Das Konzert „Who Is the Sky ?“ von David Byrne, das letzte Woche von Den Atelier organisiert wurde, hatte etwas äußerst Intensives, fast schon Unverzichtbares an sich. Der große (ausverkaufte) Saal der Rockhal bot paradoxerweise den idealen Rahmen für eine Show, die immer wieder mit der Idee der Gemeinschaft spielte: einer musikalischen Gemeinschaft, einer körperlichen Gemeinschaft und einer politischen Gemeinschaft.
Um die Tragweite dieser in einer Videoinstallation festgehaltenen Performance zu verstehen, muss man sie in den einzigartigen Werdegang von Byrne einordnen. Er wurde 1952 in Schottland geboren, wuchs in den Vereinigten Staaten auf und gründete Mitte der 1970er Jahre die Talking Heads, eine wegweisende Band der New Yorker Post-Punk-Szene. Von Anfang an zeichnete sich sein Schaffen durch eine fruchtbare Spannung zwischen intellektueller Distanzierung und körperlicher Dynamik aus. Die Musik der Talking Heads hat die Codes des Rock vollständig dekonstruiert und afrikanische Polyrhythmen, elektronische Klangtexturen sowie Spoken Word integriert, während sie gleichzeitig die allgegenwärtige moderne Angst in choreografisches Material verwandelte. David Byrne war nie nur ein einfacher Frontmann. Er ist bildender Künstler, Choreograf und in diesem Sinne ein Architekt der Geste, der sich im Laufe der Jahre als einer der größten Denker der Szene etabliert hat.
Diese Dimension findet ihren Höhepunkt in dem Konzertfilm „Stop Making Sense“ von Jonathan Demme, der eine Tournee der Band dokumentiert und bis heute als einer der größten Musikfilme aller Zeiten gilt. Schon dort wird diese zentrale Idee deutlich: das Konzert als schrittweiser Aufbau eines kollektiven Ganzen. Jeder Musiker betritt nacheinander die Bühne, jede Klangschicht kommt hinzu, bis eine organische, fast utopische Form entsteht.
„Who Is the Sky?“ reiht sich in diese Tradition ein und treibt sie zugleich auf die Spitze. David Byrne tritt inmitten von Multi-Instrumentalisten und Tänzern auf, die niemals eine rein dekorative Rolle spielen. Alle bewegen sich, spielen, singen, schlagen, atmen gemeinsam. Die Instrumente bewegen sich, die Körper reagieren aufeinander, die rhythmischen Linien verdoppeln sich. Die Bühne wird zu einem fließenden Raum ohne erkennbare Hierarchie. David Byrne tritt keineswegs als autoritäres Zentrum in Erscheinung, sondern wirkt als Katalysator. Die Figur des Anführers verschmilzt mit der kollektiven Dynamik oder löst sich in ihr auf.
Was an diesem Abend jedoch besonders auffiel, war die ausdrücklich politische Dimension des Ganzen. Das Konzert war menschlich im konkretesten Sinne des Wortes und gerade deshalb politisch. Es tauchten klare visuelle Statements auf: „ No Kings “, „ Make America Gay Again “. Nicht als grundlose Provokationen, sondern als Mahnungen. Eine Mahnung daran, dass Popmusik immer ein Ort des gesellschaftlichen Ausdrucks sein kann.
In Videoprojektionen wurden zudem Bilder von Zusammenstößen zwischen der US-Bundespolizei, insbesondere der ICE (Immigration and Customs Enforcement, USA), und der Zivilbevölkerung gezeigt. Diese Bilder, die in den Ablauf der Aufführung eingebunden waren, verhinderten jegliche Versuchung zur Abstraktion. Sie verorteten den Tanz in einer zeitgenössischen Realität, die von institutioneller Gewalt, Spannungen im Zusammenhang mit Migration und demokratischen Spaltungen geprägt ist. David Byrne hält keine militante Rede im klassischen Sinne; er ordnet Zeichen an und erzeugt Reibungen. Er versetzt das Publikum in einen Zustand der Wachsamkeit.
Und doch blieb die Energie erhaben. Nicht euphorisch im naiven Sinne, sondern tatsächlich von einer seltenen Intensität durchdrungen. Die Rhythmen riefen plötzlich zur Bewegung auf, während die Harmonien Räume für Schwung eröffneten, und dann sorgte die Choreografie – oft minimalistisch, manchmal fast zeremoniell – für einen ständigen Austausch zwischen den Darstellern. Das Konzert wirkte wie ein wahrhaft atmender Organismus. Es handelte sich nicht um eine spektakuläre Show, sondern um eine Art zeitgenössisches Ritual, bei dem das Politische aus der Verknüpfung der Körper auf der Bühne, aber auch im tanzenden Publikum hervorging.
In diesem Zusammenhang hat die Rolle von Den Atelier eine besondere Bedeutung erlangt. Mit der Organisation dieses Konzerts in der Rockhal hat das Team einen bedeutenden Beitrag zum kulturellen öffentlichen Auftrag geleistet. Einem breiten luxemburgischen Publikum einen Künstler dieses Kalibers in einem szenisch so anspruchsvollen Rahmen zu präsentieren, zeugt von einem klaren Engagement: dem, Musik als kritischen Raum zu betrachten – nicht nur als Unterhaltung, sondern als Anlass zum Nachdenken, zum Widerstand und natürlich als festlichen Moment.
Bezeichnend ist zudem, dass dieser Besuch mit dem Programm des Luxembourg City Film Festivals zusammenfällt, das am 14. März in der Cinémathèque de Luxembourg den Film „Stop Making Sense“ zeigt. Diese zeitliche Nähe verdeutlicht die Kontinuität einer künstlerischen Suche, die vor mehr als vierzig Jahren begann. Von der nervösen Silhouette im viel zu weiten Anzug bis hin zu den aktuellen Bühnenarchitekturen hat David Byrne stets hinterfragt, wie Musik Gesellschaft gestalten kann.
„Who Is the Sky ?“ liefert keine endgültige Antwort auf die im Titel gestellte Frage. Vielmehr eröffnet es einen Raum für Fragen: Wer spricht, wer tanzt, wer entscheidet, wer schaut zu ? In einer bis auf den letzten Platz gefüllten Rockhal blieben diese Fragen an diesem Abend nicht theoretisch. Sie zirkulierten zwischen Bühne und Saal, in jenem fragilen Bereich, in dem Kunst wieder zu einer gemeinsamen Erfahrung wird und das Konzert wieder zu einem zivilgesellschaftlichen Akt.