Die erste Aufnahme von Gustavo Gimeno an der Spitze des OPL für das Label Harmonia mundi ist ein Meisterwerk: Der Spanier beweist darin einmal mehr, was für ein einfühlsamer und akribischer Musiker er ist. In diesem „Stabat Mater“ von Gioacchino Rossini ist alles zugleich gefühlvoll und ausgefeilt: die Ausgewogenheit zwischen Gesangssolisten, Chor und Orchester; die Phrasierung; das Rubato, das niemals übertrieben wirkt; die fein abgestuften Nuancen; die äußerst präzise Betonung; kurz gesagt: große Kunst, aber auch großes Handwerk.
Diese CD soll uns an das Genie eines Komponisten erinnern, dessen wahres Gesicht wir gerade erst zu erahnen beginnen. Ein Großteil des Missverständnisses rund um den Maestro aus Pesaro rührt daher, dass man glaubte, er setze die Tradition der italienischen Komödie als reine Unterhaltung fort, während er doch nur an die Verschmelzung der musikalischen Zwänge nach dem Vorbild Mozarts dachte.
Allerdings genügt es, sich ein paar Takte des „Stabat Mater“ anzuhören – das zehn Jahre nach seinem Rückzug aus der Oper komponiert wurde –, um sich davon zu überzeugen, dass Rossini die Opernleidenschaft noch nicht ganz verloren hatte, dass das Werk sogar von einer „ Sehnsucht nach der Oper “, die viele Interpreten durch ihre theatralische Gestaltung unterstreichen. Wir haben zudem gelernt, dass die Rossini-Partien ein gewisses Maß an Kreativität und Vorstellungskraft erfordern, ohne die der Rossini-Text nur leere Worte bleibt. Und wir haben heute eine genauere Vorstellung davon, wie der rossinische „ Baryténor “ sein muss: ein Sänger mit breitem Stimmumfang, der die hohen Töne mühelos meistert, aber im mittleren Register imposant ist. Der Amerikaner René Barbera ist ein gutes Beispiel dafür, da er sowohl über ein erstaunliches mittleres Register als auch über eine verblüffende Leichtigkeit in den Höhen verfügt und gleichzeitig einen eleganten Gesang pflegt, eine „morbidezza“, die für den Rossini-Belcanto sehr nützlich ist.
Mit der ihm eigenen begeisterten Großzügigkeit zeigt sich Gimeno hier in Bestform, denn es gelingt ihm, seine Überlegenheit durch den warmen Klang seines Orchesters, die Fülle der Chöre des renommierten Wiener Singvereins und eine authentische Spiritualität zu unterstreichen, wodurch jegliche zweifelhafte Effekthascherei in den Hintergrund tritt. Hinzu kommt das Verdienst, echte italienische Großstimmen engagiert zu haben, die nicht nur maßgeblich zu diesem Erfolg beitragen, sondern deren Gesang an das Erhabene grenzt: von der ekstatischen Reinheit der Sopranistin Maria Agresta, die darüber hinaus in ihren Einsätzen viel Autorität und Natürlichkeit an den Tag legt, über die goldbraune Stimme des Bassisten Carlo Lepore, der seine Rolle als „pater nobilis“ perfekt ausfüllt, bis hin zur von goldener Sinnlichkeit geprägten Stimme der Mezzosopranistin Daniela Barcellona.
So gelingt dem Duo der beiden Frauenstimmen ein makelloses „Quis est homo“. Auch die Männer stehen ihnen in nichts nach. Die Tenorarie „Cujus animam“, eine echte Opernarie, ist ein Musterbeispiel für guten Geschmack. Und René Barbera verfügt über das stilistische Gespür und das für Bässe typische, fruchtige Timbre, das dem „Pro peccatis“ so gut steht. Dem Wiener Chor, der sein ganzes Talent entfaltet, indem er beispielsweise die „sotto voce“-Passagen herrlich intoniert, gebührt Lob dafür, wie er den Intentionen des Dirigenten auf Anhieb folgt. Muss man schließlich noch das hauseigene Philharmonische Orchester mit seinen seidigen Streichern und schillernden Bläsern loben? Ach! Die einleitenden Hörner des Duetts!
In einer Entkräftung der scharfen Kritik Richard Wagners, der die Durchlässigkeit dieses heiligen Werks für den lyrischen Stil geißelte und für den Rossinis „Stabat“ keine religiöse Musik, sondern mit lateinischen Texten gewürzte Opernmusik ist, sprach der große Dichter Heinrich Heine, der seit 1841 in Paris lebte, im Zusammenhang mit Rossinis „Stabat“ von einem „Gefühl der Unendlichkeit“. Selten wurde dies so deutlich wahrgenommen wie in dieser Aufnahme, die von Anfang bis Ende von Inbrunst, Innerlichkeit, Andacht, religiöser Hingabe und einem mystischen Sinn für das Jenseits getragen wird. Das zeigt, wie sehr diese Aufnahme zu begrüßen ist.
Man muss anerkennen, dass Gustavo Gimeno hier eine sehr schöne Gesamtinszenierung vollbringt, die er mit ebenso viel Energie wie Poesie umsetzt: Ausgewogenheit zwischen Instrumentalisten und Sängern, ohne dass dies zu Lasten der Sänger geht, von denen bekanntlich immer im Mittelpunkt von Rossinis Anliegen stehen ; rhythmische Präzision, die in den Begleitfiguren der Streicher wunderbar zur Geltung kommt; schneidende dynamische Kontraste; und vieles mehr. Alles in allem haben wir hier eine bedeutende Fassung vor uns, die von einem Klangschmied gestaltet wurde und ebenso interessant wie verführerisch ist.
Aufnahme im Dezember 2019 im Grand Auditorium der Philharmonie Luxemburg. Tonaufnahme: Karel Bruggeman. Spieldauer: 56’24’’. Hervorragender dreisprachiger Begleittext (Französisch-Englisch-Deutsch). Text des „Stabat“ in Latein und dreisprachige Übersetzung. Das Album, erschienen beim Label Harmonia mundi, wurde vom Orchestre Philharmonique du Luxembourg produziert. Artikelnummer: HMM 905355