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Musik 4 Min. Lesezeit

Lebendige Bilder

Nach Paris und Nancy bringt das Grand Théâtre Händels Opera seria „Orlando“ in einer verstörenden Inszenierung auf die Bühne

Erschienen in Ausgabe November 2025
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„Orlando“ wurde 1733 für das King’s Theatre in London uraufgeführt und vertont den inneren Konflikt von Orlando, einem Ritter Karls des Großen, der zwischen seiner kriegerischen Pflicht und seiner leidenschaftlichen Liebe zu Angelica hin- und hergerissen ist. Diese Oper ist einer der Höhepunkte von Händels Opernschaffen, in dem Magie und Zauber eine herausragende Rolle spielen. Die Handlung dreht sich um ein Liebesvierer, in dem die Liebenden nicht erwidert werden: Orlando gibt Ruhm und Ansehen für die Liebe zu Angelica auf, doch diese ist in den Prinzen Medoro verliebt, den wiederum die Schäferin Dorinda liebt. Der Magier Zoroastro erinnert Orlando an seine kriegerischen Pflichten und wird schließlich wieder Ordnung in das Ganze bringen.

Die Regisseurin Jeanne Desoubeaux verlegt die Handlung in ein Museum, in dem sich Kinder versehentlich eingeschlossen haben. Sie werden Zeugen der Liebesgeschichte durch Gemälde, die vor ihren Augen zum Leben erwachen. Eine beunruhigende Interpretation, die mit den Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit, Kindheit und Erwachsenenwelt, Vergangenheit und Gegenwart spielt.

Die Bühnenbilder der französisch-britischen Bühnenbildnerin Cécile Trémolières sind von Beginn an besonders prächtig: Die Schüler spielen, rennen herum und entdecken die Porträts in ihrer Umgebung, bevor der Wächter Zarastro sie auf magische Weise zur Ruhe bringt. Es ist auch sehr schön, wenn Orlando in die Unterwelt hinabsteigt – in einer Szene, die an die Gemälde von Yves Tangy erinnert, vor einem dunkelrosa, ins Purpur tendierenden Hintergrund, vor einigen Felsen und Bäumen. Die lebenden Bilder, aus denen Angelica, Merolo und Dorinda hervortreten – Orlando tritt buchstäblich aus seinem Porträt hervor –, erinnern an die ländlichen Gemälde von François Boucher und Fragonard und, warum nicht, sogar an Greuze.

Die Kostüme des französischen Modeschöpfers Alex Costantino wirken surreal. Vom Kostüm des Edelmanns Orlando im modernen Museum über das von Dorinda als Schäferin im Museum und das von Angelina als Adlige des 18. Jahrhunderts in den Farben des Regenbogens bis hin zu den Kostümen der Kinder als Dämonen der Unterwelt – ihr Stil und ihre Eleganz überraschen immer wieder aufs Neue.

Auch das Orchester „Les Talens Lyriques“ unter der Leitung des französischen Dirigenten Christophe Rousset verdient großes Lob. Christophe Rousset hat bereits mit einer prägnanten, scharfsinnigen und prägnanten Inszenierung von Mozarts „Mithridate“ am Théâtre des Champs-Élysées, in der er die Psyche der Figuren offenlegte, einen hervorragenden Eindruck hinterlassen. Hier leitet er ein opulentes, volltönendes und barockes Orchester, mit dem er sozusagen die Leitlinie, den musikalischen Weg der Oper vorgibt. Hinzu kommt die Qualität der Sänger, die alle über eine perfekte Artikulation verfügen, sodass sie auch jenseits des Orchestergrabens verständlich und gut hörbar sind. Mit ihnen gelingen die Übergänge von den Rezitativen zu den Arien nahezu natürlich und reibungslos. Sei es der Orlando der israelischen Mezzosopranistin Noa Beinart mit ihrer tiefen, aber geschmeidigen Stimme, von ihrem ersten „Non fu già men forte Alcide“ bis zu ihrem letzten „Già l’ebbro mio ciglio“, der Medoro von Rose Naggar-Tremblay mit einem tieferen, aber keineswegs schweren Timbre, von seinem „Se il cor mai ti dirà“ bis zu seinem „Vorrei poterti amar“, die Angelica der französischen Sopranistin Mélissa Petit mit ihrem frischen Charme, wenn auch durch die Ernsthaftigkeit ihrer Figur etwas beschwert, die von der Natürlichkeit ihres „Chi possessore è del mio core“ bis zu ihrem „Così giusta è questa speme “, oder die Dorinda der Sopranistin Michèle Bréant mit ihrem etwas tieferen, aber nicht weniger angenehmen Timbre – von ihrem „ Ho un certo rossore“ bis hin zu ihrem „Amor è qual vento“ – ihr Gesang wirkt wie ein edler, ernster und durch und durch samtiger Wandteppich. Ihre Stimmen harmonieren und ergänzen sich in jedem Duett perfekt, wie etwa die von Angelina und Merolo oder die von Dorinda und Orlando, und zeichnen sich durch ihre Klarheit aus.

Nur der Zoroastro des Bassisten Olivier Gourdy lässt vielleicht etwas an Tiefe vermissen, da seine Rezitative den Arien zu sehr ähneln. Die größte Stärke dieser Musiker besteht darin, das raffinierte musikalische Material dieser Oper subtil zur Geltung zu bringen. Etwas mehr Leidenschaft und Engagement im schauspielerischen Spiel hätten diesem Drama dennoch mehr Tiefe verliehen.

Aber das ist noch nicht das Schlimmste. Das Problem, mit dem die Zuschauer hier konfrontiert sind, ist die Überlagerung des Librettos durch eine andere Geschichte: die der Kinder, die nachts im Museum eingeschlossen sind und die Geschichte von Orlando mitverfolgen. Das Spiel der Protagonisten wirkt dadurch meist langweilig, unverständlich und ohne Bezug zur erzählten Geschichte. So tanzen die Kinder, die während der Oper schweigen, wie zu Zeiten Ludwigs XIV., rächen sich schließlich an Zoroastro und finden ihre Eltern wieder, ohne dass der Zuschauer den Zusammenhang mit Orlandos Wahnsinn wirklich versteht. Diese Verknüpfung zweier Handlungen, die nichts miteinander zu tun haben, wird im Laufe des Stücks immer belastender. Eine Show für das Auge und das Ohr, aber kein richtiger Film, wie ein Kinoliebhaber sagen würde.