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Musik 5 Min. Lesezeit

Der Sänger Aimard, die Diva Grigorian

Salzburg bietet ein breit gefächertes Programm – von Bach bis Boulez für ihn, von Carmen bis Lady Gaga für sie

Erschienen in Ausgabe September 2025
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Pierre-Laurent Aimard ist zwar kein epischer Dichter, doch in der Art und Weise, wie er den Text einer Komposition am Klavier zum Klingen bringt, hat er dennoch alles, was einen Erzähler ausmacht. Er lässt sein Instrument an seiner Stelle singen, und wenn man ihn beobachtet und seine Mimik wahrnimmt, scheint er die zartesten oder auch die lebhaftesten und heftigsten musikalischen Momente mit einer inneren, unhörbaren, nur sichtbaren Stimme zu begleiten. Und schließlich ist es fast schon eine Banalität, die Betonungen eines Instruments mit den Intonationen der menschlichen Stimme zu vergleichen. So hatte Korngold für sein Konzert für Violine und Orchester op. 35 in D-Dur eher einen Caruso als einen Paganini als Interpreten im Sinn.

In Salzburg trat Renaud Capuçon mit dem Gustav-Mahler-Jugendorchester unter der Leitung von Manfred Honeck auf; der französische Geigenvirtuose entlockte seinem Bogen die melodiösen, lyrischen Passagen des Werks. Im zweiten Teil des Konzerts ging es dann ganz in eine andere Richtung: zu Tschaikowski und der Kraft seiner Fünften. Und das Spiel, das begeisterte Engagement der jungen Musiker, mit Ausbrüchen, regelrechten Vorstößen aus der klanglichen Hintergrundschicht heraus – denn genau das muss der Schwerpunkt der Arbeit des Dirigenten gewesen sein: Nachdruck bei den Streichern, Betonung von Lautstärke und Intensität.

Dritter und letzter Höhepunkt des Aufenthalts an den Ufern der Salzach: der Abend „A Diva is Born“ von Asmik Grigorian in Salzburg – neben anderen Orten wie Bayreuth, Wien oder Paris, in solchen Opernhäusern, haben ihr diesen Status verliehen; ihre Aufführung war eine Hommage daran und zugleich – mit genau dem richtigen Maß an Ironie – eine Entwicklung, die, wie es nicht anders sein konnte, in der „Preghiera“ aus „Norma“, „ Casta Diva “.

Zurück zu den Anfängen, zu Pierre-Laurent Aimard und zu einem Abend, der einem Klaviermarathon glich – in zwei Teilen: Der erste Teil fand im Rahmen des hundertsten Geburtstags von Pierre Boulez statt und war zudem von dem Interpreten Alfred Brendel gewidmet, der zweite dem zweiten Zyklus von Bachs „Wohltemperiertem Klavier“. Von Boulez’ „Notations“ aus dem Jahr 1945 bis zu den „Incises“ in der Fassung von 2001, umrahmt von Debussy, Ravel und Messiaen, es war ein umfassendes, eindrucksvolles Panorama des französischen Klaviers des 20. Jahrhunderts, und durch die Auswahl sowie unter den Fingern von Pierre-Laurent Aimard wurde ein Überblick über die Verwandtschaften und Affinitäten geboten, die deutlich wurden, ebenso wie die neuen Akzente, die Gegensätze, ja sogar die Radikalisierungen. Etwas anderes zeigte sich sofort: Eine solche Interpretation bietet die Chance auf ein ganz neues Hörerlebnis, bei dem sich, sozusagen, das Klassische und das Moderne bzw. Zeitgenössische verbinden; es geht nicht um Vereinheitlichung, sondern um gleichwertige Exzellenz.

Wenn man die vier Études von Debussy nach den Notations von Boulez hört, nimmt das Ohr sie anders wahr, auf eine radikalere Weise, und die Incises – es war, als würden sie ganz natürlich zu den Explosionen in den Études de rythme von Messiaen führen. Im Spiel von Pierre-Laurent Aimard gibt es immer ein direktes Erfassen, das unverfälscht an den Zuhörer weitergegeben wird. Das ist Teil seiner pädagogischen Seite: Er erweckt die Musik zum Leben, lässt sie sich entdecken und offenbaren, und wenn man daran denkt, kann man nur schon heute auf den Abend aufmerksam machen, den der Pianist in der Philharmonie in Kirchberg im gleichen Geist gestalten wird, indem er Kurtág und Bach in einen Dialog treten lässt. Bach, dessen Fugen und Präludien er bis an die Grenzen ausreizte – die Musik ging daraus veredelt hervor, der Interpret war erschöpft, das Publikum hingerissen.

Pierre-Laurent Aimard ist seit jeher ein gern gesehener Gast in der Philharmonie von Luxemburg, während Asmik Grigorian das Publikum dort erst kürzlich mit Romanzen von Tschaikowski und Rachmaninow begeisterte. Neulich Abend im Festspielhaus war das Publikum von vornherein für sie gewonnen, als Grigorian hinten, links und rechts auftauchte, man konnte ihre Position nur anhand ihrer Stimme und ihrer Koloraturen ausmachen, bevor sie nach vorne trat, um die Bühne einzunehmen, neben dem Klavier, an dem Hyung-ki Joo den Abend freundlich eröffnet hatte; er sollte während des gesamten Abends als Moderator fungieren. Sie wechselte von armenischen und litauischen Volksliedern über Koloraturen von Reynaldo Hahn, Ravel oder Bernstein zu Opernarien von Verdi, Puccini oder Bizet. Doch das Unerwartete sollte erst noch kommen: Die Diva im Lederkostüm, als Popsängerin (und damit auch den Titel des Abends bestätigend), interpretierte Stücke von Lady Gaga. Vor der „Preghiera“ aus der „Norma“.

Asmik Grigorian kann wirklich alles singen, sie fühlt sich überall zu Hause (ach, da kam mir plötzlich die Erinnerung an Peter Hofmann, Siegmund, Tristan, Rocker bei seinem früheren Auftritt in Luxemburg, genauer gesagt in Pétange), und plötzlich kam mir der Gedanke, dass Litauen sie als Vertreterin beim nächsten Eurovision Song Contest aufstellen sollte. Ein garantierter Triumph. Mit Pop hat sie das Publikum im Festspielhaus in ihren Bann gezogen, ihr wird alles gelingen – wie könnte man ihr widerstehen? Aber Vorsicht, die Österreicher werden ihr bald die doppelte Staatsbürgerschaft anbieten, das haben sie bei Netrebko ja auch schnell gemacht.