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Musik 4 Min. Lesezeit

Ganz anders

Oper

Erschienen in Ausgabe März 2023
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Im Fußball ist die Kunst des „Contre-pied“ – bei der man den Gegner in die entgegengesetzte Laufrichtung täuscht – besonders bei der Ausführung von Elfmetern beliebt, wobei die „Panenka“ als Meisterwerk gilt. Eine Finte: Der Torwart hechtet zur einen oder anderen Seite, ein leichter Tupfer genügt, und schon schnappt die Falle zu. Anders verhält es sich in der Oper, erst recht bei Wagner: Man muss über die gesamte Dauer hinweg durchhalten, und der anfängliche Trick, so genial er auch sein mag, erfordert Ausdauer, um dem Diskurs und der Musik unseres Mannes drei, vier Stunden lang standzuhalten. An dieser Solidität – heute sagt man Resilienz – wird ein Regisseur und ein Dirigent gemessen.

Mit Simon Stone und seiner „Tristan“-Inszenierung, die vom Festival in Aix-en-Provence ins Grand Théâtre de Luxembourg übertragen wurde, mussten wir nicht lange warten. Schon beim Vorspiel wird klar: eine Panoramawohnung im Loft-Stil, wie man sie aus den Bühnenbildern von Yasmina Reza kennt, dem Universum dieser Schriftstellerin. Eine Bourgeoisie, wie sie zu einem Finanzplatz passt, und der Mythos von überdimensionierter Liebe und Romantik (Edouard Sans) wird auf einen Schlag geschrumpft, herabgewürdigt. Auch wenn sich der Blick manchmal auf das Meer öffnet, sind Tristan und Isolde in den Wirren eines untreuen Ehemanns und einer misstrauischen Ehefrau gefangen; Blicke verraten sie, bestätigt durch ein herumliegendes Unterwäschestück, ein schlecht verwaltetes Handy. Die beiden befinden sich in einer dem Ende zugehenden Liebe; Isolde (und dem Regisseur) bleibt nur noch die Flucht in den Traum, in die Fantasie.

Beides ist immer dabei, systematisch in allen drei Akten, jedes Mal umgeben von dem Realismus, von dem man ausgeht und zu dem man unweigerlich zurückkehrt. Ein gemeinsamer Arbeitsraum für die Nacht des zweiten Aktes und ganz klar die Pariser Metro, Linie 11, im dritten Akt, von Les Lilas bis zum Châtelet, allerdings mit viel Grün und unvermeidlichen Wellen, als hätte man dem Humor von Ferdinand Lop folgen wollen, der vorschlug, den Boulevard Saint-Michel bis zum Meer zu verlängern. Man gewinnt diese ganze Bilderflut, verliert aber das Wesentliche, jene „Handlung“, die Wagner so nannte und die sich mit der Musik verbindet. Ganz gleich, welcher Interpretation man „Tristan“ unterzieht – ob poetisch und romantisch (wie einst bei Ponnelle), abstrakt (wie bei Heiner Müller) oder zeitgemäß (wie bei Marthaler) –, es muss ein zusammenhängendes Ganzes ergeben.

Und leider helfen da auch alle Kniffe von Simon Stone nichts, ganz im Gegenteil. Im zweiten Akt, in dem es um die nächtliche Begegnung geht – einen Moment, in dem die Zeit stillsteht –, fällt ihm nichts Besseres ein, als ihre Feier zu vereiteln. Parallel dazu und unter Einbeziehung anderer Paare zwingt er uns die verschiedenen Phasen der Liebesleidenschaft auf, von den ersten Liebesspielen bis zur endgültigen Hingabe, ganz im Stil des Rätsels, das die Sphinx Ödipus stellte. In diesem Fall jedoch in umgekehrter Richtung, denn die Liebe von Tristan und Isolde ist eben nicht dazu bestimmt, von Dauer zu sein; diese „Nacht-Geweihte“ sind keine Philemon und Baucis, ebenso wenig wie Tristan ein Don Juan ist. Es ist heutzutage ganz nett, dass Isolde endlich zu einer emanzipierten Bourge geworden ist und Tristan seinen (nicht existierenden) Ehering zurückgibt, aber der Liebestod mitten in einem U-Bahn-Waggon bekommt einen herben Dämpfer, und fast würde man schon bedauern, dass die RATP nicht öfter streikt.

In der Opernausgabe der Reihe „Avant Scène“ bezeichnet Pierre Flinois auf der Suche nach einem verlorenen „Tristan“ die Inszenierung von Simon Stone als die schlechteste unter den heutigen Adaptionen. Doch es bleibt dabei, dass Wagner allem standhält. Und solche Momente kommen dadurch emotional noch stärker zur Geltung, mit größerer Kraft, ohne überflüssigen Schnickschnack für ein paar Minuten : Die Rede ist von der (Klage) des Königs Marke, als er die beiden Liebenden nach Melots Verrat überrascht (der ihm in dieser Inszenierung durchaus Probleme bereitet). Welche Erhabenheit, selbst die Bürosituation ändert daran nichts, denn alles liegt in der königlichen Stimmfarbe von Franz-Josef Selig, in dieser unvergleichlichen Ausgewogenheit von Intensität und Traurigkeit, in der Führung der Stimme. Eine schöne Revanche für so viel Schnörkel, auf Kosten einer anderen Dimension. Simon Stone scheint dies zu ignorieren: Tristan und Isolde sind der Welt und ihren Belanglosigkeiten bereits bei ihrer ersten Begegnung entflohen, der Zaubertrank ist nur symbolisch vorhanden.

Das Philharmonische Orchester Luxemburg hatte die schwere Aufgabe, das auf sich zu nehmen, was weiterhin Wagner gehörte (und ihm auf keinen Fall entrissen werden konnte). Es meisterte diese Aufgabe mit Bravour, unter der kompetenten Leitung von Lothar Koenigs, der dem Orchestergraben ebenso viel Aufmerksamkeit schenkte wie der Bühne und für eine äußerst tragende, unterstützende Begleitung sorgte, angefangen beim titelgebenden Paar, Daniel Frank und Ann Petersen. Abschließend sei noch eine besondere Erwähnung für den Kurwenal von Josef Wagner gemacht, einem österreichischen Bariton, der sehr schnell zu weiteren Engagements berufen wurde. Immer wieder in Wagner-Werken.