Der Auftritt der Filarmonica della Scala am 16. Mai unter der meisterhaften Leitung von Riccardo Chailly zählt zweifellos zu den Höhepunkten der Saison, die nun in der Philharmonie zu Ende geht. Der Australier taiwanesischer Herkunft Ray Chen ist jener unkonventionelle Geiger, dessen „außergewöhnliches Talent“ als Senkrechtstarter, denn neben anderen Ruhmeserfolgen kann er sich rühmen, nacheinander den berühmten Yehudi-Menuhin-Wettbewerb (2008) und den legendären Königin-Elisabeth-Wettbewerb (2009) gewonnen zu haben. Der Rising Star, der schnell zu einem der gefragtesten Musiker seiner Generation avancierte, befindet sich seit diesen Auszeichnungen zweifellos auf dem besten Weg zu einer großen Karriere.
Als Auftakt des Philharmonieabends wurde das Mendelssohn-Konzert aufgeführt. Ein Werk, das zweifellos ein wenig akademisch anmutet, aber dennoch eines der bedeutendsten Meisterwerke der deutschen Romantik bleibt – eine Partitur von exquisiter klanglicher Schönheit, kurzum ein Konzert, das sich sowohl beim Publikum als auch bei den Solisten großer Beliebtheit erfreut. Ray Chen, der zu jener Rasse von „Sechsfinger“-Geigern gehört, glänzt hier durch ein Spiel, bei dem die feurige – manchmal sogar heftige – Leidenschaft der Jugend und eine rhapsodische Inspiration von höchster Qualität weder die Erhabenheit der Komposition noch den angeborenen Sinn für Strenge verdecken. Eine goldbraune Geige (die Stradivari „Samazeuilh“) und ein katzenhafter Bogen: tatsächlich findet der Virtuose in dem bezaubernden Mailänder Maestro einen Verbündeten mit flinken Füßen, so sehr atmen die Saiten, deren Anschläge stets detailreich und geschmeidig sind, weit aus, singen und verzaubern um die Wette. Eine gelungene Zusammenarbeit, die im erhabenen Andante, der „Musik des Himmels“, gipfelt, die uns in die Welt der Engel entführt.
Eine Zugabe von Paganini, von fast beängstigender Virtuosität, ist die Antwort auf die Begeisterung des Publikums. Man geht also nicht zu weit, wenn man wagt zu behaupten, dass die tiefe Musikalität und der strahlende Klang, die der neue Liebling der Geigenwelt sowohl in dieser „ Kür “ als auch im „ Pflichtprogramm “ unter Beweis gestellt hat, der großen Kunst angehören und auf eine glänzende Zukunft hoffen lassen.
Nach der Pause steht Mahlers Erste Symphonie auf dem Programm. Bruno Walter, der den Komponisten gut kannte, sagte über sie: „Sie ist sein Werther, […] die künstlerische Reaktion auf ein Ereignis, das ihm das Herz gebrochen hat, und zugleich das Bekenntnis seiner Seele.“ Schöpferischer Anspruch („mit einer Sinfonie eine ganze Welt erschaffen“, so der Komponist), eine Mischung aus Genres (Tragik und Komik, Burleske und Albtraumhaftes, Poesie und Sarkasmus), Anleihen aus der Volkskultur (das Kinderlied „Frère Jacques“, das mit makabrer Ironie als Trauermarsch parodiert wird), das Streben nach dem Erhabenen und Trivialität: Kurz gesagt, alles in diesem musikalischen Universum spiegelt unser elendes menschliches Dasein wider, das zwischen Engel und Bestie hin- und hergerissen ist.
Als Werk eines Komponisten, der kaum dreißig Jahre alt ist, aber bereits seine klangliche Alchemie meisterhaft beherrscht, knüpft die „Titan“ an die romantische Tradition an, die durch Beethovens „Pastorale“ oder Berlioz’ „Fantastique“ begründet wurde – und zwar dank eines literarischen Programms, das von einem Roman von Jean Paul inspiriert ist. Dennoch bleibt der formale Rahmen gewahrt, die klassische Ordnung wird respektiert, auch wenn die Abfolge der Rhythmen – mal langsam, mal tänzerisch, ja sogar heftig – die Gegenüberstellung heterogener Elemente mit abwechselnd martialischen, melancholischen und überschwänglichen Akzenten vom gequälten und skurrilen Charakter ihres Autors zeugen und dazu führen, dass diese symphonische Dichtung in Form einer Sinfonie äußerst schwer umzusetzen ist.
Das macht nichts! Indem er sich bewusst für langsame, ja sogar schwerfällige (im besten Sinne des Wortes) Tempi entscheidet, hebt der Maestro aus Italien die erstaunlichen Klangverbindungen hervor, die Mahler als geborener Orchestrator geschaffen hat. Zu erwähnen ist schließlich die außergewöhnliche Wirkung des explosiven Finales, das mit „Allegro furioso“ bezeichnet ist, in dem das buchstäblich hochgekochte italienische Orchester das brodelnde Inferno entfesselt, das in auffallendem Kontrast zu den drei vorangegangenen Episoden steht: die sanfte Melodie des ersten, der beschwingte Ländler des zweiten und der Trauermarsch des dritten Satzes.