“ Neue Technologien haben die Industrielandschaft verändert und beginnen nun, auch die Landwirtschaft grundlegend zu verändern. Junge Unternehmer übernehmen das Ruder, und sie sind es, die neue Technologien in die Landwirtschaft einbringen werden.“

Rumänien nutzt die technologischen Fortschritte, um seinen Rückstand gegenüber den westlichen Volkswirtschaften aufzuholen. Am 21. April wurde das rumänische Unternehmen UiPath, das sich zum Weltmarktführer im Bereich der robotergestützten Prozessautomatisierung entwickelt hat, an der New Yorker Börse mit vierzig Milliarden Dollar bewertet. Vergessen ist die bescheidene Wohnung in Bukarest, in der das Unternehmen mit einem kleinen Team junger Informatiker seinen Anfang nahm. Vergessen sind die brachliegenden Felder und die Bauern, die vor zehn Jahren noch mit Pflügen den Boden bestellten. Heute sind die jungen Informatiker die neuen Bauern, die ihre Kreativität in der Landwirtschaft einbringen.