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Musik 4 Min. Lesezeit

Im Trubel von Bonnevoie

Stornierte Urlaubstage

Erschienen in Ausgabe August 2021
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Auf dem Vorplatz der Rotondes herrscht reges Treiben: Maximillion, der als Electro-MC die Stimmung anheizt, legt richtig los, um den Lärm der Presslufthämmer bei den Bauarbeiten am Bahnhof zu übertönen, der direkt neben dem Festivalgelände stattfindet… Berliner Flair, überall ansteckendes Lächeln, attraktive Gesichter, Büroangestellte beim After-Work-Drink, After-Shave-Duft in der Luft und angesagte Bands – das Leben in den Rotondes ist fast wieder normal, das ist der CovidCheck-Effekt. Masken ab für die Geimpften und Getesteten am Eingang – niemand, der diese „ausgefallenen Ferien“ verderben könnte.

Denn im Sommer gehört das Konzept der „Congés Annulés“ zu den angesagtesten der Hauptstadt. Und doch bezeichnet sich SpudBencer mit seiner tiefgründigen und repetitiven Musik, die, wie er schreibt, dazu gedacht ist, „zu trippen oder zu tanzen“, als „not hip“. Da sind wir nicht ganz derselben Meinung… Das „Konzertzelt“, das blitzblank aufgeräumt ist, lädt wirklich dazu ein, es sich dort gemütlich zu machen, doch man sieht nur wenige Leute, die sich dort niederlassen. Über unseren Köpfen tastet sich eine schwarze Wolke heran, daneben dröhnt die Baustelle ununterbrochen wie Donner, auf der anderen Seite die berühmte Rue de Bonnevoie, die manche mit einer Autobahn vergleichen… Da beendet der glückliche Maximillion, ganz in seine Arbeit vertieft hinter den Plattentellern, sein Set weit über 80 dB, um die Lärmbelästigung zu übertönen und diese „Congés“ mitten im Trubel des Viertels durchzusetzen.

SpudBencer übernimmt das Chaos, nachdem er zwei- oder dreimal zwischen Regie und Bühne hin- und hergelaufen ist. Er legt seine EP „Minimaal“ ganz schlicht auf, direkt nach einem schüchternen und flüchtigen „ Yeah “, als er die Bühne betritt. Dabei ist der Typ hier ja zu Hause: Fred Baus, so sein richtiger Name, hat mehrere Jahre lang die Kommunikation der Rotondes geleitet… Er präsentiert sein neues Baby also quasi im Familienkreis. Langsam lässt sich das Publikum vor SpudBencer nieder, eingewiegt von märchenhaften Melodien, untermalt von kräftigen Bässen im Hintergrund.

Im zweiten Track entwirft SpudBencer eine weitaus düsterere, ja sogar beunruhigende Klangwelt. Die Arbeiten nebenan sind noch immer nicht abgeschlossen, und über das Meißelgeräusch legt Spud die Trommeln aus „Mad Max“ drüber. Die Kombination beider Elemente versetzt uns mitten in den Bauch einer stillgelegten Fabrik, wo das Echo des abgebauten Stahls in unseren Ohren widerhallt, wie eine Musik vom Weltuntergang. Ein paar Kicks später nimmt das Tempo die Menge an die Hand, und schon beginnt sie, symbolisch auf den Betonboden der Rotondes zu stampfen. Hinter seinen Geräten, während seine Musik Bilder hervorruft, bleibt SpudBencer nüchtern und unauffällig wie eine Maus. Der Produzent hält sich mit Inszenierungen zurück, um eher das Hören als das Sehen in den Vordergrund zu stellen.

Ohne Übergang wechselt der „Minimalist“ bei seinem dritten Stück die Melodie gegen synthetischere Klänge, die fast schon von den BPM erdrückt zu werden scheinen. Es knistert ein wenig wie eine alte Schallplatte, die sich langsam dreht; man hat sogar den Eindruck, vor einem prasselnden Lagerfeuer zu sitzen. Und dann nimmt es eine „bewegtere“ Wendung, einige Köpfe im Publikum wippen hin und her. Das ist nicht unbedingt beeindruckend, aber es erfüllt offensichtlich seinen Zweck: Der „Pit“ erwacht zum Leben, die Arme hüpfen, die Ellbogen beugen sich, die Knie heben sich, und zahlreiche Fersen klopfen immer heftiger auf den kalten Asphalt.

Und dann ist Schluss. SpudBencer hat tatsächlich ein Problem mit seinen Übergängen, sein Live-Set hätte Besseres verdient. Aber ohne Groll geht es weiter. Eine Art Walgesang dringt in unsere Ohren und verbindet sich schließlich mit einem göttlichen Gesang, immer begleitet von der Bassdrum. Mit einer ganz eigenen Sanftheit zeigt SpudBencer hier seine Verwurzelung im Minimal, auch wenn seine Musik manchmal an eine Grenze stößt, die in den Ohren schmerzt und die Augenbrauen zusammenziehen lässt.

Danach widmet sich der Produzent – ohne besonderen Grund, auch wenn es uns gefällt – tribalen Rhythmen. Der Anfang erinnert uns erfreulicherweise an ein gutes KOKOKO!, um sich dann schnell in reines SpudBencer zu verwandeln: Es bringt die Leute in Bewegung und das Publikum stimmt im Chor mit ein, manche tanzen sogar richtig – diese minimalistische Musik fordert sowohl den Geist als auch den Körper bis zum Äußersten heraus. Spud hat die Bauarbeiten nebenan zunichte gemacht und die „Autobahn“ entlang der Rotondes geräumt – mit nichts anderem als seiner Musik als Waffe.