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Europäische und internationale Politik 5 Min. Lesezeit

Auf der Suche nach der Bären-DNA

Rumänien

Erschienen in Ausgabe August 2021
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Die Bärenjagd hat begonnen, doch die 6.700 in Rumänien lebenden Bären haben nichts zu befürchten. Sie geraten nicht ins Visier der Jäger, sondern in das der Genetikexperten, die sich anschicken, die größte Bären-Datenbank Europas aufzubauen. Rumänien hat die größte Bärenpopulation in Europa. Laut Statistiken des World Wildlife Fund (WWF), die 18.000 Bären in Europa erfassen, leben fast vierzig Prozent davon in Rumänien. Doch auch wenn ihre Zahl mit ausreichender Genauigkeit geschätzt wird, ist es schwierig, ein genaues Bild dieses Schatzes der europäischen Tierwelt zu erhalten. Wie viele Männchen und Weibchen gibt es? Wie sieht ihre Fortpflanzungsdynamik aus, und welche Altersgruppen gibt es? Wie viele von ihnen sind gesund und wie viele sind krank? Welche Tiere kommen in die Dörfer und Städte, um sich Nahrung zu beschaffen, und welche bleiben in ihrem natürlichen Lebensraum?

All dies sind Fragen, auf die neue Technologien eine Antwort bieten, nämlich den genetischen Fingerabdruck, den man durch die Untersuchung der in Haaren und Kot (Exkrementen) enthaltenen DNA erhält. „Der genetische Fingerabdruck ist die zuverlässigste Methode zur Schätzung des Bärenbestands“, erklärte Barna Tanczos, Minister für Umwelt, Wasser und Forstwirtschaft. Diese Maßnahme ist eine wissenschaftliche Premiere, da diese Methode noch nie auf eine so große Bärenpopulation wie die in Rumänien angewandt wurde. Jeder genetische Nachweis wird mit einem Barcode versehen, der es ermöglicht, die auf der Grundlage von DNA-Analysen gewonnenen Informationen zu digitalisieren. „Wir werden mit Experten aus Norwegen, Großbritannien, Schweden, Slowenien und der Slowakei zusammenarbeiten“, so der Minister weiter.

Die EU wird dieses Projekt mit zehn Millionen Euro finanzieren. Neben dieser umfassenden Bestandsaufnahme der Bärenpopulation plant die Regierung die Eröffnung eines Pflegezentrums für kranke Bären, dessen Kosten auf zwei Millionen Euro geschätzt werden. Mehr als sechzig Hektar Wald wurden für dieses Projekt in der Nähe von Brasov, einer Stadt am Fuße der Karpaten im Zentrum des Landes, reserviert. „Dieses Projekt ist von entscheidender Bedeutung, um das Problem der Interaktion zwischen Mensch und Bär zu lösen“, erklärte Cristian Ghinea, Minister für Investitionen und europäische Projekte. „Es handelt sich um einen neuen Ansatz, der ein modernes Management des Bärenbestands ermöglichen wird. Dieses Projekt wird auch dazu beitragen, Zwischenfälle bei Begegnungen zwischen Menschen und Bären zu begrenzen.“

In den letzten Jahren haben sich immer mehr Bären daran gewöhnt, auf der Suche nach Nahrung in Dörfer und Städte hinabzusteigen. Die Zahl der Angriffe hat sich vervielfacht und oft Opfer gefordert. Im Land von Dracula ist der Bär der König der Wälder und hat sich rasant vermehrt, wobei er von einem rechtlichen Rahmen profitiert, der ihn unantastbar macht. Im Jahr 2015 hat Rumänien ein neues Gesetz verabschiedet, um seine Rechtsvorschriften an die europäische „Habitat-Richtlinie“ anzupassen. Die Bärenjagd wurde verboten, und Wildernern drohen hohe Freiheitsstrafen.

Was Bären betrifft, die in Dörfer und Städte vordringen, sieht das Gesetz vor, dass eine Notrufnummer angerufen werden muss, und nur die Behörden sind befugt, einzugreifen. Ziel der Aktion ist es, das Tier abzuschrecken, ohne sein Leben zu gefährden. „Wir haben Angst, unser Haus zu verlassen“, sagt Fodor Istvan, der Bürgermeister von Bodoc, einem Dorf im Zentrum des Landes, das häufig von Bären aufgesucht wird. „Die Bären sind überall, sie dringen in Restaurants und Hotels ein und haben gelernt, Kühlschränke zu öffnen und zu leeren. Sie fressen alles, was sie finden, einschließlich Tiefkühlfleisch. Man kann nichts gegen sie ausrichten. Wir rufen die Gendarmen, die versuchen, sie mit Knallkörpern zu verscheuchen, aber das funktioniert nicht immer. Die einzige Lösung ist, die Jagd auf sie zuzulassen“, behauptet der Politiker.

Doch die Bärenjagd ist keine leichte Aufgabe. Nur Bären, die Menschen angreifen, dürfen erlegt werden, und die Jäger müssen warten, bis der Umweltminister eine Anordnung unterzeichnet hat – was dieser erst tun kann, nachdem er grünes Licht von der Rumänischen Akademie erhalten hat. Ein solches Verfahren macht ihre Erlegung zu einer schier unmöglichen Aufgabe. Im Jahr 2020 wurden lediglich zwanzig Bären erlegt. Die Regierung bereitet sich darauf vor, eine neue Verordnung zu verabschieden, um die Bärenjagd ab Beginn des neuen Schuljahres zu erleichtern. „Wir wurden nicht von den Bären, sondern von den Menschen gewählt“, erklärte Vizepremierminister Kelemen Hunor. „Wir müssen bei der Bewältigung dieses Problems ein Gleichgewicht finden. Wir haben nichts gegen Bären, aber wir wurden gewählt, um in erster Linie die Menschen zu schützen.“

Die Kontroverse zwischen der Regierung und den Tierschutzverbänden ist noch lange nicht beendet. Die Tierschutzverbände sind der Ansicht, dass es in der Verantwortung des Menschen liegt, den Kontakt mit Bären zu vermeiden. Sie werfen der Regierung vor, dem Druck der Landwirte nachzugeben, und fordern sie auf, die entsprechende EU-Richtlinie weiterhin einzuhalten. Doch die Methode der DNA-Analyse dürfte die Gemüter beruhigen. Mithilfe der DNA-Analyse lassen sich Bären lokalisieren, die es sich zur Gewohnheit gemacht haben, sich aus den Kühlschränken der Bauern zu bedienen, sowie solche, die Menschen angreifen. Die künftige Bestandsaufnahme der Bärenpopulation in Rumänien und ihres Verhaltens wird es ermöglichen, die problematischen Exemplare zu isolieren. Der Bär wird weiterhin der König der Karpaten bleiben, doch seine Kontakte zum Menschen werden eingeschränkt sein. Der Frieden zwischen Mensch und Bär liegt in der DNA des Bären.