Der Jubel einer begeisterten Menschenmenge hallt von den stillgelegten Gebäuden der ehemaligen Walzwerke von ArcelorMittal auf dem Gelände NeiSchmelz wider. Die rund sieben- bis achttausend Menschen, die sich auf der Brachfläche der Industrieanlage versammelt haben, bleiben nicht unbemerkt. Ihr Jubel hallt durch die ganze Stadt. In wenigen Augenblicken werden die Mitglieder von Kings of Leon, die Headliner des Usina22-Festivals, auf einer riesigen, eigens für diesen Anlass errichteten Bühne erscheinen. Die akkreditierten Fotografen sind eingeladen, für die Dauer von drei Songs in den Fotograben zu treten, um einige Bilder einzufangen, die all jenen als Erinnerung dienen sollen, die an diesem Abend nicht dabei sein konnten. Ein Mitarbeiter des „Atelier“ mustert den Verfasser dieser Zeilen, der mit den Händen in den Taschen und in seinem schönsten preußischblauen Hemd erscheint. „Wo ist deine Kamera?“ „Meine Kamera ist in meiner Tasche“ (damit ist ein bereits veraltetes Smartphone gemeint, das neben der professionellen Ausrüstung, die gerade aufgebaut wird, blass aussieht). Der Mann rollt mit den Augen, macht aber Platz. Das Konzert beginnt, und der Anblick einer solchen Zahl von Zuschauern unter freiem Himmel im Großherzogtum ist beeindruckend.
Ein kleiner Rückblick. An diesem Samstag, dem 11. Juni, betreten wir am späten Nachmittag das Festivalgelände wie eine Kathedrale. Man sieht es auf den ersten Blick: Der Arbeitsaufwand, der dafür betrieben werden musste, ist außergewöhnlich groß. Das Festival Usina22, das von einigen der wichtigsten Kulturakteure des Landes mitorganisiert wird, darunter das Atelier, Opderschmelz und Gudde Wëllen, verfügt über die Mittel, um seinen Ambitionen gerecht zu werden. Rund zwanzig Bands werden an diesem Tag auf fünf verschiedenen Bühnen auftreten. Auf der Casa Communa Stage, zwischen zwei Erdhügeln, bietet das Claire Parsons Sextett ein feinfühliges Konzert. Höflichkeit ist nach wie vor angesagt, und die Zuschauer halten einen angemessenen Abstand zur Bühne ein. Im Mittelpunkt der Anlage steht ein riesiges rotes Festzelt, das die bevorstehenden Feierlichkeiten eindrucksvoll ankündigt. An der Seite, inmitten verschiedener Installationen, die vom Lycée des Arts et Métiers entworfen wurden, befindet sich eine Struktur aus Tausenden von CDs, die mit Ketten aneinandergehängt sind, funkelnd alle Blicke auf sich zieht. Die Menschen drängen sich dort, um Selfies vor dieser Attraktion mit unerwartetem Erfolg zu machen.
Um 17:30 Uhr, als der Andrang noch am geringsten ist, beginnt Jana Bahrich, Mitbegründerin und Frontfrau der luxemburgischen Band Francis of Delirium, ihr Set. Das Gesicht der Sängerin erscheint auf den beiden Großbildschirmen der Turbin-A-Stage. Die Fläche davor ist noch spärlich besetzt. Dennoch macht es Spaß, die Stücke aus dem Repertoire von Francis of Delirium wieder zu hören, die in den letzten zwei Jahren ganz unauffällig die Indie-Musikszene des Landes tief geprägt haben. Jana Bahrichs Stimme lässt nicht nach, und ihre Musik, die nicht besonders eingängig ist, beginnt dennoch, ihre Wirkung zu entfalten. Zur gleichen Zeit heizen die Musiker von Indigo Mango auf der bescheideneren Vewa-Bühne am Ende einer Sackgasse die Stimmung an. Die direkt aus Brüssel stammende Band präsentiert unwiderstehliche und wunderbar funkige Musik, die die rund vierzig Leute, die hier Halt gemacht haben, zum Tanzen bringt. Der Frontmann der Band, Jordan Dressen, Schlagzeuger und Sänger, widmet den letzten Song des Sets seiner kleinen Schwester, die nur wenige Schritte von der Bühne entfernt steht. Sie wird freundlich auf die Schippe genommen. Im Festzelt ist es stickig, aber man (wieder)entdeckt die Energie der französischen „Post-Funk“-Band MNNQNS.
Am frühen Abend steht das Highlight des Festivals auf dem Programm: Kings of Leon. Die vier Musiker aus Nashville starten hier ihre Europatournee mit ihrem Song „When You See Yourself, Are You Far Away“. Wahrscheinlich wissen sie gar nicht, wo sie sich gerade befinden. Als echte Profis liefern sie eine großartige Show ab. Auch wenn ihr Einsatz gerade noch das Nötigste abdeckt, lässt man sich von der Stimmung mitreißen. Der Abend zieht sich in die Länge, und das begeisterte Publikum verlangt nach mehr. Usina22 wirkt nicht mehr nur wie ein großes Festival, sondern wird schlicht und einfach zu einem.
Am nächsten Tag ist der Stimmungsumschwung verblüffend. Im Gegensatz zum Vortag ist der Eintritt zum Festival nun kostenlos. Die Partygänger haben den Familien Platz gemacht. Die Hauptbühne wird gerade systematisch abgebaut. Die Sonne steht im Zenit. Diesmal suchen wir Zuflucht unter dem Festzelt, wo Skater und andere Rider im Rhythmus von Old-School-Rap ihre Tricks auf den dafür vorgesehenen Rampen vorführen. Weitere Konzerte sind noch geplant. Man zieht bereits Bilanz dieser ersten Ausgabe, die, so hofft man, nicht nur eine einmalige Angelegenheit bleiben wird. Am nächsten Tag berichtet fast die gesamte einheimische Presse über den Erfolg – ausnahmsweise einmal zu Recht. Usina22 wird zweifellos als eines der herausragenden Ereignisse dieses kulturell durchaus wechselhaften Jahres in Erinnerung bleiben.