In der Philharmonie bieten Orchester und Solisten ein ständiges Musikfest, das alle Epochen und Genres umfasst. Das ist mittlerweile zur Gewohnheit geworden – und zwar zu einer guten. Um nur ein Beispiel zu nennen: Jedes Jahr trifft sich die Crème de la Crème der Pianisten in Luxemburg. Das gilt in dieser Saison umso mehr, da das Klavier hier den Löwenanteil einnimmt. An diesem Samstag war Sir András Schiff an der Reihe, eine große Persönlichkeit unserer Zeit, ein herausragender Dirigent und zugleich ein außergewöhnlicher Pianist. Er vereint Erfahrung und Talent und ist zwar eine prägende Persönlichkeit des internationalen Musiklebens, zeichnet sich jedoch durch eine seltene Bescheidenheit aus. Bei uns bleibt er bestenfalls unbekannt, schlimmstenfalls unterschätzt, während die internationale Kritik einstimmig die herzzerreißende Zurückhaltung seines musikalischen Ausdrucks lobt. Zusammen mit seiner Capella Andrea Barca, einem hochkarätigen Spitzenteam aus handverlesenen Kammermusikern, die vom Chef persönlich ausgewählt wurden, betrat er den Euterpe gewidmeten Tempel mit einem prächtigen klassischen Programm im Gepäck, das drei seiner größten Meisterwerke umfasste: eine Sinfonie von Schubert, flankiert von zwei bedeutenden Klavierkonzerten von Mozart. Schiff oder die Kunst, sich richtig ins Zeug zu legen.
Zum Auftakt verwöhnt uns der große Herr – was sage ich da? – der „Sir“ am Klavier mit einem der meistgespielten Klavierstücke (und das aus gutem Grund, denn es ist eines der schönsten) des Salzburger Wunderkindes: das Konzert Nr. 9 „Jeunehomme“ KV 271. Hier lässt der 68-jährige ungarische Virtuose (heute britischer Staatsbürger, betrübt über den Antisemitismus und der angesichts der alarmierenden politischen Lage in seinem Heimatland beschlossen hat, dort keine Konzerte mehr zu geben) indem er seinem zugleich dynamischen und schwungvollen Spiel, voller Seele und Feingefühl, freien Lauf lässt, durch leuchtende Phrasierungen, einen Regenbogen an Nuancen, ein Rubato von bester Qualität einer agogischen Freiheit von gutem Geschmack, und das, obwohl er zudem von einer Capella Barca begleitet wird, die seinem Talent in nichts nachsteht.
Nun ist Schuberts 5. Sinfonie an der Reihe, ein Wunderwerk an Einfachheit, Leuchtkraft und Spontaneität, das zudem durch einen wunderschönen melodischen Reichtum, eine rührende jugendliche Anmut und eine große kompositorische Meisterschaft besticht. Der sanfte Franz ist 19 Jahre alt und erlebt gerade eine Zeit der Begeisterung für das Wunderkind aus Salzburg. Davon zeugen die ganz und gar mozartische Leichtigkeit und Intuition, die sich in den geschickten Kontrasten zwischen Streichern und Holzbläsern des einleitenden Allegros offenbaren, durchzogen von Schwung und Sehnsüchten eines siegreichen Optimismus ; die zarte, ebenfalls Mozart’sche Melancholie, die das Andante durchdringt; die Frühlingsdüfte, die das Menuetto verströmt, bevor im abschließenden Allegro vivace erneut eine ungezügelte Freude ausbricht, die ebenso optimistisch und mitreißend ist wie im ersten Satz. Kein Zweifel: Mit einem Lächeln auf den Lippen, die Tastatur gegen das Notenpult eingetauscht, sind Sir Schiff und seine Mitstreiter hier ganz in ihrem Element und beweisen eine gesellige Begeisterung, die es ihnen ermöglicht, Spitzenleistungen zur Routine zu machen.
Höhepunkt des Abends, der einer Reise ins pulsierende Herz des Wiener Klassizismus gleicht: das herrliche Klavierkonzert Nr. 27, KV 595. Der gewitzte Magyar hat sich also das Beste für den Schluss aufgehoben und das Konzert mit einem wahrhaft wunderschönen Höhepunkt beendet. In dieser meisterhaften Partitur scheint es, als spreche der Solist Mozart wie eine zweite Muttersprache. „Zu einfach für Kinder, zu schwer für Erwachsene“, spottete der Veteran Artur Schnabel über die Musik des Wunderkinds. Ein einfacher Scherz? Wer weiß!
Stets auf der Suche nach dem tiefen Sinn dieser Musik, die „vom Himmel gefallen“ ist, artikuliert Schiff die Phrasen Wort für Wort, ohne Pausen oder unpassende Verbindungen, ohne dabei jedoch Silben zu verschlucken. Ist das nicht das erste Geheimnis Mozarts? Dasjenige, das den Schlüssel zu allen anderen Geheimnissen liefert? Schiff kennt dieses Geheimnis offensichtlich. Instinktiv. Und aus Erfahrung. Durch katzenhafte Sanftheit, geflüsterte Vertraulichkeiten, sinnliche Verspieltheit und schelmisches Lachen. Und was soll man über die Capella Barca sagen, außer dass sie – genau wie das Publikum – dem Charme eines Solisten und Dirigenten erliegt, dem sie in Anspruch und Perfektion in nichts nachsteht?