„Silvio, Silvio“, hallen die Volksgesänge durch die Straßen von Mailand. 10.000 Menschen versammelten sich am Mittwoch, dem 14. Juni, vor dem Mailänder Dom, um Silvio Berlusconi die letzte Ehre zu erweisen, wobei der Zugang aus Sicherheitsgründen von der italienischen Präfektur beschränkt worden war. Zu dieser Menschenmenge kamen noch die 2.300 Personen hinzu, die in den Dom hineingelassen wurden. Unter den Anwesenden waren bekannte Gesichter zu erkennen, wie beispielsweise die der derzeitigen Ministerpräsidentin, Giorgia Meloni, den italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella, den ehemaligen Ministerpräsidenten und ehemaligen Präsidenten der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, und sogar die neue Vorsitzende der Demokratischen Partei, Elly Schlein.
Es handelte sich also um eine groß angelegte nationale Veranstaltung, die dem Verstorbenen wahrscheinlich gefallen hätte. Eine ungewöhnliche Zusammenkunft von Vertretern verschiedener politischer Parteien und der italienischen Unterhaltungsbranche. Zwar sind Staatsbegräbnisse nach italienischem Recht für alle ehemaligen Staatsoberhäupter vorgesehen, doch wurde dieser Tag zudem zum nationalen Trauertag erklärt. Das war für einen ehemaligen Ministerpräsidenten noch nie zuvor geschehen.
Diese Entscheidung der Regierung hat sicherlich zahlreiche Kontroversen ausgelöst, und man kann sich fragen, was sie rechtfertigt. So verlässt der „Cavaliere“ die Bühne auf dieselbe Weise, wie er gelebt hat: Er sorgt weiterhin für viel Gesprächsstoff.
Tatsächlich dürfte es wohl niemanden überraschen, dass sein Tod Schlagzeilen gemacht hat: Silvio Berlusconi ist eine der bekanntesten Persönlichkeiten Italiens der letzten dreißig Jahre. Er war einer der reichsten Männer Italiens, und man
schätzt sein Vermögen zum Zeitpunkt seines Todes auf 6 bis 7 Milliarden Euro!
Der Mailänder begann seine Karriere Anfang der sechziger Jahre als Unternehmer auf dem Immobilienmarkt. Etwa zehn Jahre später baute er in Mailand ein neues Wohnviertel und kaufte 1978 einen einige Jahre zuvor gegründeten Fernsehsender, der ausgerechnet aus dem von ihm erbauten Viertel sendete. Hier zeigte sich sein scharfsinniger Verstand: Dank dieser neuen Akquisition machte er selbst Werbung für sich. Von diesem Moment an eröffnete sich Berlusconi eine neue Welt. Dies war der erste Schritt, der ihn dazu führen sollte, ein Mediengigant zu werden. Er erkannte zum richtigen Zeitpunkt das kommerzielle Potenzial des Fernsehens, führte den Konsumismus nach amerikanischem Vorbild ein und prägte eine neue Art der Werbung in Italien.
Nach und nach wird er weitere kleine Sender unter dem Dach von Canale 5 zusammenführen. Rete 4 und Italia 1 kommen kurz darauf hinzu; diese Sender werden später unter dem Dach von Mediaset, dem von Berlusconi gegründeten Medienkonzern, zusammengefasst. Die Rai, Italiens größter öffentlich-rechtlicher Rundfunkkonzern, sah das Aufkommen dieses Medienkonkurrenten natürlich nicht gerne. Zusammen hatten diese kleinen Sender nämlich die gleiche Zuschauerzahl erreicht wie der größte italienische öffentlich-rechtliche Sender. Um die Anzahl der Sendungen der Mediaset-Sender zu begrenzen, beschloss die Rai, Klage einzureichen, was die Anzahl der Sendungen dieser Sender hätte einschränken sollen. Die Regierung von Bettino Craxi, einem Freund von Silvio Berlusconi, griff jedoch ein und erließ ein Dekret, das die Medienkonzentration erlaubte – das berühmte „Berlusconi-Dekret“. Dieses Dekret, das als verfassungswidrig eingestuft wurde, wurde jedoch 1990 durch das Mammì-Gesetz bestätigt, was dem Politiker sehr zugutekam.
1986 dehnte Berlusconi seinen Einfluss im Medienbereich auf das Ausland aus, insbesondere durch die Einführung von „La Cinq“ in Frankreich sowie von Sendern in Deutschland und Spanien. 1990 übernahm er zudem den Mondadori-Verlag.
Zur gleichen Zeit, im Jahr 1986, wurde er Eigentümer des Fußballvereins AC Mailand, den er 2017 für 740 Millionen Euro an den chinesischen Unternehmer Li Yonghong verkaufte. Unter Berlusconi gewann der Verein mehr Titel als unter jedem anderen Eigentümer. Tatsächlich gewann der AC Mailand in 31 Jahren 29 Titel, darunter acht italienische Meisterschaften und nicht weniger als fünf Champions-League-Titel. Mit seiner Liebe zum Fußball zeigte Silvio Berlusconi eine weitere Facette seines Charakters, was ihn bei einem Teil der Bevölkerung sympathischer machte.
So gelang es ihm, ein Medienimperium aufzubauen, das er im Laufe der Jahre nutzte, um die Aufmerksamkeit des italienischen Volkes auf sich zu lenken und für sich zu werben, wie er es bereits zuvor als Unternehmer getan hatte. So setzte er die Medien ein, um seine Zuschauer zu überzeugen, vor allem während seiner politischen Karriere.
Doch erst 1993, im Alter von 57 Jahren, beschloss Silvio Berlusconi, in die Politik zu gehen. Im Januar 1994 gründete er die rechtsgerichtete Partei „Forza Italia“, deren Vorsitzender er bis zu seinem Tod blieb. Nur zwei Monate nach ihrer Gründung gewann die Partei die Wahlen im März 1994. Silvio Berlusconi wurde somit kurz darauf zum italienischen Ministerpräsidenten gewählt, ohne jemals zuvor ein politisches Amt bekleidet zu haben. Neben diesem Triumph kann er sich auch rühmen, fast zehn Jahre lang an der Spitze von vier verschiedenen Regierungen gestanden zu haben (1994–1995, 2001–2005, 2005–2006, 2008–2011). Dies ist ein Rekord in der italienischen Nachkriegsgeschichte.
Der spektakuläre Aufstieg von Silvio Berlusconi wirft natürlich gewisse Fragen hinsichtlich seiner Legitimität auf. Tatsächlich war der Politiker auch Mitglied der Freimaurerloge „Propaganda Due“, die erklärt, Italien vom Kommunismus befreien zu wollen. Neben seiner Mitgliedschaft in diesem Geheimbund wurde Berlusconi mehrfach vorgeworfen, Verbindungen zur italienischen Mafia zu unterhalten, die angeblich zu seinem Erfolg beigetragen habe.
Allgemeiner betrachtet ist Berlusconi vor allem für seine zahlreichen Fehltritte und wiederholten Skandale bekannt, die sein gesamtes Leben geprägt haben. Es ist daher verständlich, dass viele Stimmen die Entscheidung des italienischen Staates verurteilen, den Tag seiner Beerdigung zum nationalen Trauertag zu erklären. So auch die ehemalige Vorsitzende der Demokratischen Partei, Rosy Brindy, die betont, dass dies die Geschichte Italiens negativ prägt. Berlusconi hatte in der Tat oft unangebrachte Witze über die Politikerin gemacht – wie er es übrigens auch bei vielen anderen getan hatte – und damit einmal mehr seine machistische und sexistische Seite gezeigt. Diese Schwäche spiegelte sich immer wieder in den zahlreichen Sexskandalen wider, in die er verwickelt war, sowie in dem von ihm ins Leben gerufenen Trend, die lächerliche Objektivierung von Frauen im Fernsehen und im Alltag zu verherrlichen. Ein Phänomen, das man auch heute noch in vielen italienischen Fernsehsendungen beobachten kann.
Diese Aspekte scheinen von einem Teil der Bevölkerung ignoriert oder – schlimmer noch – gutgeheißen zu werden, der vielleicht den Wergetricks erlegen ist, die der talentierte Geschäftsmann dem Volk verkauft hat. Zwar ist es richtig, die Verstorbenen zu respektieren und ihre Qualitäten anzuerkennen, doch darf man die zahlreichen negativen Seiten dieser Persönlichkeit nicht einfach vergessen: die zahlreichen Skandale und die 36 Gerichtsverfahren, die vor allem finanzieller Natur waren – wie Steuerhinterziehung und Fälschung von Jahresabschlüssen –, aber auch wegen Korruption und Verleumdung. In den meisten dieser Verfahren wurde er freigesprochen, doch diese Urteile bleiben zweifelhaft, und vier Verfahren waren zum Zeitpunkt seines Todes noch anhängig.
Im Jahr 2013 wurde Berlusconi schließlich wegen Steuerhinterziehung zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt, die jedoch angesichts seines fortgeschrittenen Alters auf ein Jahr herabgesetzt und in gemeinnützige Arbeit umgewandelt wurde. Er wurde daraufhin bis 2019 von allen politischen Ämtern ausgeschlossen. Er versprach, zurückzukommen – wie er es schon immer getan hatte. Diese Unbeugsamkeit ließ manche glauben, Silvio Berlusconi sei aus seinem Sarg auferstanden.
Um ihm ein letztes Mal die Ehre zu erweisen, waren einige Politiker aus dem Ausland angereist, darunter der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán, der irakische Präsident und der Emir von Katar. Doch die Abwesenheit zahlreicher ausländischer Persönlichkeiten ist ziemlich überraschend, vor allem wenn man bedenkt, welchen Einfluss Berlusconi auch außerhalb Italiens hatte. Seine Art, Politik zu machen, und die Art und Weise, wie er sich als antipolitisch und durch und durch liberal präsentierte, haben in der Tat zahlreiche Populisten weltweit inspiriert. Damit hat er eine völlig neue Ära der Politik eingeläutet. Man kann ihm also vieles vorwerfen, aber sicherlich nicht, dass er in Italien kein Innovator gewesen wäre.
Berlusconis Politik hatte ebenso wie seine Partei in den letzten Jahren nicht mehr das gleiche politische Gewicht wie früher. Forza Italia hatte bei den letzten Wahlen nur rund acht Prozent der Stimmen auf sich vereinen können. Und auch wenn Forza Italia Teil der im vergangenen September unter Giorgia Meloni gebildeten rechten Koalition ist, so ist dies zum Teil auf die Verbindung zurückzuführen, die Melonis Partei mit der von Berlusconi verbindet. Eine lange Geschichte verbindet sie. Im Jahr 2008, während seiner letzten Amtszeit als Ministerpräsident, hatte Berlusconi Meloni zur Jugendministerin ernannt, als sie noch Mitglied von Forza Italia war. Es bleibt abzuwarten, ob der Tod ihres Gründers die Partei zu einer Reform führen und ihr einen Neuanfang ermöglichen wird oder ob das Schiff endgültig mit seinem Kapitän untergehen wird. Auf jeden Fall scheint sein Tod einen Ruck ausgelöst zu haben, und laut den am 16. Juni durchgeführten Wahlumfragen würde Forza Italia 3,5 Prozent zulegen und damit auf fast zwölf Prozent der Stimmenabsichten steigen. Dies würde die Regierung Meloni stärken, die befürchtet, dass die Stimmen von Forza Italia auf andere Parteien abwandern und die Regierung dadurch destabilisieren könnten. Antonio Tajani, Gründungsmitglied der Partei, derzeit Vizepräsident und Außenminister, übernimmt vorübergehend die Leitung der Partei bis zum Parteitag, auf dem ein neuer Vorsitzender gewählt wird. Er verspricht, dass „Forza Italia“ im Sinne ihres Gründers weiterbestehen und die Partei „eine große liberale, christliche, reformistische sowie pro-europäische und pro-atlantische Partei“ bleiben werde. Der Traum von Silvio Berlusconi scheint also dank seiner „ Jünger “ weiterzuleben. Obwohl er eine mehr als umstrittene Persönlichkeit war, hat sein Tod das Land erschüttert. Auf den Straßen sind in der Tat die unterschiedlichsten Reaktionen zu hören, und viele verteidigen den Politiker vehement und dulden keinerlei Kritik. Doch inmitten all dieser für Berlusconi so typischen Polemik ist eines klar: Silvio Berlusconi hat Italien tief geprägt. Mit seinem Tod wird ein Kapitel für das Land abgeschlossen, und der 12. Juni markiert somit das Ende einer Ära, auch wenn sein Vermächtnis zweifellos weiterleben wird.