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Stil 4 Min. Lesezeit

Unerwünschte

Stil

Erschienen in Ausgabe September 2024
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Manchmal ist es schwierig, von Anfang an die negativen Auswirkungen dessen einzuschätzen, was uns der technologische Fortschritt an Vorteilen bringt. Oder an Nachteilen. So musste man vor der Erfindung der E-Mail, um einer Kontaktperson eine Nachricht zu schicken, Papier nehmen, einen Text schreiben oder ausdrucken, das Porto bezahlen und – das Schlimmste von allem – einen Umschlag mit der Zunge ablecken. Dafür war die Wahrscheinlichkeit äußerst gering, in seinem Briefkasten einen Brief von einem gestürzten nigerianischen Prinzen zu finden, der versuchte, imaginäre Millionen von Dollar zu transferieren, oder eine gefälschte Mitteilung der Kriminalpolizei, in der man aufgefordert wurde, unverzüglich eine Geldstrafe zu zahlen.

Manchmal gilt: Je weiter man auf dem Weg des Fortschritts voranschreitet, desto mehr zweifelt man an der Wahl des eingeschlagenen Weges. So muss man sich bei der künstlichen Intelligenz mittlerweile vor Nachrichten ohne Rechtschreibfehler in Acht nehmen: Sie wurden zweifellos nicht von Menschen verfasst! Zudem werden sie immer personalisierter, mit gefälschten Werbeanzeigen für Cactus, gefälschten gerichtlichen Vorladungen auf unseren Namen oder gefälschten Lieferscheinen, die echter nicht sein könnten. Deshalb zögert man ein wenig, bevor man eine Nachricht der Polizei als Spam markiert, aus Angst, nicht richtig zu reagieren, falls man einmal eine echte erhalten sollte.

Zugegeben, früher lief man zwar auch Gefahr, eine Telefonrechnung wegzuwerfen, die sich zwischen zwei Werbeprospekten von „Möbel Martin“ oder „Adler-Bekleidung“ eingeschlichen hatte, doch das Aussortieren von Prospekten schien keine so zeitaufwändige Tätigkeit zu sein, wie es mittlerweile die Aufräumaktion im eigenen E-Mail-Postfach geworden ist – insbesondere nach der Rückkehr aus dem Urlaub. Alle E-Mails zu lesen ist schon anstrengend genug; wenn man dann auch noch anfangen muss, sich anzusehen, was als „ Spam “ eingestuft wurde, kann man seine „ Out-of-Office “-Nachricht genauso gut noch eine Woche länger laufen lassen: „ ich bin zwar wieder da, kann aber erst nächste Woche wieder arbeiten “.

So entsteht eine Ausrede, die immer funktioniert. Wenn man auf eine Nachricht nicht geantwortet hat, ist der Klassiker: „Ich habe deine Nachricht nicht gesehen, sie muss wohl in meinem Spam-Ordner gelandet sein“ genauso unschlagbar wie die subtilere Variante: „&aber doch, ich habe dir sehr wohl geantwortet, meine Nachricht muss wohl in deinem Spam-Ordner gelandet sein“. Es ist nicht mehr die Schuld des einen oder des anderen, sondern die des IT-Tools, wodurch die Ehre aller gewahrt bleibt. Und ein für alle Mal: Nein, niemand liest seinen Spam-Ordner, sonst hätte es keinen Sinn, einen Spam-Ordner zu haben.

Das eigentliche Problem ist vor allem, dass wir nicht mehr in der Lage sind, all diese Informationen zu bewältigen. Wir befinden uns in einer ähnlichen Situation wie die Notaufnahme eines Krankenhauses, gezwungen, eine etwas grobe Vorauswahl zu treffen, um zu entscheiden, was wir bearbeiten werden, und was stattdessen dazu verdammt ist, in einer endlosen Schwebe zu warten – ganz unten auf einem Stapel, in der letzten Schublade, im untersten Stockwerk des tiefsten Kellers. Wir alle haben schon einmal den Fehler gemacht, auf die Schaltfläche „Spam“ zu klicken, , um nicht mehr die Hunderte von Benachrichtigungen von LinkedIn oder irgendeiner Online-Shopping-Seite zu erhalten, auf der man vor acht Jahren ein personalisiertes Handtuch bestellt hat und die einen seitdem täglich damit belästigt, ob man nicht noch eines haben möchte. Das geht schneller als sich abzumelden, aber genau das ist auch der Grund, warum unsere E-Mail-Postfächer am Tag nach der Schueberfouer genauso aussehen wie der Glacis.

Wenn man den sozialen Netzwerken, die von den jüngeren Generationen zur Kommunikation so gerne genutzt werden, wenigstens einen Vorteil zugestehen muss, dann ist es die Möglichkeit, unerwünschte Personen direkt zu blockieren. Das ist ein Filter von vornherein: Man kann mir keine Nachricht schicken, wenn man nicht zu meinem Kreis gehört. Im realen Leben scheinen riesige Bluetooth-Kopfhörer dieselbe Rolle zu übernehmen – sie sind auffällige Zeichen dafür, dass eine strenge Filterung sozialer Interaktionen aktiviert ist. Die Erfolgschancen eines Straßenbelästigers, der glaubt, eine Unbekannte mit einer Bemerkung über ihre Schönheit oder ihren Stil verführen zu können, sind in etwa so groß wie die eines Betrügers, der darauf hofft, dass Siein Bitcoin investieren, sobald Sie einem irreführenden Link gefolgt sind. Es wäre besser, wenn sich alle diese Beleidigungen der Intelligenz ersparen würden. Das ist übrigens der gute Vorsatz für den Start ins neue Schuljahr: den Spamfilter im eigenen Gehirn zu aktivieren und alles als „unerwünscht“ einzustufen, was keine wirklich nützliche Information ist.