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Musik 3 Min. Lesezeit

Nach ihnen die Sintflut

Tzeedee

Erschienen in Ausgabe Juni 2024
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Wir befinden uns im Jahr 2019 in Opderschmelz. Zu Ehren des Ruhestands von Danielle Igniti, der scheidenden Leiterin des Kulturzentrums, wird ein Fest veranstaltet. Die Crème de la Crème des Jazz aus der Region und von anderswo tritt nacheinander auf der Bühne des großen Auditoriums auf. Dann kommen Michel Pilz, Michel Reis, Pit Dahm und Benoît Martiny, und nach ihnen bricht die Flut los. Um der ebenso anspruchsvollen wie lockeren Programmgestaltung der Jubilantin Tribut zu zollen, bieten die vier Reiter der Apokalypse eine größtenteils improvisierte Darbietung, die das Publikum in Begeisterung versetzt. Im folgenden Jahr, mitten im Lockdown, treffen sich die vier Jazzmusiker zu einem Fernkonzert im Rahmen der „Crazy Quarantine Sessions“, einer Reihe vorab aufgezeichneter Konzerte, bei denen mehrere Musiker von zu Hause aus ein gemeinsames Stück spielen. Wieder spürt man den Funken. Im Jahr 2021 schließlich wird das Quartett zu einer Künstlerresidenz im Vorfeld des Festivals „Like a Jazz Machine“ und zur Aufnahme eines gemeinsamen Albums eingeladen. Der Auftritt beim Festival ging in die Annalen ein. Die daraus entstandene Platte „Mayhem“ ist gerade beim belgischen Label Badass Yogi Productions erschienen. Eine Gelegenheit, erneut in ein außergewöhnliches Projekt einzutauchen, das zwar schwer zugänglich ist, dessen Erfahrung aber einen Umweg wert ist.

„Mayhem“ ist ein Album mit zehn Titeln, das drei Viertelstunden facettenreiche und generationsübergreifende Musik bietet. Vor allem aber – und das muss gleich zu Beginn betont werden – ist es ein posthumes Album, das einem seiner Autoren gewidmet ist: Michel Pilz, einer der Giganten des europäischen Jazz, der am 2. November 2023 verstorben ist. Der Klarinettist legt also einen letzten Auftritt hin, begleitet von Michel Reis, einem außergewöhnlichen Pianisten, von Benoît Martiny, seinem ungewöhnlichen Partner der letzten Jahre, und schließlich von Pit Dahm, einem ehemaligen, schillernden Newcomer, der auf diesem Album abwechselnd zwischen Trommelstöcken und Saxophon wechselt. „Mayhem“ beginnt mit einem Gong und einer Parade, in der die Percussion die Aufnahme in Beschlag nimmt. Bei „Melu-sina“, einem fast zehnminütigen Stück, tobt sich der Pianist aus, und die Klarinette klingt wie ein mongolischer Obertongesang. Die vier Musiker sind Schamanen auf der Suche nach dem Absoluten. Mit „Riverside Drive“ und „Instantly“ kommt das Quartett zur Ruhe und präsentiert eine elegante, aber eher konsensorientierte Musik. „Essaouira“ ist ein rasantes Stück, aus dem man völlig erschöpft hervorgeht. Im Gegensatz dazu ist „Lullaby for Leo“ ein ruhiges und optimistisches Stück, das neue Kraft schenkt. Eine halbherzig-ironische Coverversion von Eric Dolphys „Gazzelloni“ geht dem gleichnamigen Titel voraus, der die Platte auf verrückte Weise abschließt.

Pilz, Reis, Dahm und Martiny regen unsere gesamte Vorstellungskraft an. Die gespielten Töne nehmen die Form einer Palette mit unendlichen Farben an. Wenn die Musiker im Unisono spielen, fällt es schwer, das Gehörte zu verarbeiten – zumindest das, was man zu hören glaubt. Perfekter Einklang oder düstere Frequenzen, Chaos oder Harmonie, Scharlatanerie oder Virtuosität. Böse Zungen werden sagen, dass gewisse Qualitätsunterschiede offensichtlich sind und dass die Truppe sich manchmal auf ihren Lorbeeren ausruht. Dennoch hinterfragt das Quartett unser Verhältnis zu Klängen und Musik, sodass jeder auf seine Kosten kommt.

„Mayhem“ ist bereits als Schallplatte erhältlich,
unter anderem im CD-Buttek beim Palais (Luxemburg-
Stadt). Das Album wird ab dem 5. Juli auf allen
Streaming-Plattformen verfügbar sein. Pit
Dahm, Benoît Martiny und Michel Reis werden
Mayhem am kommenden 25. September als Trio im
Kasemattentheater präsentieren