Die „Musikalischen Montage“ der „Solistes Européens“ in Luxemburg blicken auf eine lange Tradition zurück, und unser Dank gilt Christoph König, dem es gelungen ist, dieser Konzertreihe, die für jeden Musikliebhaber, der diesen Namen verdient, unverzichtbar ist, neuen Schwung zu verleihen. Unter der Leitung eines Dirigenten, dessen Freude an der Musik ungebrochen zu sein scheint und der immer wieder kluge Projekte ins Leben ruft, hat sich das Ensemble in einer sehr wettbewerbsintensiven Musiklandschaft etablieren können – nicht zuletzt dank ebenso verlockender wie origineller symphonischer Programme. Das ist genau das Richtige, um ein neues Publikum für klassische Konzerte zu gewinnen.
Ein weiterer Beweis für Christoph Königs Abenteuerlust, für seine unvergleichliche Gabe, uns mit Projekten abseits ausgetretener Pfade zu begeistern, seine Andersartigkeit zu pflegen und wie er es nun schon seit über zehn Jahren tut, und unermüdlich seine Rolle als Unruhestifter, Störenfried und Aufrüttler der Routine fortzusetzen : das Galakonzert an diesem Montag, das jenem gewidmet ist, der uns vor fast zwei Jahren verlassen hat und dessen hundertsten Geburtstag wir in diesem Jahr feiern: S.K.H. Großherzog Jean.
Zum Auftakt stehen zwei Werke auf dem Programm, die ihm eine überaus leidenschaftliche Hommage erweisen. Im Auftrag der Solisten anlässlich des 75. Geburtstags des verstorbenen Herrschers komponiert, ist „Ich dien’“ des Prager Komponisten Milan Slavicky (1947–2009) eine Meditation für Orchester, inspiriert vom ritterlichen Wahlspruch des böhmischen Königs Johann I. von Luxemburg, genannt Johann der Blinde (1296–1346). Als Programmmusik mit einem Aufbau aus langsam-lebhaft-langsam entführt uns diese sinfonische Dichtung in die mittelalterliche Welt der aristokratischen Tugenden und schwankt zwischen nostalgischer Introspektion und heroischer Ausgelassenheit. Die von König am Pult seines Orchesters geleistete, äußerst einfühlsame Interpretation stützt sich auf eine sehr schöne dynamische Gestaltung und hebt die Plastizität und Musikalität des Werks hervor.
Diesem musikalischen Porträt des in der Schlacht von Crécy gefallenen Kriegerkönigs (eine packende Episode, die von seinem Tod auf dem Feld der Ehre handelt, untermalt vom Klang einer Glocke, und das seinen emotionalen Höhepunkt in der Zitation des Wortes „Puis qu’en oubli“ aus der Motette von Guillaume de Machaut in den tiefen Streichern erreicht) ging ein kurzes Klavierstück voraus, komponiert und interpretiert von unserem hiesigen Pianisten David Ianni. Als Werk einer Persönlichkeit mit starkem Charakter, das verführerische Schnörkel, intime Ausbrüche und bezaubernde Melismen miteinander verwebt, greift „Adieu“ op. 124 auf eine Klangalchemie von fast mystischer Inbrunst und einer ganz besonderen Atmosphäre zurück, die absolut nichts mit einer liebenswürdigen Salonunterhaltung zu tun hat. Man bewundert darin das angeborene Gespür für Phrasierung, die sanfte Klarheit der Klangfarben sowie eine sozusagen angeborene Abneigung gegen jede Art von Prahlerei.
Die Sinfonien – insgesamt 104! Wer übertrifft das noch? – Sie durchziehen das gesamte Schaffen des Komponisten der Esterházys wie der lange Donaufluss mit seinen kraftvollen, dynamischen Strömungen und seinem fruchtbaren melodischen Fluss, mal ruhig, mal stürmisch. Die außergewöhnliche Nr. 44, die sogenannte „Trauersinfonie“ des „guten Papa Haydn“, die aus der Sturm-und-Drang-Zeit stammt, gehört nicht zu den meistgespielten. Sie ist sogar eine der unbekanntesten, ebenso wie übrigens ihr Schöpfer, der, eingeklemmt zwischen Mozart (dessen Leben so früh endete), mit dem er befreundet war, und Beethoven (mit seinem prometheischen Kampf), dessen Mentor er war, unter einem ziemlich verwässerten Image litt. Mit der Geduld einer Schildkröte, aber der Lebhaftigkeit des flinken Achilles sorgt der deutsche Dirigent an der Spitze eines kleinen Ensembles (entsprechend dem, über das Haydn in Eisenstadt verfügte) wahrt das fragile Gleichgewicht zwischen Bläsern und Streichern, bewahrt die Transparenz der harmonischen Ebenen, während die Virtuosität jedes Solisten die Klarheit der Linien, die Finesse der Akzente und die Eleganz des musikalischen Ausdrucks schärft.
Auf diesem Geburtstagskuchen fehlte nur noch die Kirsche: Es war die Op. 61 des „Titans aus Bonn“, ein klassisches Meisterwerk des Repertoires, neu interpretiert vom großen israelisch-amerikanischen Geiger Gil Shaham. Das Orchester und der akrobatische Bogen des Solisten wetteifern mal – ganz im Stil eines „Kriegszuges“ – in martialischen Duellen miteinander, mal harmonieren sie miteinander und verschmelzen in der raffinierten Intimität eines wohlwollenden und herzlichen Zusammenspiels. Besonders beeindruckend ist das Ergebnis in der Romanze des mittleren Larghetto: Ein Moment unbeschreiblichen Glücks ist diese durchdringende Meditation in G-Dur, die durch ihre poetischen Arabesken und romantischen Gefühlsausbrüche an das mondhelle „Andante con moto“ aus dem 4. Klavierkonzert erinnert, das ebenfalls in G-Dur steht.
Was soll man noch sagen, außer dass Gil Shaham mit seiner absoluten technischen Meisterschaft – einer perfekten linken Hand beim anhaltenden Vibrato, einem dichten und sicheren Bogenführung – einen Klang von bezaubernder Schönheit entfaltet? Anstelle von gestelztem Pathos, verkrampftem Heroismus und verzerrter Melancholie zieht er eine Atmosphäre vor, die ganz von Zärtlichkeit geprägt ist und in der sich der Gesang ohne Eile entfaltet. Während des gesamten Konzerts klingen die SEL hervorragend, angetrieben von ihrem Chefdirigenten König, der sich perfekt der olympischen Vision des Solisten anschließt und ihm einen königlichen Teppich aus prächtigen Streichern ausrollt, auf dem er seine liebliche Melodie ohne jede Prahlerei zum Klingen bringen kann. Zweifellos gehört dieser besondere Abend, dessen Glanz durch die Anwesenheit des großherzoglichen Paares noch gesteigert wurde, zu jenen, die man so schnell nicht vergisst.