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Musik 4 Min. Lesezeit

Pianissimo

Cathy Krier nimmt die gesamten Klavierstudien von György Ligeti auf

Erschienen in Ausgabe Oktober 2021
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Spätestens seit der Aufnahme von Werken von Domenico Scarlatti, Joseph Haydn, Frédéric Chopin und Alexandre Müllenbach im Jahr 2008 verfolgen wir die diskografische Laufbahn von Cathy Krier mit Aufmerksamkeit, Neugier und Interesse. Nun muss man feststellen, dass von einer Aufnahme zur nächsten die Fortschritte (ein ausgereifterer Ansatz, ein ausgeprägterer Klanggenuss, ein offenerer Atem, eine souveränere Ausstrahlung) offensichtlich sind, und zwar sowohl in Bezug auf die Spieltechnik als auch auf die Musikalität. Als Beweis für diese faszinierende pianistische Entwicklung und diesen deutlichen Willen zur Selbstüberwindung sei nur die CD angeführt, die die talentierte Pianistin aus unserer Region gerade den 18 unglaublich akrobatischen Klavierstudien von György Ligeti gewidmet hat, die sie mit feinem Anschlag und rhythmischer Präzision spielt.

Was an diesem absoluten Höhepunkt von Ligetis Klavierwerk auf den ersten Blick auffällt, ist neben der unglaublichen Virtuosität vor allem der Geist der Forschung und Innovation. Diese Stücke markieren in der Tat einen ästhetischen Kurswechsel, der den Komponisten dazu veranlasste, sich – nicht ohne einen Anflug von Schalk – als „Verräter an der Avantgarde“ zu bezeichnen! Sie zeichnen sich beispielsweise durch das neuartige Bestreben aus, Komposition und Wahrnehmung miteinander zu verbinden, oder auch durch den Willen, so diametral entgegengesetzte, multidimensionale Inspirationsquellen wie die wissenschaftliche Chaostheorie und die fraktale Mathematik einerseits und der Volksmusik des Balkans (insbesondere dem typischen ungarischen Volkstanz „Verbunkos“) sowie der subsaharischen afrikanischen Musik andererseits. Das Ergebnis dieses Synkretismus lässt sich in drei Worten zusammenfassen: Polyrhythmik, Polytonalität, Polymodalität. Dies stellt für den Interpreten zweifellos eine enorme Herausforderung dar.

Nach dem Vorbild von Debussy gibt Ligeti seinen Études Titel, die die Fantasie anregen und deren fantastischen Charakter sowie ihre Anziehungskraft unterstreichen, indem sie eine poetische Welt mit synästhetischen Anklängen schaffen. Die Entstehung der drei Bücher, aus denen sie bestehen – wobei jedes einen in sich geschlossenen Zyklus bildet und nicht nur eine bloße Aneinanderreihung disparater Stücke ist –, erstreckte sich über mehr als 17 Jahre.

Der erste Sammelband (1985) beginnt mit „Désordre“, einer Etüde, deren beängstigendes Fehlen jeglicher Metrik die Kunst des Interpreten von Anfang an auf eine harte Probe stellt. Meisterhaft vorgetragen, verdeutlicht sie die Qualitäten der Spielklarheit unserer Pianistin, und zwar dank eines subtilen Gleichgewichts zwischen Eleganz und Brio, zwischen Spannung (gewährleistet durch das Verfahren der Proliferation) und Sicherheit (garantiert durch die Wiederholung des Grundgerüsts). Zu den Höhepunkten des ersten Bandes zählt „Touches bloquées“, dessen spielerische Dimension durch Cathys katzenhafte Fingerfertigkeit zur Geltung kommt, ebenso wie sie es meisterhaft versteht, das Ostinato in „Fanfares“, in „Arc-en-ciel“, die unerwarteten Gegenmelodien oder in „Automne à Varsovie“ (wo im Geiste Chopins der für das Etüden-Genre typische Radikalismus vorherrscht) die komplexen kontrapunktischen Texturen.

Von atemberaubender Virtuosität, da hier extrem schnelle Tempi sowie markante dynamische Kontraste vorherrschen, startet Buch II mit Vollgas (Vivacissimo), mit einem gewagten harmonischen „Aggiornamento“ (Galamb borong), gefolgt von einer Erneuerung von schöner kinetischer Fülle (Fèm), von Mäandern, die schwindelig machen (Vertige), schwindelerregenden Windungen (Zauberlehrling) und Arabesken einer glühenden, alles umfassenden Utopie (Columna infinita), das Ganze meisterhaft interpretiert von Cathy Krier.

Das dritte und letzte Buch hingegen besteht aus schwebenden Musikpassagen, die im Zeichen einer Mikropolyphonie komponiert sind, die durch statische „Klangfarbenflächen“ mit sehr unterschiedlichen Klangfarben und Klangdichten geprägt ist. So vermittelt es, mit Ausnahme der beiden letzten Stücke (À bout de souffle und Canon), eine Art der Besinnung, der Gelassenheit, der Ruhe nach dem Sturm, die sich zugleich aus Einfachheit (die, wohlgemerkt, hart erkämpft wurde) und Anmut zusammensetzt. Eine zauberhafte Musik, die man nicht weiß, woher sie kommt, in der es der aus Schuttrange stammenden jungen Frau dank einer ganz und gar weiblichen Intuition gelingt, Höhepunkte musikalischer Emotionen zu schaffen, die einen in Verzückung versetzen.

Dank seines farbenfrohen Temperaments setzt unser Pianist sein angeborenes Gespür für räumliche Architektur gekonnt ein, um Etüden von hoher technischer Qualität und herausragender musikalischer Klasse zu gestalten. Manchmal mag man sich über die eine oder andere übermäßige Lebhaftigkeit wundern, bei der Geschwindigkeit und Übereilung miteinander verwechselt werden. Doch dieses kleine Manko beeinträchtigt die Verständlichkeit des Ausdrucks in keiner Weise und schadet dem Ausdruck einer originellen lyrischen Sensibilität keineswegs.

Von der „jungen Löwin, die sich gerade ihre Krallen schärft und am Anfang einer vielversprechenden Karriere steht, in der noch alles vor ihr liegt“, wie wir hier vor dreizehn Jahren vor dreizehn Jahren anlässlich einer ihrer allerersten Aufnahmen (Beethovens 4. Klavierkonzert) schrieben, vom frischgebackenen Mädchen aus der Virtuositätsklasse von Pavel Gililov bis zur vollendeten Musikerin, die heute nicht nur in der Blüte ihres Lebens, sondern auch auf dem Höhepunkt ihrer Kunst angekommen ist, liegt ein Weg „per aspera ad astra“, dessen ganze Tragweite das vorliegende Ligeti-Album deutlich macht.

Dieses Album ist das pure Glück. Man sollte es sich unbedingt anhören, egal, was gerade ansteht. Immer wieder und ohne Einschränkung.

Aufgenommen im Juni sowie im Oktober/November 2020 im Kammermusiksaal der Philharmonie de Luxembourg. Spieldauer: 57’52. Tonaufnahme: Holger Urbach. Volles Klangbild mit großer räumlicher Tiefe. Hervorragendes zweisprachiges Begleitheft (Deutsch-Englisch), verfasst von der Pianistin, die in diesem Fall auch als Musikwissenschaftlerin fungiert

Das Album „György Ligeti – Etüden für Klavier, Cathy Krier“ (Label CAvI-music, DDD, 2020; Artikelnummer: 8553036) ist für 19,99 Euro erhältlich