Das Filmen von Kochsendungen ist nichts Neues. Die erste Kochsendung im französischen Fernsehen wurde 1954 vom Küchenchef Raymond Oliver ins Leben gerufen. Der Chefkoch des „Grand Véfour“ war bis 1967 mit recht technischen und aufwendigen Rezepten auf den Bildschirmen zu sehen. Später sicherte sich Maïté einen Platz in den Archiven und Outtake-Sammlungen, indem sie lebende Aale betäubte, Ortolane ausweidete oder Hühner zerlegte. Joël Robuchon, Cyril Lignac, Philippe Etchebest und in jüngerer Zeit Mory Sako: Köche haben im Fernsehen nach wie vor ihren festen Platz.
Mit dem Start von YouTube im Jahr 2005 tauchten mehr oder weniger versierte und kompetente Amateure auf, die ihre Rezepte, Tipps und Tricks filmen und teilen. Auch Profiköche schlossen sich dieser Bewegung schnell an. Der 2006 gegründete Kanal von Jamie Oliver beispielsweise zählt heute fast sechs Millionen Abonnenten. Das ist jedoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein im Vergleich zu den 21,4 Millionen Abonnenten von „Tasty“, das verschiedene Sendungsformate und eine große Vielfalt an Content-Erstellern vereint.
Dann kam 2010 Instagram. Noch nie gab es so viele Essensbilder: von Käse, der herunterläuft, bis hin zu Golden Lattes, von bunten Ravioli bis hin zu zehnstöckigen Burgern, von Müsli bis hin zu Donuts … alles ist dabei. Nach und nach entstanden spezialisierte Accounts mit immer präziseren und spezifischeren Inhalten, sei es zu speziellen Ernährungsweisen, bestimmten Herkunftsorten oder bestimmten Kochstilen. Es scheint, als bliebe keine Nische unberührt – mit der richtigen Suche findet man immer jemanden, der denselben Geschmack und dieselben Vorlieben hat: koschere und vegane Rezepte, gluten- und laktosefreie Gerichte, Desserts aus Gemüse, Zubereitungen ohne Kochen, Rezepte aus Filmen oder solche, die mit Resten aus dem Vorratsschrank zubereitet werden…
Im Jahr 2016 wurde mit der Gründung von TikTok ein neuer Meilenstein erreicht: Die Plattform führte ein neues Format für (sehr) kurze Videos ein, das mittlerweile zum Klassiker geworden ist – die Instagram-Reels greifen dieses äußerst fesselnde Konzept auf. Auf den ersten Blick scheinen diese Videos zu kurz, um Rezepte vorzustellen, doch sie haben sich sehr schnell durchgesetzt. Die Hashtags #foodtok und #cooktok vereinen Millionen von Nutzern.
Seit den Lockdowns im Zuge der Gesundheitskrise hat die Begeisterung für Inhalte rund um das Thema Essen neue Höhen erreicht. TikTok entwickelt sich zur Plattform schlechthin für kulinarische Kreativität, mit Rezepten, die Trends auf breiter Ebene beeinflussen. Unübersehbar sind die Tanghulu, eine traditionelle chinesische Süßigkeit, bei der Früchte in kochenden Zucker getaucht werden, der anschließend zu einer glasartigen, knusprigen Hülle aushärtet; den „Green Goddess Salad“, der alles Grüne und Knusprige vereint, sowie „DIY-Pizza“. Hüttenkäse, Aufschnittplatten, rohe Karottensalate und Rezepte für die Heißluftfritteuse stehen laut Suchmaschinen ganz oben in den Suchergebnissen.
Ein weiterer Trend ist die Erstellung von Inhalten und die Veröffentlichung von (manchmal fragwürdigen) Praktiken, die ausschließlich für und durch soziale Netzwerke existieren. Ein Beispiel hierfür ist die „What’s in My Mouth“-Challenge, bei der jemandem die Augen verbunden werden und ihm etwas zu essen gegeben wird, ohne dass er weiß, was es ist. Der Konsum steht im Mittelpunkt des „Food Haul“, bei dem sich der Internetnutzer dabei filmt, wie er seine Einkäufe auspackt, sowie des „Mukbang“ , das kürzlich aus Südkorea zu uns gekommen ist und bei dem der Internetnutzer in Echtzeit die oft gigantische Mahlzeit eines Influencers mitverfolgt und ihn dabei anfeuert. Umstrittener ist der #foodgore mit unerwarteten und monströsen Mischungen aus industriellen Produkten, gesättigten Fetten oder Geschmacksverstärkern, der klassische Rezepte in einem transgressiven, nicht unbedingt nachvollziehbaren und sehr konsumorientierten Geist parodiert. Ebenso problematisch sind die „ Thirst Traps “: Männer inszenieren sich dabei, indem sie sexuelle Handlungen mit Lebensmitteln nachahmen, die direkt von pornografischen Konventionen inspiriert sind.
Die Überraschungen sind noch lange nicht vorbei.