Nach dem Burgtheater und der Albertina, den Orten, an denen er in Wien seinen Durchbruch feierte, war es für den Aktionskünstler – und den bildenden Künstler im Allgemeinen – erhielt Herman Nitsch zu Lebzeiten eine Einladung aus Bayreuth, dort im Sommer 2021 seine Bilder (bestehend aus Malerei und Ritual) im Einklang mit Wagners Musik, genauer gesagt mit der „Walküre“, zu präsentieren. Nitsch starb im April des folgenden Jahres; erst am Vorabend von Allerheiligen 2023 konnte er ein weiteres bedeutendes öffentliches Gebäude einnehmen: den Musikverein, der weltweit für das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker im prunkvollen großen Saal bekannt ist.
„Nitsch und seine Musik“ – zunächst einmal muss der Titel des Konzerts des Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich präzisiert werden. Natürlich trifft das Possessivadjektiv zu, und wie sehr: Nitsch hat selbst ein beachtliches musikalisches Werk geschaffen; man muss sich nur die Unterlagen zu seinen Aktionen, zu seinem „Orgien-Mysterien-Theater“ ansehen – allesamt Partituren. Daneben, darüber hinaus, gibt es die eigenständigen Werke, die unabhängig von jeglichem Ereignis sind. Seine Musik – das Konzert sollte damit beginnen, sie in ihren schöpferischen Kontext zu stellen, zusammen mit drei Komponisten (es hätten zweifellos mehr sein müssen), die in der Reihenfolge der Interpretationen eine Rolle spielten, zweifellos mehr als andere: Webern, Wagner, Skrjabin.
Man muss genau hundert Jahre zurückgehen. Zu den „Sechs Stücken für Orchester op. 6“ von Anton Webern und ihrer Uraufführung unter der Leitung von Schönberg in eben diesem Saal am 31. März 1913 sowie dem darauf folgenden Skandal. Diese Reduktion überraschte: Stücke mit einer Dauer von fünfzig Sekunden bis vier Minuten – nur Cage sollte dies später noch übertreffen. Hier befinden wir uns in gewisser Weise am anderen Ende des Spektrums von Nitsch und sind ihm gleichzeitig so nahe. Erinnern wir uns daran, was Boulez 1957 in der Zeitschrift „Domaine musical“ darüber schrieb: der Kontrast zwischen massiven Effekten bei voller Klangfülle und dem Einsatz von Klangfarben, die durch Aufteilung eine seltene Zartheit entfalten. Danach folgten das Vorspiel zu „Tristan“, das „Poème de l’extase“ op. 54, bei dem der junge Dirigent Patrick Hahn die unerwartete, die jedoch sehr schnell akzeptiert und als bereichernd empfunden wurde, es ohne Unterbrechung, in einem Zug, zu spielen – als Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert, der neue Horizonte eröffnete. Dort bot sich die Gelegenheit, einen neuen Tag zu erfassen, der bereits anbrach, und die Dialektik offenbarte sich sogar in den Versen aus Skrjabins eigener Feder : „ Der Geist/ getragen von den Flügeln der Lebenslust/ erhebt sich zu einem kühnen Flug/ in die Höhen der Verneinung. “ Man wird nicht müde, die letzten Minuten des Gedichts in der Aufnahme der Berliner unter Petrenko anzuhören.
Damit war der Ton für Nitschs Neunte Symphonie „Die Ägyptische“ aus dem Jahr 2009 gesetzt, die ihren Namen in Erinnerung an eine Reise und die starken Eindrücke aus dem Raum einer monumentalen archaischen Zivilisation erhielt. Die Symphonie, die im selben Jahr im Museum von Mistelbach uraufgeführt wurde und hier auf etwa vierzig Minuten gekürzt ist, lässt sich sehr gut durch die Bezeichnung charakterisieren, die Nitsch dem ersten Satz gegeben hat: „gewaltige Exposition“; doch auch hier gleitet man gleitet man von einem Teil zum anderen, zum Adagio, zum Scherzo, zum Finale. Vom individuellen Klang der Orgel zu Beginn, der bald vom Orchester überlagert wird, bis hin zur extremen Klangfülle des groß angelegten, positiven oder tragischen Finales. Zwischendurch skizzieren sich Melodien, Klangteppiche werden gewebt, fransen aus, reißen abrupt auseinander.
Nitsch lässt uns keine Zeit zum Verschnaufen, überrascht uns immer wieder aufs Neue. Kaum haben sich die Klänge der Piccoloflöte in unserem Gehör festgesetzt, werden sie hinter unserem Rücken von den Instrumenten der Musikkapelle Zellerndorf aufgegriffen und verstärkt. Sie hat auf dem Balkon, an den Seitenflügeln des Saals und auf den Galerien Platz genommen und zieht sogar, während sie spielt, in Uniform und Tracht durch die Gänge des Goldenen Saals. Etwas, das man sich auf den ersten Blick kaum hätte vorstellen können.
Blasmusik, die Nitsch nicht fremd ist, da er zu sehr mit der Erde verbunden ist. Doch innerhalb der Mauern von Prinzendorf, erst recht bei den Prozessionen durch die Felder oder Weinberge der Umgebung, klang es ganz anders: Fanfaren aus Österreich, Böhmen und Italien. Dort, im Musikverein, muss man sagen, dass das überraschte, regelrecht fehl am Platz wirkte und einen schönen Kontrast bildete. Und in Nitschs Auftreten, ernst, dramatisch, bis an die Grenzen des Seins und der Existenz gehend, kam ein wohltuender Hauch von Humor zum Vorschein.