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Musik 9 Min. Lesezeit

Konstellationen extremer Lust

Für seine 24. Ausgabe hat das von der Philharmonie du Luxembourg organisierte Festival „Rainy Days“ das Thema „Extreme“ gewählt. Genauer gesagt hat diese Ausgabe die Grenzen der zeitgenössischen Musik ausgelotet, indem…

Erschienen in Ausgabe Dezember 2024
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Für seine 24. Ausgabe hat das von der Philharmonie du Luxembourg organisierte Festival „Rainy Days“ das Thema „Extreme“ gewählt. Genauer gesagt hat diese Ausgabe die Grenzen der zeitgenössischen Musik ausgelotet, indem Werke präsentiert wurden, die Grenzen verschieben und einen anderen Zugang zum Hörbaren, zum Sichtbaren und zu den Vorstellungen davon bieten, was diese Musik sein kann. All dies geschah in einer spürbaren Freude am Zusammenkommen und am gemeinsamen Erleben von Konzerten, Performances und einzigartigen Installationen im gesamten Raum der Philharmonie, aber auch im Konservatorium, im Théâtre des Capucins und in den Rotondes.

Das Festival, das zum zweiten Mal von der luxemburgischen Komponistin Catherine Kontz kuratiert wurde, schuf interessante Gegenüberstellungen: moderne Klassiker wie John Cage oder Morton Feldman vermischten sich mit aktuellen Uraufführungen, vor dem Hintergrund dessen, was wir heute als extrem betrachten. Unter den Darbietungen wurden uns eindrucksvolle Kontraste geboten: auf der einen Seite ein vollzähliges Sinfonieorchester, auf der anderen ein von Liam Dougherty konzipiertes Klavierkonzert ohne Pianisten. Andere Beiträge brachten Ensembles mit 17 E-Gitarren oder minimalistische Solos auf die Bühne und spiegelten damit eine große ästhetische Vielfalt wider. So präsentierte beispielsweise der bildende Künstler Christian Marclay ein bisher unveröffentlichtes Musikwerk mit dem Titel „Constellation“ zusammen mit dem ONCEIM*-Orchester – ein atemberaubender Moment.

Die Veranstaltung richtet sich in ihrer Gesamtheit sowohl an Liebhaber experimenteller Musik als auch an Neugierige, die allein oder gemeinsam mit ihren Kindern innovative Werke in einem einladenden Rahmen entdecken möchten – ganz im Sinne der Begeisterung von Catherine Kontz selbst. Mit Workshops für Kinder und immersiven Formaten ist es dem Festival erneut gelungen, zeitgenössische Musik einem breiten Publikum zugänglich zu machen und den Zuschauern gleichzeitig ganz neue Erfahrungen zu bieten.

Zur Erinnerung: Catherine Kontz ist eine Komponistin luxemburgischer Herkunft. Sie lebt und arbeitet in London. Kontz ist weithin für ihren innovativen Ansatz in der zeitgenössischen Musik bekannt. Sie integriert nichtlineare Formen sowie visuelle und räumliche Elemente; ihr Werk ist stark von musikalischer Theatralik geprägt, insbesondere vom Nō-Theater, mit dem sie sich seit mehreren Jahren beschäftigt. Die Musikerin und künstlerische Leiterin wurde 1976 geboren und studierte am Konservatorium von Luxemburg, bevor sie eine internationale Karriere einschlug und dabei ganz unterschiedliche Bereiche erkundete: zeitgenössische Oper, Klanginstallationen, Orchesterwerke und seit zwei Jahren die künstlerische Leitung dieses Festivals, das in seiner Kategorie – der Neuen Musik – zunehmend an Renommee gewinnt.

Für das Festival rückt Catherine Kontz die Vielfalt der zeitgenössischen Musik in den Vordergrund – jene Musik, die sie selbst unendlich liebt –, und hebt dabei tiefgründige und komplexe Themen des Extremen hervor, wie dies bereits 2023 bei „ la mémoire “ der Fall war. Ihre eigenen, oft experimentellen Werke hinterfragen traditionelle musikalische Formen und bieten einen gewagten Blick auf das aktuelle Musikschaffen. So präsentierte sie in diesem Jahr unter anderem ein zwölfstündiges Stück, „12Hours“, eine Komposition für Stimme und Elektronik mit Improvisationen von Rosie Middleton – ein Werk, das die Spannung in einer anderen Zeitlichkeit aufrechterhält.

Um die neue Musik, die Catherine Kontz dem luxemburgischen Publikum präsentiert, besser zu verstehen, muss man zunächst die Grundlagen des Themas erläutern. In diesem Jahr ging es daher um die „Extreme“. Das Thema wird übrigens in dem Begleitbuch zum Festival gekonnt analysiert. Dieses Buch enthält das Programm sowie analytische Texte von Experten, die durch die wunderschönen Fotografien von Véronique Kolber ergänzt werden. Ein Buch also, das man lesen und aufbewahren sollte.

Aber sprechen wir über Musik. Die Musik als künstlerische Ausdrucksform war schon immer ein fruchtbares Terrain für die Erforschung von Extremen. Von der maßlosen Kraft einer Mahler-Sinfonie über die radikalen Experimente von Cage bis hin zur Wut des Punk oder der Brutalität des Metal – das Extreme in der Musik hinterfragt die Grenzen des Klangs, der Form und der menschlichen Erfahrung. Es manifestiert sich in einem Streben nach Intensität, nach Grenzüberschreitung oder auch nach einer Überwindung ästhetischer und emotionaler Konventionen.

Das Extreme in der Musik wird oft mit Intensität in Verbindung gebracht, sei es klanglich, emotional oder strukturell. In der klassischen Musik haben Komponisten wie Ludwig van Beethoven oder Gustav Mahler die Grenzen des orchestralen Ausdrucks ausgelotet. Mahlers Sinfonien, um sie als Beispiel zu nehmen, schwanken zwischen Momenten äußerster Zartheit und Passagen, in denen das gesamte Orchester in einer Klangwelle explodiert.

In einem anderen Bereich nutzen verstärkte Musikrichtungen wie Rock oder Metal das Extreme durch Klanggewalt und Aggressivität aus. Das Genre Black Metal beispielsweise zeichnet sich durch rasende Rhythmen, dissonante Harmonien und eine düstere Ästhetik aus. Es sprengt die Grenzen der Hörbelastbarkeit und bietet gleichzeitig ein vollständiges Eintauchen in ein radikales Universum.

Das Extreme in der Musik ist in der Tat gleichbedeutend mit Radikalität und Grenzüberschreitung. Es geht darum, etablierte Regeln zu durchbrechen, um neue Ausdrucksformen zu erforschen. Arnold Schönberg und seine dodekaphonische Musik haben die traditionellen Harmonien hinter sich gelassen, um den Weg für die Atonalität zu ebnen. Dieser Schritt, der zu seiner Zeit als extrem empfunden wurde, hat die Grundlagen der westlichen Musik erschüttert und Generationen von Komponisten inspiriert.

Im experimentellen Bereich hat John Cage mit Werken wie „4’33“ den Begriff der Musik selbst neu definiert, wobei das Fehlen von durch den Interpreten erzeugten Klängen die Umgebungsgeräusche in den Vordergrund rückt. Dieses extreme Konzept stellt die Definition von Musik infrage und regt dazu an, unser Verhältnis zur Stille und zum Zuhören neu zu überdenken.

Das Musikalische im Extrem betrifft nicht nur das Schaffen, sondern auch die Rezeption. Manche Werke beanspruchen den Zuhörer intensiv, manchmal bis ins Unbehagliche. Noise-Performances beispielsweise nutzen hohe Frequenzen oder chaotische Klänge, um eine körperliche oder emotionale Reaktion hervorzurufen. Diese Experimente zielen darauf ab, unsere Wahrnehmung von Klang zu verunsichern, aber auch zu erweitern.

Auch in der elektronischen Musik nutzen Genres wie Gabber oder Hardcore-Techno extrem schnelle Tempi und intensive Bässe, um tiefgreifende, fast schon kathartische körperliche Erlebnisse zu erzeugen. Dem Publikum wurden bei dieser Ausgabe somit mehrere geradezu kathartische Momente geboten. Ich denke dabei an Ryoji Ikeda, einen japanischen Musiker und Videokünstler, eine Leitfigur der zeitgenössischen Kunst, der zum Abschluss des Festivals sein rasantes Live-Set „Ultrasonics“ präsentierte, das an der Grenze des Erträglichen lag (als Live-Performance in einem Durchgang). Das Extreme wird in der zeitgenössischen Kunst – und damit auch in der Musik – oft zu einem Streben nach körperlicher und psychischer Überwindung.

Die Erforschung des Extremen in der Musik wirft grundlegende Fragen zum Wesen der Kunst und ihren Grenzen auf. Wo hört Musik auf? Muss ein Werk gefallen? Muss man Zugang dazu haben und alles verstehen können? Ist es möglich, sie zu schätzen, ohne sie vollständig zu begreifen? Diese Fragen spiegeln eine offensichtliche Spannung zwischen Tradition und Innovation wider. Das Extreme erneuert durch das Verschieben von Grenzen ständig die musikalische Sprache, ruft aber zwangsläufig auch Widerstände hervor.

Durch ihre große Begeisterung und ihre Kenntnisse über anerkannte Komponistinnen und Komponisten sowie Interpreten, aber auch durch ihr Wissen und ihr Verständnis für Musik gelingt es Catherine Kontz, diese in die Gegenwart und in die Zukunft zu verankern.

Denn das Extreme spielt eine wesentliche Rolle in der Entwicklung der Kunst, in diesem Fall der Musik. An den Rändern, dort, wo Konventionen verworfen werden, entstehen neue Formen. Ob es sich nun um einen Urklang, eine Klangüberlastung, absolute Stille oder Reibungsgeräusche handelt – das Extreme lädt Künstler und Zuhörer dazu ein, über das Bekannte hinauszugehen, um bisher unbekannte Dimensionen des musikalischen Erlebnisses zu entdecken.

So erwiesen sich alle Projekte als extrem, das heißt, sie unterschieden sich vom üblichen Musikgenuss der bürgerlichen Schichten. Das Nō-Theater und die Nō-Musik eröffneten das Festival mit der Tragödie „Medea“ von Seneca – zum ersten Mal in einer französischen Fassung –, einer Inszenierung der Compagnie Sangaku in Zusammenarbeit mit dem Théâtre Nohgaku und der École des Deux Spirales, die als außergewöhnliches Spektakel angekündigt wurde. Tatsächlich handelte es sich keineswegs um Exotismus oder irgendeine Form kultureller Aneignung, sondern um ein Eintauchen in das Geheimnis dieser japanischen Kunstform. Die Künstler, die diese von Richard Emmert komponierte, musikbasierte „Medea“ präsentierten, studieren oder leben in dieser Nō-Kultur. Zur Information: Das Nō-Theater ist eine traditionelle japanische Bühnenkunstform, die im 14. Jahrhundert entstand. Es verbindet Musik, Tanz, Poesie und Performance und inszeniert Geschichten, die von Spiritualität und Symbolik geprägt sind. Die Darsteller verkörpern mythische oder historische Figuren in einem minimalistischen und stilisierten Stil. Beim Nō handelt es sich eher um ein Ritual als um eine Aufführung. Die Künstler und Musiker bereiten sich durch vorherige Abstimmung vor, kennen die Partituren der anderen perfekt und proben nicht. In diesem Sinne ist es eine einzigartige und vollkommen flüchtige Aufführung.

Zahlreiche Luxemburger nehmen jedes Jahr am Festival teil, darunter natürlich die Musiker von United Instruments of Lucilin, insbesondere mit den „Musiques d’ameublement“ und „Mondrianophonie“ von Johny Fritz. Diese bedeutende Persönlichkeit der luxemburgischen Kompositionsszene wurde übrigens mit verschiedenen neueren und älteren Kompositionen in den Vordergrund gerückt. Ein wunderbarer Moment des Genusses, bei dem der Komponist im Publikum schlichtweg strahlte. Außerdem gab es „Insect Hotel“ (Auszüge) von Claude Lenners und einen Auftritt der Pianistin Cathy Krier. Anschließend wurde der Wahlluxemburger Victor Feigenstein, der 2022 verstorben ist – Pianist, Musiklehrer und Komponist – besonders gewürdigt. Sein unvollendetes Werk „The Workers’ Daily Ballet“, das von Catherine Kontz selbst adaptiert wurde, wurde von der Kammerata Luxembourg in Begleitung von zwei Tänzern aufgeführt: Luiza Brad Batista und Maher Abdul Monty, als Auftakt zum Film „Man with a Movie Camera“ von Dziga Vertov aus dem Jahr 1929, untermalt von dessen restaurierter Originalmusik.

Dieses Festival bietet, kurz gesagt, eine Fülle von Entdeckungen. Einige davon wecken zunächst etwas Widerstand, wie beispielsweise „Ultrasonics“ von Ikeda in dieser performativen Form, deren Bedeutung man jedoch versteht. Andere wiederum erlebt man wie Offenbarungen; ich denke dabei insbesondere an „Constellation“ von Christian Marclay oder „Together We Feel and Alone We Experience“ von Genevieve Murphy, zwei Kompositionen, die vom ONCEIM aufgeführt wurden. Ich denke auch an Radigues „Occam XXV“, interpretiert von Frédéric Blondy, der ebenfalls Organist und Mitarbeiter der berühmten Komponistin Éliane Radigue ist. Ich denke ferner an „Portrait Johny Fritz“, eine großartige musikalische Reise durch das Werk eines bemerkenswerten Komponisten, insbesondere mit der „Sinfonia in Percussions Nr. 2“ für vier Perkussionisten.

Die nächste Ausgabe der „Rainy Days“ findet im Herbst 2025 statt, wobei Catherine Kontz weiterhin die künstlerische Leitung übernimmt und das Thema „Körper“ im Mittelpunkt steht. Ich freue mich schon sehr darauf, gemeinsam mit Freunden, Bekannten und vor allem einem jungen Publikum aus Schülern dabei zu sein.

* ONCEIM: Nationales Orchester für musikalische Kreation, Experiment und Improvisation
unter der Leitung von Frédéric Blondy.