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Musik 4 Min. Lesezeit

Emotionen und Farbtupfer

Aus der Grube dringen Geräusche herauf, Stimmen erheben sich, und dazwischen vermischen sich Nitschs Farben, Farbläufe und Farbspritzer

Erschienen in Ausgabe August 2021
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Die Sprache verbindet beides auf wunderbare Weise – dasselbe Adjektiv, Musik und Malerei vereint. Baudelaire hat die Synästhesie endgültig festgeschrieben und dabei sogar den Geruchssinn (den er als Erstes erwähnt) mit den beiden Sinnen des Sehens und des Hörens vereint: Düfte, Farben und Klänge entsprechen einander / In einer dunklen und tiefen Einheit. Um es gleich vorweg zu nehmen: Neulich Abend in Bayreuth, im Festspielhaus, war nichts Düsteres zu spüren, im Gegenteil, es herrschte strahlender Glanz. Und fügen wir diesen Entsprechungen noch den schönen Chiasmus der deutschen Sprache hinzu, der an „Klangfarben“ und „Farbklänge“ erinnert.

Es ist gegen Abend, ein heftiges Gewitter, das gerade nachlässt : Dennoch weht der Wind weiterhin stark, es peitscht, wie man an den Schlägen der Bögen erkennen kann, und die Saiten der Kontrabässe sind kurz davor zu reißen. Wir hatten ein Festspielhaus betreten, das aufgrund der Pandemie nur zur Hälfte gefüllt werden darf, mit einer offenen Bühne von reiner Weiße, etwa acht Meter hohen Leinwänden als Hintergrund, einer riesigen Leinwand auf dem Boden und daneben ordentlich aufgereiht Eimer, Farbtöpfe, Besen und davor ganz einfache Stühle für die Sänger dieser völlig neuen, ganz und gar originellen „Walküre“: Pietari Inkinen am Pult, Hermann Nitsch an der anderen Regie, Farbenregie statt Personenregie. Vielleicht genau an der Stelle, an der einst Cosima Wagner Platz nahm.

Die Assistenten lassen die ersten Striche fließen, tropfen, dünne Fäden ziehen sich, die Farbläufe werden dichter – Grün, Blau, Violett. Auf dem Boden tragen andere dieselben Farben auf, mit Gesten, die eine Leinwand, die sich ständig verändert, sehr schnell mit mehreren Schichten bedecken. Farben in Hülle und Fülle, im Kontrast zu den Emotionen von Siegmund (Klaus Florian Vogt, solide und ergreifend) und Sieglinde (Lise Davidsen, strahlend), einem Geschwisterpaar, das Hunding (Dmitry Belosselsmiy, düster und bedrohlich) gegenübersteht.

Hier zeigt sich die Explosion aus Rot, Liebe und nicht zuletzt Gewalt, die dem „Aktionsmaler“ so am Herzen liegt, wenn der Vorhang des ersten Aktes fällt – doch in dieser Konzertfassung fallen sich die beiden Liebenden kaum in die Arme. Nächstes Jahr, so muss man hoffen, werden wir den „Ring“ des österreichischen Regisseurs Valentin Schwarz sehen, der bereits für 2020 geplant war. Gelb, Orange für Wotan (Tomasz Konieczny, überzeugender Ersatz für Günther Groissböck) und Fricka (Christa Mayer, eine Frau mit Durchsetzungskraft), doch es wird die unaufhaltsame Invasion des Schwarzen sein, eine wahre Flut, wenn Wotan das von ihm herbeigesehnte Ende heraufbeschwört; Nitsch wird es in Weiß tauchen, um beim Tod Siegmunds eine weitere dramatische Ebene zu schaffen.

Für den Walkürenritt: Schwung, eine leichtere, lebhaftere, herzlichere Atmosphäre; der bildliche Höhepunkt wird hingegen in dem Moment erreicht, in dem Wotan seine Tochter Brünnhilde (Irene Theorin) die wegen Ungehorsams bestraft wurde, an den Felsen nagelt und Loge auffordert, sie mit einem Feuervorhang zu umgeben. Ganze Eimer roter Farbe werden gegen die senkrechten Leinwände geschüttet, Flammen erblühen darauf wie Blumensträuße.

Wie schon am Ende des zweiten Aktes greift Hermann Nitsch nun auf einen ergreifenden Moment seines „Orgien-Mysterien-Theaters“ zurück: die Kreuzigung – Tod im Ganzen, Verheißung der Wiedergeburt oder schlichtweg Lebensbejahung. Eine junge Frau liegt inmitten all dieser Farbe, hinter ihr, vor dem Hintergrund der lodernden Flammen, vor dem Feuer, wird eine Monstranz emporgereckt. Es folgt ein langer Moment der Stille, während der Vorhang fällt – eine Seltenheit im Festspielhaus, wo es der Musik stets schwerfällt, ihre Wirkung bis zum Ende entfalten zu lassen; erst danach mischen sich Buhrufe unter den Applaus.

P.S. Da es keinen vollständigen „Ring“ gab, sorgten neben dieser „Walküre“ weitere Initiativen dafür, dass dieses Meisterwerk auf dem Hügel präsent war: eine zeitgenössische, provokante Open-Air-Oper von Gordon Kampe im Park, in der Loge, der hinterhältigste aller Götter, von Erda vor Gericht gestellt wird; ein 3D-Erlebnis für Besucher, die anstelle von Siegfried den Drachen bekämpfen sollen, unter der Leitung von Jay Scheib, der für den „Parsifal“ im Jahr 2023 ausgewählt wurde; und schließlich eine Skulptur der japanischen Künstlerin Chiharu Shiota, die aus den Fäden der Nornen besteht.