Ein größerer Kontrast wäre kaum denkbar: Bela Bartoks „Das Schloss des Blaubarts“ (das zwar nicht ausreicht, um den Abend zu füllen) anstelle von beispielsweise Schönberg und „Erwartung“, dem in jeder Hinsicht letzten Werk von Carl Orff. Man muss es dennoch anerkennen: „De temporum fine comoedia“ passt perfekt nach Salzburg, und wir stehen – auf das Jahr genau – kurz vor dem 50. Jahrestag seiner Uraufführung dort unter Karajan. Und Jahrhunderte katholischer Vorherrschaft bleiben nicht ohne Folgen, und zudem hatten manche in Orffs „Comoedia“ das Pendant zu Hofmannsthals „Jedermann“ gesehen. Damals war der Kritiker der „Salzburger Nachrichten“ noch weiter gegangen, hatte sich jedoch in seiner Prognose oder Prophezeiung geirrt: „Man müsste sagen, Orffs Comoedia bleibt ein Stück legitimstes Salzburg, und es darf mit diesem einen Sommer kein Ende haben.“
Erst dank des Willens von Markus Hinterhäuser kam es zu einer Wiederaufnahme – wenn auch, so könnte man sagen, ohne große Aussicht auf Erlösung. Ganz anders verhält es sich im Werk selbst, und hier drängt sich die Parallele zum reichen Festgäste auf dem Vorplatz des Doms auf. Jedermann wird der Hölle entrissen, denn alles ist vergeben, vorausgesetzt, es erfolgt eine Buße in letzter Minute. Bei Orff, einer noch universalistischeren Variante des Katholizismus: Es ist Luzifer selbst, der erscheint, dreimal „Pater peccavi“ sagt und wieder in die Reihen der Gerechten aufgenommen wird. Dies geht auf einen Theologen der patristischen Zeit zurück, Origenes, der am Ende die Aufhebung aller Sünden ansetzt, doch man muss Orffs Übersetzung zitieren: „ Das Ende aller Dinge wird aller Schuld Vergessung sein “, das Wortspiel, die sprachliche Schöpfung ist Gold wert.
Nun neigt sich ein langer Abend bereits dem Ende zu, und Romeo Castellucci lässt zum Abschluss Blaubart und Judith noch einmal auf die Bühne zurückkehren. Letztere, sozusagen eine neue Eva, hält einen Apfel in der Hand, den sie niederlegt – ob sie ihn zum Wohle von uns allen wegwirft, wer weiß. Ebenso rätselhaft hatte der Regisseur „Das Schloss“ durch eine akustische Einlage eingeleitet: das Weinen eines Neugeborenen, gefolgt vom Stöhnen einer Frau – was für ein Schock, welches Trauma, aber ist das wirklich sinnvoll oder notwendig zu Beginn von Judiths Suche, ihrer Begegnung mit Blaubart?
Noch ein kurzes Wort zum „Pater peccavi“. Manche hätten es gerne aus dem Munde von Teodor Currentzis, dem Dirigenten, gehört – wegen seiner Nähe zu russischer Macht und russischem Geld. Als waschechter Grieche hat er sich als überzeugter Demokrat bezeichnet, und das reichte aus, um ihn zu entlasten. Und wir werden uns auch nicht darüber beschweren, denn wir haben gehört, mit welcher Begeisterung, Präzision und Treffsicherheit er das Gustav-Mahler-Jugendorchester und die Chöre während der gesamten Aufführung geleitet hat. Die Philharmonie, unsere Philharmonie in Kirchberg, wird sich übrigens in den kommenden Tagen dem von Currentzis gegründeten neuen Orchester ebenso gastfreundlich zeigen.
Zurück zum Schloss: Am 20. August war es doch der Moment voller Emotionen, in dem alles zusammenkam : die reduzierte Inszenierung von Castellucci, mit einer in Dunkelheit getauchten Felsenreitschule, einigen wenigen Lichtsignalen, Reflexen im Wasser und zwei Darstellern, die – und hier muss man das Paradoxon hervorheben – ihr zurückhaltendes Engagement bis zum Äußersten trieben. Keine Anekdote, keine Handlung, Maeterlincks dramaturgische Lehre quasi in Reinform, ein Gesang von großer Ausdruckskraft und Klarheit, und Ausrine Stundyte und Mika Kares durchqueren Zeit und Raum – mangels nacheinander öffnender Kammern – in ebenso vielen Pas de deux, wobei Judith nach und nach die Oberhand gewinnt, während sie in die tiefsten, verborgensten Tiefen ihres Selbst hinabsteigen.
Nach der Pause folgt also Orff in drei Akten, sehr dialektisch und in der größten Pracht, mit der das Festival sein Publikum zu verzaubern versteht. These : die Sibyllen, die hier sehr radikal gegen das Böse vorgehen, ihrerseits grausam sind – und das beginnt mit einer Steinigung, gefolgt von einem Kindermord. Antithese : die Einsiedler bei ihrem Ritual um einen Baum, Phallus, Totem… Synthese: „dies illa“, ohne Zorn, das Jüngste Gericht, bei dem die Toten auferstehen, und am Ende, wie wir gesehen haben, übernimmt Luzifer wieder die Herrschaft. Theologisch gesehen ist das ziemlich verwirrend; was die Musik angeht, so ist sie dazu da, durch ihren Rhythmus einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen und gewissermaßen jeden Widerstand zum Nachgeben zu bringen. Weit, sehr weit entfernt von den farbenfrohen Verzauberungen Bartoks.