Nach „Memories“ (2023) und „Extreme“ (2024) widmet sich der dritte Teil des Festivals für zeitgenössische Musik in der Philharmonie dem Thema „Bodies“ und präsentiert während einer verlängerten Woche ein Mosaik aus Programmpunkten, in denen Gesten, Räume, Bewegungen und Instrumente – manchmal ganz unerwartet – zum Klangstoff werden.
Für Catherine Kontz bleibt „Rainy Days“ ein offenes Experimentierfeld, ein Konzentrat neuer Musik, das für alle zugänglich ist, unabhängig davon, wie vertraut man mit zeitgenössischer Musik ist. „Es gibt nicht viele Spezialisten für neue Musik, aber das Programm spricht das gesamte Kulturpublikum an“, betont Catherine Kontz. Dieser Wille, den Rezeptionshorizont zu erweitern, durchzieht das gesamte Programm wie ein roter Faden, der auf die Körperlichkeit des Klangs, die Präsenz der Interpreten und die Art und Weise verweist, wie die versammelten, sich bewegenden und lauschenden menschlichen Körper die Bühne gestalten.
Die Ausgabe 2025 bietet zahlreiche Kooperationen, insbesondere mit dem Grand Théâtre und dem Mudam, und bestätigt damit Rainy Days als ein durch und durch interdisziplinäres künstlerisches Ökosystem. Der Körper wird dabei nicht nur als Subjekt betrachtet, sondern auch als Mittel zur Erkundung des Raums und als Klangsystem. Musiker, Tänzer, Performer, aber auch Maschinen nahmen an dieser sinnlichen Reise teil.
Zu den Höhepunkten zählte das Berliner Kollektiv Rimini Protokoll, das in Zusammenarbeit mit dem Grand Théâtre mit „Sweat“ einen scharfsinnigen Einblick in die Körperkultur bot. Die Künstler verwandelten Fitnessgeräte in regelrechte Instrumente und hinterfragten dabei sowohl die Konventionen der Fitnessbranche als auch das Verhältnis zwischen körperlicher und künstlerischer Leistung.
Einer der Höhepunkte war das „Sitting Duet“, ein Musiktheaterstück, bei dem Musiker mit Kartoffeln spielten. Ein Stück an der Schnittstelle zwischen Konzert, Tanz und Ritual, das ganz allein den Geist des Festivals verkörpert: neue Perspektiven eröffnen, überraschen und Horizonte erweitern.
Die körperliche Dimension kam auch in einem Stück ohne Musik zum Ausdruck – oder besser gesagt, in einem Stück, das ganz aus visueller Musik bestand: einem „Walking Piece“, das von dreißig Schülern der Abteilung für zeitgenössischen Tanz des Konservatoriums von Luxemburg aufgeführt wurde. Hier wurde der Rhythmus durch Bewegungen, Atemzüge und winzige Berührungen erzeugt, wie in einem stillen Orchester, in dem der Klang zur Wahrnehmung wurde.
Anschließend bot der amerikanische Komponist Michael Parsons, eine Leitfigur der Fluxus-Bewegung und langjähriges Mitglied des Scratch Orchestra, der bis heute als Künstler tätig ist, den Festivalbesuchern einen seltenen Moment lebendiger Wissensvermittlung.
Eine Hommage galt auch der argentinischen Komponistin Hilda Dianda, die in diesem Jahr hundert Jahre alt geworden wäre. Bei der Veranstaltung am Donnerstag verband die drei Werke „Ludus“, „Levels“ und „Monadologie“ ein gemeinsamer Gedanke: Das musikalische Material ist niemals vorgegeben, sondern entsteht erst. Das Orchester verschiebt hier die Form vom Ziel zum Ergebnis, das aus der Arbeit am Klangmaterial selbst entsteht: Tonhöhen, Dauer, Klangfarben, ein ganzes musikalisches Gedächtnis oder auch ausdrucksstarke instrumentale Gesten.
„Ludus I“ wurde als ungerichteter Raum-Zeit-Rahmen konzipiert, in dem die räumlich verteilten und autonomen Instrumentengruppen einen Gesamtklang erzeugten, der zugleich fragmentiert und vibrierend war und von plötzlichen Fokuspunkten durchzogen wurde. In „Levels“ überlagerte Michael Parsons kontinuierliche Schichten, die fast statische Klangblöcke schufen und den Raum als wahrnehmbare Substanz offenbarten – eine Atmosphäre à la Hitchcock. Bernhard Lang hingegen hat Partituren aus dem Repertoire granuliert und neu zusammengesetzt, um einen sich wandelnden Fluss zu erzeugen, und in „Monadologie XXXIX“ konnte das Publikum etwas erleben, das zweifellos einem virtuellen Remix mit erhabenen Erinnerungsblitzen gleicht. Diese drei Werke forderten die Zuhörer auf, ihr Hörerlebnis selbst zu gestalten: Die endgültige Form entstand aus der geschenkten Aufmerksamkeit. Die Stücke wurden brillant dirigiert von Ilan Volkov, einem engagierten Dirigenten, der regelmäßig wegen seiner Teilnahme an pazifistischen Aktionen festgenommen wird.
„Musik hat immer einen politischen Kontext. Sie ist immer ein Statement“, erinnert Catherine Kontz. Ohne politisch provokativ zu sein, ermöglicht das gesamte Festival Begegnungen rund um die neue Musik, aber es bietet auch die Gelegenheit, sich gemeinsam und öffentlich Fragen zu stellen, die über den Klang hinausgehen: Wie entsteht er, wie entsteht der Rhythmus, wie entstehen die Emotionen, die die Musik in uns hervorruft, welche Bedeutung dieses Ereignis hat, das die Wahrnehmung verlangsamt und auf poetische Weise zum Nachdenken anregt.
Zu den diesjährigen Kreationen gehört auch ein von PwC geförderter Auftrag: ein Werk des jungen luxemburgischen Komponisten Nick Bohnenberger, das in Zusammenarbeit mit dem Ensemble Recherche aus Freiburg entstanden ist. Und auch andere Höhepunkte prägten das Programm: „From the Book of Heads“ von John Zorn, interpretiert von Henry Växby an der E-Gitarre, ein fast schon cartoonartiges Stück, dessen Partitur erst nach einem persönlichen Schreiben an den Komponisten erhältlich war.
Der Samstag wurde durch die Premiere von „Musici Ireland“ und „Chronically Hopeful“ bereichert, einer neuen interdisziplinären, immersiven Produktion, die einen Einblick in die brutale und oft wenig bekannte Realität chronischer Krankheiten, unsichtbarer Behinderungen sowie neurologischer Störungen gewährt. Es folgte die Hommage an den vor fünf Jahren verstorbenen luxemburgischen Musiker Steve Kaspar, initiiert und geleitet von Natasha Grujović am Akkordeon und Gesang, wie immer in enger Zusammenarbeit mit Yuko Kominami, die tanzte. A-Un präsentierte elektroakustische Klanglandschaften, die von Steve Kaspar komponiert und von den beiden Künstlerinnen interpretiert wurden.
Anschließend, am Sonntagvormittag, konnte das Publikum bei „Em-Body-Ment. A Multimedia Drama“ eine Uraufführung und Auftragsarbeit der Philharmonie mit Irene Kurka, Sopranistin und Performerin, erleben, die von Michael Weilacher am Schlagzeug und am Film sowie von Leah Muir in den Bereichen Regie, Musik, Film und Video begleitet wurde. Der Nachmittag bot einen Moment der Zusammengehörigkeit, den Catherine Kontz in jedem ihrer Programme der letzten Jahre besonders schätzt. Diesmal war es ein großes gemeinsames Atmen mit dem Amstel Quartett, begleitet von den Musikerinnen und Musikern der Luxembourg Saxophone Association – ein echtes Gemeinschaftsprojekt.
Zum Abschluss der ersten Festivalwoche wurde dem Publikum etwas Ungewöhnliches geboten: „Nage no Kata“ – Judoka und Musiker. Für den Komponisten Yann Robin haben Judo und Musik denselben Anspruch an Bewegung und Zeit. Zusammen mit dem Ensemble Multilatérale hat er daher eine einzigartige Aufführung konzipiert, bei der fünf Katas, ausgeführt von zwei Judokas, auf Originalwerke treffen, die für dasselbe Instrumentalensemble komponiert wurden. Die Kata bestimmt ihre eigene Zeitlichkeit: Hier leitet die Bewegung die Musik und schafft so ein Ritual von überraschend großer Intensität.
Zum Abschluss des Festivals stand das äußerst feinfühlige mikrotonale Werk des Explore Ensemble mit dem Titel „dying your dying to come closer“. In diesem neuen Werk lotete Catherine Lamb gemeinsam mit dem Explore Ensemble jene Zwischenbereiche aus, in denen Formen, Zyklen und Veränderungen aufeinander treffen. Inspiriert von Ursula K. Le Guin und deren taoistischen Visionen einer friedlichen Zukunft integrierte die Komponistin zum ersten Mal Worte in ihre Musik. Das Stück, das als sich ständig wandelnder Zyklus konzipiert ist, bot einen sensiblen Rückzugsort, an dem das Publikum in schlichter Verbundenheit einen Schimmer von etwas Besserem erahnen konnte. Etwas Erhabenes.
In einem europäischen Kontext, in dem viele Festivals ihren Betrieb einschränken oder sogar ganz eingestellt werden und die Budgets immer weiter schrumpfen, grenzt es fast schon an Luxus, eine Veranstaltung wie „Rainy Days“ noch auf die Beine stellen zu können. „Wie dem auch sei, es ist großartig“, fasst Catherine Kontz zusammen, die sich der Bedeutung der Erhaltung dieser fragilen Räume für Kreativität und Präsentation sehr bewusst ist.
Die Ausgabe 2025 bot ein lebendiges Bild davon, was neue Musik sein kann – nämlich ein Ort, an dem Körper, Klänge, Gesten und Engagement eine gemeinsame Landschaft gestalten. Ein Festival, zu dem man nicht nur kommt, um zuzuhören, sondern auch, um mit dem eigenen Körper zu erleben.
Die Feierlichkeiten finden ihren Fortsetzung in dieser großartigen Publikation, die mit aufschlussreichen Texten und den wunderschönen Fotografien von Véronique Kolber ergänzt wird. Und dann noch ein wenig mehr, am 29. und 30. November im Kasmattentheater, mit „Apoplexie“ von Claire Thill, in Begleitung von Catherine Kontz selbst, die in der Tat nicht nur viele Talente, sondern auch eine wunderbare Energie und aufrichtige Herzlichkeit besitzt. Sie wird für die Ausgabe 2026 des Festivals zurückkehren, die zweifellos ebenso überraschend und unterhaltsam sein wird.