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Europäische und internationale Politik 11 Min. Lesezeit

Die Geistergefangenen

Wie Russland heimlich Tausende ukrainischer Zivilisten festhält. Eine Recherche, die von der verstorbenen Journalistin Viktoriia Roshchyna begonnen und von Forbidden Stories fortgesetzt wurde

Erschienen in Ausgabe Mai 2025
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Hintergrund
Die Leiche der ukrainischen Journalistin Viktoriia Roshchyna wurde im Februar 2025, vier Monate nach der Bekanntgabe ihres Todes, in ihre Heimat überführt. Sie war bei Recherchen über illegal inhaftierte ukrainische Zivilisten in der Region Saporischschja gefangen genommen worden und wurde selbst über ein Jahr lang unter Isolationshaft in besetztem Gebiet und in einem russischen Gefängnis festgehalten. Die Leiche, die zurückgegeben wurde, wies Folterspuren auf. Mehrere Organe fehlten. Zwei Quellen von Viktoriia auf dem besetzten Gebiet sowie ihre Chefredakteurin bestätigten gegenüber Forbidden Stories

Fünf Minuten lang Schläge, ohne Unterbrechung. „Sie haben mir nicht einmal Zeit gelassen, den Kopf wegzudrehen. Die Russen sagten nichts. Sie haben mich einfach nur geschlagen.“ Nach der Prügelattacke hat Vitali2 keine Kraft mehr. Seine Mitgefangenen helfen ihm, sein blutüberströmtes Gesicht zu reinigen. Eine kurze Pause, dann greifen seine Wärter erneut an. Sie stülpen ihm einen Sack über den Kopf, legen ihn auf den Boden und fesseln ihn. „Sie haben Kabel an meinen Beinen befestigt. Ich weiß nicht mehr, wie lange das gedauert hat. Sie haben Stromstöße abgegeben“, erzählt er mit ruhiger Stimme, während er im „Puri Chveni“, einem georgischen Restaurant in der Stadt Saporischschja, am Tisch sitzt. Vitali bestellt weder etwas zu trinken noch etwas zu essen. Der ehemalige Mechaniker ist nach wie vor zutiefst gezeichnet und traumatisiert von seiner Haft. Er muss all seinen Mut aufbringen, um die Einzelheiten laut auszusprechen.

Er erinnert sich noch genau an jenen 27. Juli 2022, an die Russen, die ihn in seiner Tankstelle in Melitopol – einer Großstadt, die seit Februar 2022 von Russland besetzt ist – zusammenschlugen und mitnahmen. Zunächst in eine „Garage“ – eines dieser leerstehenden Industriegebäude, die von den Besatzern zur Folterung von Ukrainern genutzt werden –, wo er Elektroschocks ausgesetzt wurde. Anschließend wurde er in eine Haftanstalt mit elenden Zellen verlegt, wo seine Gefangenschaft fast zwei Monate dauerte. Ohne Kontakt zu Angehörigen oder einem Anwalt und ohne dass eine Anklage gegen ihn erhoben wurde. Tausende Zivilisten wurden seit Beginn der groß angelegten Invasion der Ukraine auf diese Weise rechtswidrig entführt. „Sehr oft werden sie in Isolationshaft gehalten, das heißt, man nimmt sie inoffiziell fest und sperrt sie in Keller oder in den Städten ausgehobene Gruben“, erklärt Michail Savva, Experte des Zentrums für bürgerliche Freiheiten (CCL), einer ukrainischen Nichtregierungsorganisation, die 2022 den Friedensnobelpreis erhielt. Sie werden geschlagen, gefoltert und zu Geständnissen gezwungen. “ Und sie sind vollständig von der Außenwelt abgeschnitten.

Diese „Geisterhäftlinge“ waren eine der Obsessionen von Viktoriia Roshchyna. Die ukrainische Journalistin verschwand Anfang August 2023, als sie über diese geheimen Haftanstalten in einem Dreieck zwischen Melitopol, Enerhodar und Berdiansk im Südosten des Landes, auf besetztem Gebiet, recherchierte. Von diesem undurchsichtigen System verschlungen, wurde sie anschließend über ein Jahr lang inhaftiert, davon mindestens acht Monate in Taganrog jenseits der Grenze in Russland, bevor sie im Oktober 2024 vom russischen Verteidigungsministerium für tot erklärt wurde. Sie war 27 Jahre alt. „Forbidden Stories“, dessen Aufgabe es ist, die Arbeit von getöteten, inhaftierten oder zum Schweigen gebrachten Reportern fortzusetzen, startete das Projekt unmittelbar nach der Bekanntgabe ihres Todes. Anschließend recherchierte die Organisation drei Monate lang gemeinsam mit zwölf Medienpartnern, um heute die Geheimnisse der von Russland gegen ukrainische Zivilisten eingesetzten Vorgehensweise aufzudecken.

Vermummte Soldaten ohne Erkennungszeichen

Wie im Fall von Vitali beginnt die Gefangenschaft fast immer mit dem gleichen Anblick: vermummte Personen in unauffälliger Kleidung, mit einem Maschinengewehr über der Schulter. Es ist etwa 9 Uhr morgens am 24. August 2022, als Maksym Ivanov sie in einem Renault Duster-SUV heranfahren sieht. Es ist der Tag, an dem der Unabhängigkeit der Ukraine von der UdSSR (im Jahr 1991) gedacht wird. Der 28-jährige Landschaftsgärtner wird festgenommen, als er zusammen mit seiner Partnerin Tatyana Bekh in der Innenstadt von Melitopol pro-ukrainische Flugblätter verteilt. „Sie haben mich zu Boden gedrückt, meinen Rucksack durchsucht und mein Handy überprüft“, erinnert sich der junge Mann. Mit Handschellen gefesselt wird das Paar zur Polizeistation in der Chernyshevskogo-Straße gebracht. Maksym Ivanov lässt sich während des Verhörs durch zwei Russen „in T-Shirt, Baskenmütze und Sturmhaube“ nicht aus der Ruhe bringen. Er sagt ihnen, dass sie „keinerlei Recht haben, sich auf ukrainischem Territorium aufzuhalten“. Daraufhin verprügeln ihn seine Bewacher mit Schlägen in die Rippen und ins Gesicht.

Diese maskierten Gorillas werden von den Einwohnern meist mit Offizieren des russischen Geheimdienstes gleichgesetzt. „Es handelt sich höchstwahrscheinlich um den FSB [Föderaler Sicherheitsdienst, Anm. d. Red.], bekräftigt Michail Savva. „Aber das ist nicht immer der Fall. Sie verbergen ihre Identität. Es könnte sich auch um den militärischen Spionageabwehrdienst handeln.“ Im jüngsten Bericht der vom Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen eingesetzten Unabhängigen Internationalen Untersuchungskommission zur Ukraine wird im Zusammenhang mit diesen Entführungen neben dem FSB auch die Anwesenheit „russischer Streitkräfte“ erwähnt. Diese Unklarheit über die genaue Identität der Entführer behindert die Suche der Familien, die sich mitten im Nebel befinden. Olga2 hat Himmel und Erde in Bewegung gesetzt, um auch nur die geringste Spur von ihrem Ehemann Oleksandr2 zu finden, der im Dezember 2022 in ihrem Dorf nördlich von Melitopol verschleppt wurde. „Ich habe mich vom ersten Tag an an den Untersuchungsausschuss der Russischen Föderation gewandt. Ich habe den FSB zweimal kontaktiert und mir wurde gesagt, er befinde sich nicht in Haft oder es liege keine Anklage gegen ihn vor. Ich habe achtmal an das russische Verteidigungsministerium geschrieben, das mir erst im März 2024 zum ersten Mal geantwortet hat“, berichtet die 50-Jährige.

Gleichzeitig werden die Geiseln während ihrer Gefangenschaft zermürbt. Zunächst durch die Lebensbedingungen – oder besser gesagt: die Überlebensbedingungen. Vitali beschreibt die Garage als einen Raum von „ zehn mal fünf Metern “. In einer Ecke steht ein leeres Metallregal, daneben ein Plastikvorhang und ein Eimer, der als Toilette dient. Auf dem Boden liegen „drei oder vier alte Holztüren“, darauf abgenutzte Decken. In der Mitte steht ein abgenutztes Sofa. „Wir haben auf diesem Sofa und auf diesen Türen geschlafen.“ Als er in ein illegales Haftzentrum in Melitopol verlegt wurde, befand sich seine Zelle zur Hälfte im Keller, mit einem defekten Waschbecken und ohne Zugang zu einer Dusche. Dann folgten tägliche Folterungen. „Es gab Russen, die speziell dafür zuständig waren. Sobald sie die Musik voll aufdrehten, bedeutete das, dass sie mit der Folter begannen“, erinnert sich Petro2, der einen Monat lang als Geisel festgehalten wurde. „Und trotz der lauten Musik hörte ich meinen Zellnachbarn schreien und sie anflehen, aufzuhören.“ Ständige Gewalt, die so extrem war, dass die Bewohner der besetzten Gebiete diese Orte als „Folterkammern“ bezeichneten. „Folter ist untrennbar mit Verhören verbunden, der FSB greift zu Gewalt, um ein Geständnis zu erzwingen“, erklärt eine europäische Sicherheitsquelle. Sobald die Geständnisse unter Folter erzwungen wurden, können manche freigelassen werden. Andere Ukrainer werden hingegen in das offizielle russische Strafvollzugssystem überstellt, wo sie weiterhin als „Phantomhäftlinge“ ohne Anklage oder mit einer frei erfundenen Anklage – beispielsweise Terrorismus oder Sabotage – festgehalten werden. Doch in einer von Moskau anerkannten Strafkolonie oder einem Untersuchungsgefängnis zu landen, ist bei weitem keine Rückkehr zur Normalität. Im Gegenteil. „Russland setzt eine Foltermaschine ein. Das ist eine institutionalisierte Praxis innerhalb und außerhalb des Landes“, erklärt Alice Jill Edwards, UN-Sonderberichterstatterin für Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe.

Die Koordinierungszentrale für ukrainische Kriegsgefangene und das CCL haben 186 Haftorte für ukrainische Zivilisten und Soldaten in Russland und den besetzten Gebieten erfasst. „Forbidden Stories“ und seine Partner haben mindestens 29 davon identifiziert, in denen Folter und Misshandlungen an der Tagesordnung sind. Darunter befindet sich die Haftanstalt Nr. 2 (SIZO-2) in Taganrog, eine Hölle für die Ukrainer. Dort war Viktoriia Roshchyna in den letzten Monaten ihres Lebens inhaftiert.

„ Mach dich bereit, wir zeigen dir die Freuden
des Lebens “

„Eine neue ukrainische Hure ist angekommen, und wir werden sie ficken.“ Mit diesen Worten wird Yelyzaveta Shylyk am Morgen des 31. Januar 2023 in Taganrog empfangen. Bevor sie sie beleidigten, hatten die Wärter sie ausgezogen und aus allen Blickwinkeln gefilmt. Als sie ihr die Hände auf den Rücken legten, um sie in die Zelle zu führen, flüsterte einer von ihnen: „&Mach dich bereit, wir werden dir alle Freuden des Lebens zeigen.“ Ihre Begleiter schlagen sie in die Rippen. Dann auf die Beine, in den Rücken, auf die Schulterblätter und auf die Arme mit einem Metallstock. „ Ich war fassungslos “, erinnert sich die ehemalige Soldatin des Aidar-Bataillons der Landstreitkräfte, die ihre Uniform zwei Monate vor ihrer Verhaftung an den Nagel gehängt hatte.

Unserer Untersuchung zufolge wurden mehrere hundert Ukrainer – Kriegsgefangene und Zivilisten – in das SIZO-2 gebracht. Jahrzehntelang war das Gefängnis in Taganrog, einer russischen Stadt im Oblast Rostow am Asowschen Meer, jedoch lediglich eine einfache Haftanstalt für Minderjährige und Frauen mit Kindern. Ein traurig banales Gefängnis mit Stacheldraht, Backsteingebäuden und einer verblassten Umfassungsmauer. Seit der groß angelegten Invasion der Ukraine, die nur etwa fünfzig Kilometer entfernt liegt, hat der russische Föderale Strafvollzugsdienst (FSIN) beschlossen, daraus eine Fabrik zur Zermürbung von Gefangenen zu machen. „Taganrog ist einer der schlimmsten Orte, an denen ich je war“, schwört Julian Pilipey, ein ehemaliger Elitesoldat, der einen Monat lang im SIZO-2 inhaftiert war und während seiner dreißigmonatigen Gefangenschaft zwischen sechs verschiedenen Gefängnissen hin- und hergeschleppt wurde. Zweimal am Tag „kommen die Wärter vorbei und verprügeln dich mit allem, was ihnen in die Hände fällt. Ich habe den Taser abbekommen, Schläge überall, auf die Arme, in die Rippen, und wurde gewürgt.“

„  Absolut alles ist verborgen  “

Wer sich mit Taganrog und der Arbeitsweise des FSIN befasst, sieht sich mit einer regelrechten „Black Box“ konfrontiert, so geheimnisumwittert ist diese Behörde. „In Russland gab es vor dem Krieg zahlreiche offizielle Statistiken. Doch nach der Invasion hat der FSIN als einzige für die Rechtsdurchsetzung zuständige Institution nicht nur die Aktualisierung seiner Daten eingestellt, sondern auch fast alle Daten der vergangenen Jahre, insbesondere jene zur Gefängnispopulation, verschleiert oder gelöscht. Wir wissen nichts über ihre Einrichtungen oder die Menschen, die dort arbeiten. Absolut alles wird verheimlicht“, erklären zwei Menschenrechtsaktivisten, die weiterhin in Russland tätig sind und anonym bleiben möchten.

„Forbidden Stories“ und seine Partner haben Satellitenbilder ausgewertet, um den Wandel von Taganrog in ein „russisches Guantanamo“ zu dokumentieren. Diese vom Konsortium beschafften Aufnahmen zeigen, dass bei der Ankunft der ersten ukrainischen Gefangenen – 89 Kämpfer des Azov-Regiments – im Mai 2022 nach der Einnahme von Mariupol neue Metalldächer auf mehreren Gebäuden des SIZO-2 verlegt wurden. Den untersuchten Aufnahmen zufolge dauerten die Arbeiten bis Anfang Januar 2023 an. Diese Renovierungsarbeiten, in Verbindung mit der Analyse der vom Gefängnis vergebenen öffentlichen Aufträge – seltene, frei zugängliche Daten zum FSIN – sowie mehreren Zeugenaussagen, deuten auf eine wahrscheinliche Überbelegung des Gefängnisses hin. So hat sich beispielsweise die Lieferung von Kartoffeln seit November 2021 um etwas mehr als das Vierfache erhöht. Dies könnte auf einen deutlichen Anstieg der Häftlingszahl hindeuten. Vor der Invasion konnte das SIZO-2 offiziell 442 Häftlinge aufnehmen. „Unsere Zelle war für drei Personen ausgelegt. Aber wir waren zu sechst“, erklärt Julian Pilipey.

„Stromschläge mit einer Spannung von 380 Volt“

Aus Sicherheitsquellen stammende Dokumente, die Forbidden Stories und seine Partner erhalten haben, bestätigen das Ausmaß der Misshandlungen an den in Taganrog inhaftierten Ukrainern. Im Keller des SIZO-2 wurde eine Folterkammer eingerichtet. Zu den schlimmsten angewandten Methoden zählen: Elektroschocks mit einem Taser auf nassen Körpern, langsames Ersticken durch das Aufsetzen einer verstopften Gasmaske sowie die Einsperrung ohne Kleidung in einem Käfig mit einem Hund bei Temperaturen unter null Grad. Fünfzehn Menschen sollen laut diesen Quellen durch Folter und Schläge ums Leben gekommen sein. „Man hat mich zweimal auf einen Stuhl gesetzt und mir Stromstöße mit einer Spannung von 380 Volt verabreicht, wobei Klemmen zwischen meinen nassen Zehen befestigt waren“, berichtet Yelyzaveta Shylyk. Ihre Peiniger hatten weder Namen noch Gesichter – sie agieren regelmäßig maskiert und unter Spitznamen. Trotz dieser Undurchsichtigkeit kann unser Konsortium die Identitäten mehrerer Mitglieder der Führungsriege des SIZO-2 aufdecken. Zu ihnen gehören Oleksandr Shtoda, Leiter der Haftanstalt in Taganrog; Andrej V. Michailitschenko, sein Stellvertreter; sowie Oleksandr Klyujkow, Leiter der Sonderabteilung in Taganrog. Zu den Folterern gehören Spezialeinheiten des FSIN. Sie werden zwischen den verschiedenen Gefängnissen hin- und hergeschickt und tragen Namen wie „Grozny“, „Requin“, „Lynx“ oder „Saturne“. Ihr Ziel: die Ukrainer zu brechen. „Unsere Vorgesetzten haben uns unverblümt gesagt: Macht, was ihr wollt. Die Gewalt war zügellos, völlig außer Kontrolle“, versichert ein ehemaliges Mitglied dieser Spezialeinheiten, das schließlich desertiert ist. Auf Anfrage haben sich keine der angesprochenen russischen Behörden geäußert.

¹ „Forbidden Stories“ ist ein journalistisches Projekt, an dem mehrere Medien beteiligt sind, um die Recherchen von Journalisten fortzusetzen, die von autoritären oder korrupten Regimes inhaftiert oder ermordet wurden. Im vergangenen Herbst hatte sich das Land an einer Recherche beteiligt, die von einem aserbaidschanischen Journalisten begonnen worden war, der inhaftiert wurde, während er über Vermögenswerte recherchierte, die mit möglicherweise von der Regierung veruntreutem Geld erworben worden waren.

² Vorname auf Wunsch der Betroffenen geändert.