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Europäische und internationale Politik 4 Min. Lesezeit

Digitale Kunst, die die Wirtschaft grundlegend verändert

Rumänien

Erschienen in Ausgabe September 2021
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In ganz Europa bekehren sich Tausende von
Start-ups zu einer neuen „Religion“. Diese lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: die Digitalisierung eines Wertes oder die digitale Kunst. Das Phänomen begann Anfang dieses Jahres und trägt einen englischen Namen: NFT, Non-Fungible Token. Ein NFT ist ein digitalisiertes Kunstwerk, das nicht „fungibel“, also reproduzierbar, ist. Geld ist zum Beispiel fungibel. Eine 1-Euro-Münze kann gegen eine andere 1-Euro-Münze getauscht werden, weil beide Münzen fungibel sind. Sie haben denselben Wert, und deshalb können sie ausgetauscht werden. Ein Kunstwerk ist nicht fungibel, da es einzigartig ist, und genau diese Einzigartigkeit garantiert seinen Wert. Das Gemälde, das die Mona Lisa darstellt, kann nicht gegen ein Foto dieses Gemäldes ausgetauscht werden, da es einzigartig, also nicht fungibel ist, während ein Foto unendlich oft reproduziert werden kann.

Ein Gemälde, ein Musikstück oder ein Film können nun in digitaler Form vorliegen. Die neuen Blockchain-Plattformen haben einen Weg gefunden, die Einzigartigkeit eines digitalen Werks mithilfe mathematischer Algorithmen zu gewährleisten. Innerhalb weniger Monate haben Tausende von Künstlern aus aller Welt ihre Werke in Form von NFTs ins Internet gestellt. Dieser neue Markt hat bereits ein Volumen von mehreren Milliarden Dollar und wächst täglich weiter. Zwar handelt es sich um einen Trend, der eine Finanzblase hervorrufen könnte, doch die Bewegung ist ins Rollen gekommen.

Man braucht keine Galerie, um ein Gemälde zu verkaufen, man braucht keinen Produzenten, um ein Musikstück zu verkaufen, man braucht keinen Verlag, um ein Buch zu verkaufen. NFTs besiegeln das Ende aller Zwischenhändler und schaffen eine direkte Beziehung zwischen dem Künstler, der sein Werk verkauft, und dem Käufer. Zugegeben, wie jedes Mode-Phänomen in seinen Anfängen ist auch die digitale Kunst von allerlei Exzessen geprägt. Zweifelhafte Werke werden im Handumdrehen für Millionen von Dollar verkauft. Die NFT-Plattformen werden wie ein neues Eldorado gestürmt: rarible.com, opensea.io und die Veve-App für Mobiltelefone (www.veve.me).

Der NFT-Hype wird wahrscheinlich vorübergehen, aber er wird tiefe Spuren hinterlassen: die Idee, einen Wert zu digitalisieren. Kurz gesagt: Alles kann digitalisiert und in den virtuellen Raum verlagert werden, wo eine neue Wirtschaft entsteht. Ein Vertrag kann in Form eines NFT digitalisiert werden, eine Immobilie oder ein Grundstück kann als NFT verkauft werden – und das ist erst der Anfang. Wie zu Zeiten der italienischen Renaissance im 14. Jahrhundert läutet die digitale Kunst eine Renaissance 2.0 ein, die aus dem virtuellen Raum hervorgeht.

Die Künstler haben diesen Raum für sich entdeckt, und nun ist es an der gesamten Wirtschaft, sich dieser Bewegung aus der Zukunft anzuschließen. Sie kennt keine Grenzen und steht allen offen. Die neuen digitalen Technologien bieten eine enorme Chance für die osteuropäischen Länder, die den Rückstand gegenüber den westlichen Volkswirtschaften verringern wollen. In den ehemaligen kommunistischen Ländern schießen Start-ups wie Pilze aus dem Boden und verändern die wirtschaftliche Landschaft grundlegend.

Im Jahr 2018 gründeten die beiden Brüder Beniamin und Lucian Mincu in Sibiu, einer Kleinstadt im Zentrum von
Rumänien, ein Start-up, das sich auf Blockchain-Technologie spezialisiert hat. Heute hat ihr Unternehmen, Elrond, Kapital in Höhe von zweieinhalb Milliarden Euro angezogen. „Geld ist für uns kein Problem mehr“, erklärt Beniamin Mincu. „Unsere Herausforderung besteht darin, uns auf unser Ziel zu konzentrieren, nämlich mit Maiar, unserer neuen App, eine Milliarde Nutzer zu gewinnen. Damit lassen sich Geldtransfers zu Kosten durchführen, die hundertmal niedriger sind als die derzeit auf dem Markt üblichen.“

Elrond ist eine Partnerschaft mit dem Untold-Festival eingegangen, einem der größten Musikfestivals in Osteuropa, das Mitte September in Cluj seine Pforten öffnet – einer Stadt im Nordwesten Rumäniens, die als „das neue Silicon Valley Europas“ bezeichnet wird. Die Künstler begnügen sich nicht mehr damit, ihre Show auf einer Bühne zu präsentieren, sondern können ihren Fans nun auch NFTs anbieten. Diese digitalen Werke sind Teil einer Sammlung namens „Der Kodex der Magie“ und werden bereits auf der Plattform Opensea zum Verkauf angeboten. „Die Blockchain-Technologie birgt großes Potenzial für große Zusammenkünfte von Digital Natives, die sich dank NFTs mit der lokalen Wirtschaft vernetzen“, erklärte Beniamin Mincu.

In der Welt der jungen Millennials dreht sich alles immer schneller. Ihr Geschäft spielt sich im Internet ab, mit Parametern, die es ermöglichen, einen Wert zu digitalisieren. Wer in den 90er Jahren modern sein wollte, kaufte sich ein Stück Land auf dem Mond.  Um 2021 im Trend zu liegen, muss man Grundstücke in der virtuellen Welt kaufen.  Das geht auf der Plattform Decentraland (decentraland.org), einer Art dezentralisiertem Land im digitalen Raum. Tausende junger Menschen haben sich dort eingefunden, um virtuelles Land zu kaufen, auf dem sie Geschäfte, Museen, Spielbereiche und so weiter einrichten.  In den Tiefen des Internets entsteht eine neue Welt, und NFTs werden ihr neues Passwort sein.