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Stil 5 Min. Lesezeit

Weißwein und rote Nase

Der Treffpunkt ist das Château Pauqué an einem sonnigen Tag in Grevenmacher. Im Eingangsbereich dieses historischen Gebäudes, am Fuße der großen Holztreppe und direkt neben dem Kamin, stehen zwei braune Ledersofas. Auf…

Erschienen in Ausgabe April 2022
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Der Treffpunkt ist das Château Pauqué an einem sonnigen Tag in Grevenmacher. Im Eingangsbereich dieses historischen Gebäudes, am Fuße der großen Holztreppe und direkt neben dem Kamin, stehen zwei braune Ledersofas. Auf einem davon wartet Laurence Duhr auf uns, vertieft in die Lektüre einer umfangreichen Dokumentation über die Imkerei. Mit Dreadlocks, Piercings und einer großen Brille auf der Nase präsentiert sich die Tochter von Abi Duhr – dem Winzer, den man nicht mehr vorstellen muss – in einem für die luxemburgische Weinwelt eher ungewöhnlichen Look, und das tut gut. „Sollen wir eine Flasche öffnen? Ich hole die Gläser.“ Wenige Sekunden später landet ein Kandirella auf dem Couchtisch. „Das ist das Ergebnis der Pandemie: ein Weißburgunder aus spontaner Gärung im Fass. Und vor allem der erste Wein, den ich ganz allein gekeltert habe, dank eines 1,2 ha großen Weinbergs, den wir übernommen haben. Ich habe mich um die Rebstöcke gekümmert, wodurch ich trotz des Lockdowns draußen sein konnte, und daraus tausend Flaschen abgefüllt. Das Ergebnis macht mich wirklich glücklich“, erzählt sie, während sie den für das Haus typischen, mit Wachs versiegelten Flaschenhals öffnet. „Normalerweise ist er orange, aber hier ist er rot. Wie eine Clownsnase … denn ja, ich bin auch Clown. Und Kandirella ist mein Künstlername.“

Als Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins „clowns4u“ verlässt die Winzerin manchmal die Hänge der Mosel, um mit einer roten Nase kranken Kindern, Menschen mit Behinderung, Flüchtlingen sowie älteren und kranken Menschen Freude zu bereiten. Eine Leidenschaft, die Laurence Duhr 2009 für sich entdeckte, weit entfernt von den Weinkellern ihrer Familie. „Ich bin Psychologin und habe mich während meiner Ausbildung mit der Arbeit von Clowns und deren Wirkung auf kranke Kinder oder Kinder, die Zeugen von Anschlägen geworden sind, beschäftigt. Ich habe Kurse besucht, mich darauf eingelassen und nie wieder damit aufgehört.“ In Luxemburg und in Deutschland, in der Nähe von Trier, wo sie zeitweise auch lebt – „in einer Wohngemeinschaft mit dreizehn Personen“ –, wird Laurence zu Kandirella, wenn sie nicht gerade in Grevenmacher ist. Zwei Rollen für zwei Berufe, die nichts miteinander zu tun haben, von denen sie aber mit derselben Liebe spricht. „Der Clown ist immer ehrlich und stets im Hier und Jetzt. Er macht sich keine Gedanken um Leistung, muss keine Stärke beweisen und keine Rolle übernehmen. In diesem Sinne ist das sehr befreiend. Und ziemlich magisch: Ich erinnere mich an ein afghanisches Mädchen, das nach einem Anschlag einen Teil ihres Gesichts verloren hatte. Als ich ihr eine Clownsnase in die Hände drückte, begannen ihre Augen plötzlich wieder zu leuchten. Clownsein ist eine andere Sprache, eine andere Art, mit Menschen zu sprechen.“ Und sie fuhr mit einer zweiten Anekdote fort. „Eines Tages musste ich vor etwa dreißig Kindern aus einer Kriegsregion auftreten. Alle waren unruhig und stritten sich. Ich war ratlos, wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte, und mir kamen die Tränen. Da Clowns immer ehrlich sind, habe ich wirklich geweint. Und plötzlich hörten alle Kinder auf, umringten mich und fingen an, mich zu umarmen, um mich zu trösten. Das war wunderschön “.

Im Jahr 2011, kurz nach ihrer Doktorarbeit in Psychologie, verspürte Laurence Duhr den Wunsch, mehr über den Beruf des Winzers zu erfahren, mit dem sie in ihrer Kindheit eng in Berührung gekommen war, der sie aber bis dahin nie gereizt hatte. „Ich war gegen all das, aber schließlich sprach ich mit meinem Vater darüber, und er riet mir, ein zweijähriges Praktikum bei Reinhard Löwenstein in Winningen zu absolvieren. Dort konnte ich ich selbst sein, das tun, was mir Spaß machte, diese Eltern-Kind-Beziehung hinter mir lassen und eine andere Art zu arbeiten entdecken.“ Auf diese Erfahrung folgten Praktika in Neuseeland und anschließend in Saint-Émilion in Frankreich. „Seitdem arbeite ich für das Familienweingut. Ich kümmere mich um alles im Außenbereich, um die Bewirtschaftung der Weinberge, den Rebschnitt, das Anbinden … aber ich helfe meinem Vater auch bei der Weinbereitung im Keller. Daneben beschäftige ich mich auch mit Marketing, organisiere Tage der offenen Tür und versuche, die Branche für Frauen zugänglicher zu machen, denen es manchmal noch schwerfällt, in diese sehr patriarchalische Welt vorzudringen.“

Als Anhängerin der Slow-Food-Bewegung und des Konzepts des Wirtschaftswachstumsrückgangs hat Laurence Duhr das Ziel, vor allem die Qualität der Weine ihres Weinguts zu verbessern, indem sie sich bestmöglich an den Klimawandel anpasst, sich von der Permakultur inspirieren lässt – sie hat gerade eine Ausbildung in diesem Bereich abgeschlossen – und sich immer stärker in Richtung Bio und Biodynamik orientiert. „Ich halte mich bereits an die Vorgaben, bin aber nicht zertifiziert. Labels stören mich, denn ich bin kritisch und ziehe es vor, frei zu sein, meine eigenen Entscheidungen zu treffen und es auf meine Art zu machen“, gesteht sie, bevor sie uns von einem Wunsch erzählt, der ihr schon lange am Herzen liegt. „Ich würde auch gerne einen Wein auf den Markt bringen, dessen Erlös wohltätigen Zwecken zugutekommt.“ Doch im Moment beschäftigen sie vor allem die beiden Bienenstöcke hinten im Garten, da sich die Winzerin seit kurzem in der Imkerei versucht. Und wenn man von Bienen umgeben ist, kommt es nicht in Frage, den Clown zu spielen!