Unsere Augenlider sind schwer, sehr schwer. Der Schlaf lauert auf uns wie ein Raubtier, das bereit ist, sich auf seine Beute zu stürzen. Genau in dem Moment, in dem wir auf die andere Seite gleiten, ist der Applaus unsere Rettung und reißt uns aus unserer Schläfrigkeit. Claire Parsons, Ziv Ravitz und Eran Har Even haben gerade ihr Set beendet, das Ergebnis einer fünftägigen Residenz. Der Verfasser dieser Zeilen ist völlig unfähig, darüber zu berichten, da er keinerlei Erinnerung daran hat. An diesem Freitagabend, dem 10. Mai, haben sich Jazzliebhaber in Opderschmelz zur zwölften Ausgabe des Festivals „Like a Jazz Machine“ versammelt. Den Rückmeldungen zufolge waren die Konzerte des Vortags überzeugend. Der Einlass beginnt, und das zahlreich erschienene Publikum strömt in den großen Konzertsaal. Das Daniel-Migliosi-Quintett beginnt zu spielen und erinnert uns plötzlich daran, dass wir nicht an einer Pyjamaparty, sondern an einem Jazzfestival teilnehmen. Migliosi spielt Trompete, Kai Craig Schlagzeug, Benedikt Göb Klavier, Kaisa Mäensivu Kontrabass und Sean Payne Altsaxophon.
Daniel Migliosi ist ein waschechtes Kind seiner Heimat, mit Musik aufgewachsen und weltoffen. Mit gerade einmal 19 Jahren präsentiert er heute Abend bereits sein zweites Album: „On The Edge“. Auf der Bühne, mit einem umwerfenden Stil, gönnt sich Migliosi Momente der Brillanz – zwar noch nicht perfekt, aber bereits äußerst überzeugend. Bei jedem Beifall jubelt die Truppe. Das Quintett produziert Musik wie eine Dampfwalze, voller Anspielungen, ohne dabei jedoch seine Vorbilder nachzuahmen. Der Trompeter teilt auch nicht die Undankbarkeit einiger seiner Kollegen und nimmt sich ein paar Sekunden Zeit, um seinen institutionellen und privaten Sponsoren zu danken. Der Abend geht weiter mit dem Dominic-Miller-Quartett und seiner Musik eines ganz anderen Stils. Dominic Miller spielt Gitarre, Nicolas Fiszman den Kontrabass, Mike Lindup das Klavier und Ziv Ravitz erneut das Schlagzeug. Dominic Miller schafft eine ruhige, bodenständige Atmosphäre – er hat schon viel erlebt. Als Wegbegleiter von Sting trägt er die Last seiner Wanderjahre auf den Schultern und setzt seine Erfahrungen auf großartige Weise in Musik um.
Am nächsten Tag, nur wenige Minuten vom Kulturzentrum entfernt, bietet die Kantin mehrere Apéro-Konzerte an, darunter das äußerst unterhaltsame und vielseitige Konzert von Maxime Bender und Napoleon Gold. Anschließend übernimmt Airelle Besson das Ruder. Die Trompeterin, eine feste Größe der europäischen Jazzszene, wird begleitet von Lynn Cassiers (Gesang und Effekte), Fabrice Moreau am Schlagzeug und Benjamin Moussay am Keyboard. Die vier Künstler liefern mit „The Sound of Your Voice“, einem langen, virtuosen Stück in drei Teilen, eine herausragende Darbietung. Die vier folgenden Künstler, Aushängeschilder des lokalen Jazz, tun leider das Gegenteil. Pascal Schumacher am Vibraphon, Marc Demuth am Kontrabass, Jeff Herr am Schlagzeug und Greg Lamy an der Gitarre erledigen zwar ihren Job, werden aber weder ein 13. Monatsgehalt noch eine Leistungsprämie erhalten. Gebt all diese symbolischen Belohnungen doch lieber Jeff Ballard, der beim folgenden Konzert brilliert. Der amerikanische Schlagzeuger und sein Landsmann, der Pianist Aaron Parks, begleiten die internationale Formation Nova. Dazu gehören der niederländische Saxophonist Ben van Gelder, der brasilianische Gitarrist Nelson Veras und der belgische Bassist Félix Zurstrassen. Bei jedem Glanzmoment mit begeistertem Applaus bedacht, überzeugt die Truppe mit einem facettenreichen Jazz, der den Zuhörer in Atem hält.
Der Abend geht in der Kantin weiter, wo die unermüdlichen Michel Meis, Pol Belardi, Maxime Bender und Jérôme Klein mit verblüffender Selbstverständlichkeit für Stimmung sorgen. Schade sind allerdings der zu wünschen übrig lassende Sound und die Raumgestaltung, die jede Bewegung einschränkt. Im vergangenen Jahr hatte die ehemalige Lokomotivwerkstatt als weitläufige Tanzfläche gedient, und der Abend war in allgemeiner Euphorie ausgeklungen. In diesem Jahr gibt es Gründe, früher nach Hause zu gehen. Der Eurovision Song Contest war Grund genug dafür.
Am Sonntag präsentiert Céline Bonacina ein mitreißendes Konzert. Zusammen mit John Hadfield am Schlagzeug, Chris Jennings am Kontrabass und Grégory Privat am Keyboard stellt die französische Saxophonistin ihr neuestes, farbenfrohes Projekt „Jump !“ vor. Auf „Deevela Street“ klingt ihr imposantes Baritonsaxophon wie eine Geige. Die linke Hand auf der Klaviatur des Klaviers, die rechte auf der des Synthesizers – Grégory Privat lässt sich von seinem Elan mitreißen. Seine Gesamtleistung gehört zur Spitzenklasse. Später verlangsamt das Sebastian Rochford Quartett das Tempo. Der britische Schlagzeuger, der bei der zehnten Ausgabe des Festivals ein erstaunliches und einfühlsames Erlebnis geboten hatte, ist zurück – mit Maria-Chiara Argirò am Synthesizer, Isobella Burnham am Bass und David Preston an der Gitarre. Ihre Musik, die unter die Haut geht, manchmal etwas veraltet und oft ihrer Zeit voraus ist, reißt mit und zaubert ein Lächeln auf die Lippen. Zwischen herausragenden Auftritten und Sessions, bei denen „noch Luft nach oben“ ist, geht das Festival zu Ende und hinterlässt uns in einem Zustand unbestreitbarer Begeisterung.