d’Land: Gaza markiert den „ Zusammenbruch des atlantischen Liberalismus “, das Ende der internationalen Nachkriegsordnung, schreiben Sie in „Gaza, ein angekündigter Völkermord“. In welche Epoche geraten wir gerade ?
Gilbert Achcar : Ich nenne es das Zeitalter des Neofaschismus. Es ähnelt sehr stark einer aktualisierten Version des Aufstiegs der extremen Rechten in der Zwischenkriegszeit des letzten Jahrhunderts. Gaza steht für das Scheitern eines Anspruchs der westlichen Regierungen, nämlich die von ihnen selbst geschaffene liberale Ordnung zu respektieren. Auch wenn diese Regeln nie wirklich eingehalten wurden, wurde die Fiktion mehr oder weniger aufrechterhalten. Doch die Reaktionen in Bezug auf die Ukraine und Gaza waren von einer so eklatanten „Doppelmoral“ geprägt, dass die westlichen Regierungen jegliche Glaubwürdigkeit verloren haben. Noch schwerwiegender ist die faktische Komplizenschaft beim Völkermordkrieg, den Israel in Gaza führt. Das reicht von politischer Unterstützung und der Aufrechterhaltung von Beziehungen – einschließlich militärischer – seitens europäischer Regierungen bis hin zur vollständigen Beteiligung der Vereinigten Staaten, sodass ich diesen Krieg als den ersten gemeinsamen Krieg der USA und Israels bezeichnet habe.
Dennoch ist es das erste Mal, dass der Internationale Strafgerichtshof einen Haftbefehl gegen einen westlichen Regierungschef, in diesem Fall Benjamin Netanjahu, erlassen hat. Es gab also durchaus einen Versuch, auf völkerrechtlicher Ebene zurückzuschlagen, nicht wahr?
Ich möchte Sie daran erinnern, dass es Südafrika war, das – unterstützt von anderen Regierungen des Globalen Südens und unter Missbilligung westlicher Regierungen – den Internationalen Gerichtshof angerufen hat. Heute haben wir eine US-Regierung, die Richter des Internationalen Strafgerichtshofs sanktioniert, die es gewagt haben, ein Verfahren gegen die israelische Regierung einzuleiten. Ich glaube, dass dieses Scheitern des Liberalismus – oder vielmehr des liberalen Anspruchs – den Aufstieg des Neofaschismus begünstigt hat, den wir weltweit beobachten. Die Haltung von Joe Biden hat die Rückkehr von Donald Trump erleichtert.
Im März 2025 reiste der Vorsitzende des Rassemblement National, Jordan Bardella, nach Jerusalem, um an einer von der israelischen Regierung organisierten „internationalen Konferenz gegen Antisemitismus“ teilzunehmen. Wenn man bedenkt, dass der Front National 1972 von ehemaligen Kollaborateuren und Angehörigen der Waffen-SS gegründet wurde, hat man den Eindruck, Zeuge einer Umkehrung der Werte zu werden…
Die traditionellen Antisemiten werden von der israelischen Regierung von ihrem Antisemitismus freigesprochen, wobei diese erklärt, es gäbe einen neuen Antisemitismus, der vor allem von Israel-kritischen Muslimen vertreten werde. So entsteht eine Annäherung im Bereich der Islamfeindlichkeit, die den Judenhass als zentralen ideologischen Bestandteil der westlichen extremen Rechten ablöst. Netanjahu ist bei dieser „Reinwaschaktion“ der europäischen extremen Rechten sehr weit gegangen, bis hin zu der Aussage im Jahr 2015, Adolf Hitler habe keine Völkermordabsichten gehabt, bis der Mufti von Jerusalem ihn auf diese Idee gebracht habe. Dies hatte unter Holocaust-Historikern einen regelrechten Aufschrei ausgelöst.
Wie beurteilen Sie den Friedensplan von Donald Trump ?
Es gibt diese Illusion, dass Trump Netanjahu unter Druck setzt, um den Frieden durchzusetzen. Das ist völliger Unsinn! Seit Beginn dieses Krieges gibt es eine offensichtliche Absprache zwischen den Vereinigten Staaten und Israel. Durch die Erpressung mit militärischer Gewalt ist es Trump gelungen, bisher gegensätzliche Mächte zusammenzubringen. Es handelt sich um ein ganz besonderes Bündnis zwischen den Golfstaaten, Ägypten und der Türkei. Und wenn ich von den Golfstaaten spreche, meine ich damit sowohl das Königreich Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate als auch Katar. Man hat also Staaten, die traditionell eher auf der Seite der Hamas standen, und andere, die ihre erbitterten Feinde waren. Dieser Konsens wird nicht von Dauer sein. Bislang ist keiner dieser Staaten bereit, Truppen nach Gaza zu entsenden – abgesehen vielleicht von der Türkei –, zumal Israel dies nicht will.
Die militärische Vorherrschaft Israels in der Region war noch nie so stark wie derzeit. Die iranische Achse ist völlig zusammengebrochen – hat Sie diese Schwäche überrascht?
Ich glaube, die Zerschlagung der Hisbollah hat alle überrascht, angefangen bei der Hisbollah selbst. Abgesehen von den Organisatoren der Operation ahnte niemand, in welchem Ausmaß die Hisbollah von den israelischen Geheimdiensten unterwandert war – so sehr, dass es diesen gelang, die Organisation vollständig zu zerschlagen. Der Iran hat somit seine regionale Speerspitze verloren. Und mit dem Sturz des syrischen Regimes ist auch die Verbindung zwischen dem Iran und dem Libanon über den Irak weggefallen. Schließlich wurde der Iran unter Beteiligung der Vereinigten Staaten direkt getroffen. Das iranische Regime ist daher stark geschwächt. In der Atomfrage schwankt es zwischen Kapitulation und einer trotzigen Haltung, die zu einer neuen Konfrontation führen würde.
Sie beschreiben die Ideologie der Hamas als eine Mischung aus europäischem Antisemitismus und religiösem Antijudaismus. Sie weisen auf deren Irrationalität hin: Die Terroranschläge vom 7. Oktober seien Ausdruck eines „Messianismus“.
Man kann den 7. Oktober nicht verstehen, ohne ihn mit einer gewissen mystischen Herangehensweise in Verbindung zu bringen, die sich der praktischen Vernunft entzieht. Es war offensichtlich, dass eine Operation dieser Art eine schreckliche Katastrophe für die Bevölkerung von Gaza auslösen würde. Vor allem angesichts einer israelischen Regierung, die gerade erst gebildet worden war und die extremistischste in der Geschichte des Landes ist. Welche Rationalität steckt darin, eine solche Operation gegen einen Feind zu starten, der tausendmal stärker ist und über die Mittel verfügt, all dies hundertfach zu vergelten? Die Hamas stellte sich nicht nur nicht die Frage, wie die israelische Reaktion ausfallen würde, sondern glaubte auch wirklich, dass der 7. Oktober der Beginn der Befreiung Palästinas sein würde und dass Gott seine Engel senden würde, um an ihrer Seite zu kämpfen. Für die Hamas sind das nicht nur leere Floskeln, wie manche manchmal glauben wollen. Sie glauben wirklich daran.
Sie prangern auch die Korruption innerhalb der Fatah an, die angeblich „abgrundtiefe Ausmaße“ erreicht habe. Wenn man Ihre Ausführungen liest, fragt man sich, wo innerhalb der palästinensischen Gesellschaft eine dritte politische Kraft entstehen könnte?
Sie existiert nicht als eigenständige, organisierte Kraft. Doch die große Mehrheit der Palästinenser lehnt sowohl die Hamas als auch die Palästinensische Autonomiebehörde unter Mahmoud Abbas ab. Die Palästinenser, die die Situation am besten verstehen, sind die Araber mit israelischer Staatsbürgerschaft, die „Palästinenser von 1948“. Sie kennen den Staat Israel aus nächster Nähe. Sie wissen, dass man, um die Emanzipation der Palästinenser zu erreichen, die israelische Gesellschaft spalten muss. Aus dieser Perspektive ist die Strategie der Hamas katastrophal, denn sie bewirkt genau das Gegenteil. Sie trägt dazu bei, die israelische Bevölkerung hinter der rechtesten und kriegsbefürwortendsten Haltung zu vereinen. Ich bleibe dabei, dass der Rückgriff auf Gewalt nicht im Interesse der Palästinenser liegt. Man muss auf eine Massenbewegung und einen gewaltfreien Kampf setzen, wie es bei der Intifada von 1988 der Fall war. Angesichts des Kräfteverhältnisses ist dies der beste Weg für die Palästinenser, ihre Rechte voranzubringen.
Der Name Marwan Barghouti, der seit 2002 in Israel inhaftiert ist, taucht regelmäßig als potenzieller Einiger auf. Eine Reihe von Elder Statesmen hat zudem gerade die Freilassung des Mannes gefordert, den sie als palästinensischen Mandela bezeichnen.
Die Analogie hinkt. Es besteht die Tendenz, Wünsche mit der Realität zu verwechseln. Die Palästinenser brauchen keinen Mandela. Den hatten sie bereits mit Arafat, der 1993 das Oslo-Abkommen unterzeichnete – genau zu der Zeit, als die Apartheid endete. Doch heute haben die Palästinenser nichts mehr zuzugestehen. Ob nun Barghouti oder ein anderer – daran wird sich nichts ändern… Wenn man auf einen Retter warten muss – im Allgemeinen wird das Wort im Maskulinum verwendet –, dann eher auf israelischer Seite. Yasser Arafat erklärte das immer wieder: Wir brauchen einen israelischen de Gaulle, wobei er auf Algerien anspielte. Das heißt, einen Führer, der den Willen und die Legitimität besitzt, zu sagen: Man muss die 1967 besetzten Gebiete verlassen und sie den Palästinensern zurückgeben.
Die Zwei-Staaten-Lösung erscheint zunehmend als Wunschtraum: Mehr als eine halbe Million Siedler leben heute im Westjordanland. Das Gebiet wird immer stärker zersplittert, die Siedler werden immer gewalttätiger…
Heute ist wirklich nicht abzusehen, wie man aus dieser tragischen Sackgasse herauskommen könnte. Die Lage könnte sich – noch einmal – nur ändern, wenn es zu einer neuen Spaltung innerhalb der israelischen Gesellschaft käme. Es müsste eine neue starke Strömung entstehen, der es gelingt, im öffentlichen Bewusstsein zu verankern, dass es im Interesse der Israelis selbst liegt, einen echten Frieden mit den Palästinensern und der arabischen Welt zu schließen. Davon sind wir heute jedoch noch sehr weit entfernt.
Mittelfristig läuft Israel Gefahr, für die Zerstörung des Gazastreifens einen sehr hohen politischen Preis zu zahlen. Denn in der amerikanischen Gesellschaft ist die Unterstützung für Israel längst nicht mehr unumstritten, insbesondere unter jungen, progressiven Juden. Könnte ein künftiger demokratischer Präsident daher von der traditionellen amerikanischen Linie abweichen ?
Ich habe vorhin gesagt, dass auf palästinensischer Seite eine rationale Strategie darauf abzielen sollte, einen großen Teil der israelischen Gesellschaft für die palästinensische Sache zu gewinnen. Der einzige Hoffnungsschimmer, der eine solche Perspektive in Aussicht stellt, ist die Entwicklung in der westlichen, insbesondere der amerikanischen, öffentlichen Meinung. Eine aktuelle Umfrage der „Washington Post“ schätzt, dass fast vierzig Prozent der amerikanischen Juden der Meinung sind, Israel habe in Gaza einen Völkermord begangen. Eine Mehrheit der jungen amerikanischen Juden gibt heute an, mehr Sympathie für die Palästinenser als für Israel zu empfinden. Das scheint mir für die Zukunft am wichtigsten zu sein.
Gilbert Achcar
Gilbert Achcar, emeritierter Professor an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in London, ist Autor zahlreicher Werke, darunter „Les Arabes et la Shoah“ (Actes Sud, 2009), „Le Choc des barbaries“ (10/18, 2002) sowie „La Poudrière du Moyen-Orient“ (Fayard, 2007), das er gemeinsam mit Noam Chomsky verfasste. Soeben ist ein Artikelband mit dem Titel „The Gaza Catastrophe“ (in der französischen Fassung: „Gaza, un génocide annoncé“) erschienen. Der französisch-libanesische Marxist wird diesen Samstag um 18 Uhr in Luxemburg zu einem von Déi Lénk organisierten Vortrag am Lycée des garçons de Luxembourg zu Gast sein.