Wer könnte das Meer der Ratlosigkeit beschreiben, in dem diejenigen schwimmen, die – wie ich, wie ihr zweifellos auch – noch nie ein Video eines Influencers angesehen haben, vage wissen, dass Kim Kardashian berühmt ist, ohne jedoch die geringste Ahnung zu haben, womit sie sich diesen Ruhm verdient hat, oder noch nie einen Artikel in der „Gazette du Crop Top“ gelesen haben? Wenn auch Sie bedauern, dass Restaurants – ähnlich wie bei den „Kindermenüs“ – keine „Teenagermenüs“ anbieten, mit 2.000 Kalorien in Form von stärkehaltigen Lebensmitteln und Limonaden… Wenn auch ihr aufgehört habt, den Hintergrund eures Smartphones zu aktualisieren, der nun auf einem Foto eurer Kinder im seligen Alter von sieben oder acht Jahren festgefroren ist, oder schlimmer noch, es durch das Foto des Hundes ersetzt haben – der mittlerweile das letzte Lebewesen in Ihrem Haushalt ist, das Ihnen grenzenlose Bewunderung entgegenbringt und Ihnen Zuneigung zeigt, wenn Sie aus dem Büro nach Hause kommen… dann ist Ihnen klar geworden, dass jeder Tag Ihres Lebens ein weiterer Tag ist, der Sie nicht von Ihrer Jugend entfernt – das hatten Sie schon vor Jahren begriffen –, sondern von DER Jugend, jenem Geisteszustand, den Sie im Laufe der Jahre beibehalten zu können glaubten.
An den kleinen Details lässt sich erkennen, wie viele Lichtjahre uns voneinander trennen. Das jüngste Beispiel für ein Phänomen, das für jemanden meiner Generation unverständlich ist, sind die über WhatsApp versendeten Sprachnachrichten. Zu meiner Zeit hasste man es, auf einen Anrufbeantworter zu stoßen, denn man musste eine Nachricht hinterlassen, anstatt mit seinem Gesprächspartner sprechen zu können. Heute versuchen manche Soziopathen – deren Zahl offenbar immer weiter zunimmt – gar nicht mehr, mit einem zu sprechen. Anstatt anzurufen oder eine kurze SMS zu schicken, nehmen sie sich selbst auf und schicken dir eine Audiodatei. Es liegt dann an ihren Gesprächspartnern, sich diese anzuhören. Den flüchtigen Blick unter den Tisch während einer Besprechung kannst du natürlich vergessen. Ein wahrer Albtraum, wenn man am Ende des Tages Gespräche nachvollziehen muss, in denen man bestimmte (schriftliche) Antworten gelesen hat, die sich auf mündliche Äußerungen beziehen, von denen man noch keine Kenntnis hat.
Was soll das denn? War es zu mühsam, „OK“ oder „Hallo“ auf der Tastatur zu tippen? Selbst ein alter Mann wie ich, der seine Nachrichten nur mit dem rechten Daumen tippt, schafft das in weniger als fünf Minuten. Bei einer geschriebenen Nachricht wusste man, woran man war: Wenn der Absender sein „Alles Gute zum Geburtstag“ persönlicher gestalten wollte, konnte er ein animiertes GIF und drei Emojis hinzufügen – man hat die Nachricht verstanden. Hier befürchtet man jedoch, eine wichtige Information zu verpassen, solange die letzten Sekunden des endlosen „Happy Birthday“ noch nicht abgelaufen sind. Zwar kann man die Wiedergabegeschwindigkeit erhöhen, doch das erklärt nicht, warum diese Leute ihre Nachrichten aufzeichnen.
Sind sie stolz auf ihre Klanglandschaft? So sehr das ferne Rauschen der Brandung dazu beitragen kann, eine „Postkartenstimmung“ zu schaffen, so wenig trägt das Lärm der Cargolux-Flugzeuge oder der Umgehungsstraße von Bonnevoie zu Ihren Sonntagsabend-Nachrichten bei. Und selbst wenn Sie Ihre Nachricht im großen Auditorium der Philharmonie aufnehmen und dabei die Stimmlage von Leonard Cohen haben – ist es wirklich sinnvoll, Ihre Stimme mit allen zu teilen, wie so viele akustische Selfies?
Schauen wir uns die positiven Seiten an: So vermeidet man Emojis, Rechtschreibfehler und NACHRICHTEN IN GROSSBUCHSTABEN. Außerdem bekommt man so einen Eindruck vom Tonfall des Gesprächspartners: sehr wütend, leicht genervt oder ganz entspannt am Tastenblock. Der Ausdruck „LOL“ reicht nicht mehr aus, um zu beweisen, dass etwas wirklich lustig ist: Man muss tatsächlich laut lachen. Mit etwas Glück werden wir das Verschwinden des Emojis erleben, das sich vor Lachen krümmt und dabei riesige Tränen aus den Augen strömen lässt. Möge der Nächste, der vor Lachen eine kleine Pfütze unter sich hinterlassen hat, sich beim nächsten Mal auf keinen Fall scheuen, ein solches Phänomen unkontrollierbarer Heiterkeit festzuhalten. Da bin ich ganz Ohr.