Kammermusik, wie man sie liebt: Das erwartete die Musikliebhaber am 29. April in der inspirierenden Kulisse des Kammermusiksaals der Philharmonie. Auf dem Programm stand die großzügige Kombination der Quintette KV 515 und KV 516 von Mozart. Fabelhafte Werke, komponiert vier Jahre vor dem Tod des damals auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft stehenden Komponisten, die wie die Visitenkarte eines Komponisten wirken, der alle Reichtümer der Kammermusik beherrscht. Wenn diese letzten Werke nun von einem eingespielten Quartett, das so harmonisch zusammenpasst wie das Quatuor Ébène (das sich zu diesem Anlass als luxuriösen Bonus den Bratschisten Antoine Tamestit zur Seite geholt hat), auf bewundernswerte Weise interpretiert werden, trägt alles zu unserem Glück bei.
Ich weiß nicht mehr, wer einmal gesagt hat, das Leben eines Musikers sei eine Berufung und das Streichquartett seine Kirche. Es braucht Mönchs-Soldaten, die ihr Ego geopfert haben. Zweifellos gehören die Ébène zu den Abteilungen dieses klangvollen Vatikans. Pierre Colombet (Primarius, mit gestrecktem Oberkörper und weit nach vorne gebeugt auf dem Stuhl sitzend), Gabriel Le Magadure (zweite Violine, leicht im Hintergrund zurückhaltend), Marie Chilemme (Bratsche, tief in ihrem Sitz versunken) und Raphaël Merlin (Cello, unbewegt, mit geradem Rücken) sind seit der Gründung des Ensembles im Jahr 1999 nicht nur für ihren Perfektionismus bekannt und geschätzt, sondern auch für den frischen Wind, den sie in die Kammermusik bringen, sowie für ihre unkonventionelle Herangehensweise an die Traditionen.
Das wurde bereits zu Beginn des K515 deutlich, eines der genialsten Meisterwerke nicht nur der Kammermusik des Wunderkinds, sondern der Kammermusik schlechthin. „Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an den Tod denke“, vertraute Mozart schon in seiner so strahlenden Jugend an. Und nun komponiert er im Alter von 31 Jahren kurz nacheinander zwei erhabene Quintette, deren vorwiegend tragische Tonart wie eine verhängnisvolle Vorahnung klingt. Das einleitende Allegro des ersten Quintetts hat alles von einem erbitterten Kampf gegen den Tod, der kaum von Hoffnung erhellt wird. Nach einem schmerzhaften und unruhigen Menuett hinterlässt das in seiner Einfachheit erschütternde Andante ein außergewöhnliches Gefühl von etwas traurigem Frieden, bevor das Schluss-Allegro, „ gleichzeitig kindlich und göttlich “ (Alfred Einstein), das Werk dank einer seltenen melodischen Fülle in einem überzeugenden und mitreißenden Jubelschwung abschließt. Von Anfang bis Ende bewundert man die Tiefe und Intensität der Interpretation, das perfekte Zusammenspiel und die vorbildliche Vertikalität der Stimmen, die Intonation, die selten einen Fehler zulässt, das Gespür für die große Architektur ebenso wie für das Detail, die Mischung aus Eleganz und Lebendigkeit, die gelungene Umsetzung der mozartischen Zyklothymie, ganz zu schweigen von der schönen Verbundenheit der fünf Freunde, die so vereint sind wie die Finger einer Hand.
Mit der Vehemenz und der intensiven kämpferischen Kraft der K516, einem der größten tragischen Werke Mozarts, geht man einen Schritt weiter in Richtung einer Welt der Trostlosigkeit, in der der Schatten endgültig die Oberhand über das Licht gewinnt. Vorbei ist es mit der unerschütterlichen Gelassenheit angesichts des Todes, die das K515 zum Ausdruck brachte. Fieberhaft und pathetisch erinnert der erste Satz an die Stimmung der Sinfonie Nr. 40. Es folgt ein überaus düsteres Menuetto, dessen gelasseneres Trio das Gefühl existenzieller Angst kaum mildert. Das himmlische Adagio ma non troppo (so sehr scheint es doch vom Himmel herabzusteigen) ist eine düstere Klage, ein andächtiges, fast religiöses Bekenntnis, das „Gebet einer einsamen Seele, ganz umgeben von Abgründen“, um noch einmal Alfred Einstein zu zitieren. Schließlich hören wir zum Abschluss, entgegen aller Erwartungen, ein neues Adagio, das wir hören, ein quälendes Lamento, die musikalische Verkörperung des bis auf den Grund getrunkenen Kelches, bevor sich mit unbeschwerter Fröhlichkeit (es sei denn, es handelt sich um den Wunsch nach unbeschwerter Fröhlichkeit!) ein abschließendes Allegro, dessen vorgetäuschte Fröhlichkeit niemandem entgeht.
In der prägnanten Interpretation der Ébène im erweiterten Format, bis hin zur Mozart-Zugabe, bleibt nichts im Dunkeln, so meisterhaft gelingt es ihnen, das gewaltige Geflecht aus Klangfarben, Rhythmen und Agogik intelligent zu entwirren. Dank einer gründlichen Herangehensweise wird alles sowohl in seiner Gesamtheit als auch bis ins kleinste Detail ergründet. So findet man heutzutage nur noch selten eine solche Sicherheit im Spiel, eine solche Dichte, einen solchen Ausdruck, der zugleich so akzentuiert und doch so fließend ist. Dennoch erweist sich dieser überraschend kraftvolle, fast beethovenische Ansatz als fast zu großzügig, was der mozartischen Anmut abträglich ist.