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Musik 3 Min. Lesezeit

Einfach großartig!

Klassische Musik

Erschienen in Ausgabe September 2021
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Auf nicht prestigeträchtigere Weise als dies möglich ist, eröffnete die legendäre Wiener Philharmonie, eines der besten Orchester der Welt, am vergangenen 4. September mit einem fulminanten Auftakt die neue Saison der Philharmonie mit einem fulminanten Auftakt, wobei der „österreichische Rolls-Royce“ nicht weniger als zwei unvergängliche Meisterwerke der zeitlosen Musik im Gepäck hatte. Am Pult stand der Schwede Herbert Blomstedt, einer ihrer Lieblingsdirigenten, ein Maestro, dessen Ruf unbestritten ist und der mit seinen 94 Jahren das Publikum immer wieder durch die Frische seiner Interpretationen in seinen Bann zieht (ein Beweis dafür, dass die Jahre kaum Einfluss auf das Talent haben) und der erklärt, „dank der Musik jung zu bleiben“. Unter seiner Leitung vollbringen die Wiener – außergewöhnliche, aufmerksame und disziplinierte Musiker, bei denen jeder Instrumentalist wie ein Solist wirkt – eine meisterhafte Darbietung, in der sich Leidenschaft mit einer von Melancholie durchdrungenen Poesie oder auch mit exquisiter Zartheit abwechselt. Das Ergebnis ist eine äußerst „stilvolle“, bewundernswert meisterhafte Interpretation, die auf jegliche überflüssigen Effekte verzichtet und sich durch die Beherrschung der orchestralen Klangfarben sowie einer hervorragenden Klangarchitektur auszeichnet.

In der „Unvollendeten“, dieser ergreifenden Quintessenz von Schuberts Genie (aus Liebe zum Paradoxon könnte man sogar sagen, sie sei die vollendetste seiner Sinfonien), genießt man diese berühmten „Längen“, von denen seit Schumann jeder weiß, dass sie „göttlich“ sind (sie sind in der Tat wie so viele traumwandlerische Meditationen am Rande der Transzendenz). Man bewundert nicht nur die Besonderheit des Klanggefüges dieses Vollblüters mit einer musikalischen Kultur, die ihresgleichen sucht – nämlich das Orchester aus Wien (das hier auf seine Abstammung verweist, da die Sprache des sanften Franz gewissermaßen seine Muttersprache ist), sondern auch die glühende Plastizität und Kompaktheit seines Streichers, insbesondere mit den hervorragenden Violinen, sowie die seiner strahlenden Bläser, die sich in den Gesamtklang einfügen. Das Ganze wird mit Präzision, Geschmeidigkeit, Eleganz und Sinn fürs Detail dirigiert. Die Spannungen sind wie ein Bogen gespannt, werden durch ein außergewöhnliches instrumentales Relief noch verstärkt und offenbaren sich in einer typisch germanischen Tradition, die großen Wert auf die Wirkung der Dynamik legt. Eine wahre Kunst. Große Kunst, um ehrlich zu sein, für ein großes Werk. Wenn Ihnen das keine Tränen in die Augen treibt …

Das andere Herzstück dieses Konzerts ist Bruckners „Romantische“. Der „Meister aus Linz“ gilt nach wie vor als ungeliebter Komponist. Dabei hat der friedliche Provinzler, der in einem so unerschütterlichen Glauben verwurzelt war, dass man ihm den Beinamen „Gottes Minnesänger“ gab, als Erbe Schuberts nichts, was abschreckend wirken könnte. Und seine neun Sinfonien, von denen er die letzte (unvollendete) – nicht mehr und nicht weniger – Gott widmete, sichern ihm allein schon einen Ehrenplatz auf dem Parnass. Angefangen bei der Vierten, einer mittelalterlichen Kathedrale, deren gewaltige Gewölbe der Schwerkraft trotzen und in der man Zeuge eines Abstiegs in die tiefsten Tiefen des menschlichen Seins wird. Unter der versierten Leitung von Blomstedt liefern die Wiener, die auch hier wieder wie „zu Hause“ spielen, eine Interpretation, die nicht nur treffend, sondern vor allem großzügig und von herzerwärmender Wärme ist. „Ich würde gerne in den Himmel klettern“, scherzte Strawinsky über die Sinfonien des Organisten von Sankt Florian, „aber nicht in einem Güterzug!“ Mit Herbert Blomstedt und den Wiener Philharmonikern verwandelt sich der Bummelzug in einen TGV! Zur größten Freude des musikbegeisterten Reisenden.