„ Die Musik hat mich an Gott glauben lassen “, sagte Alfred de Musset. Das Bekenntnis des Dichters erweist sich im Falle der h-Moll-Messe BWV 232 als umso wahrer, denn mit diesem Werk gab Bach, zu einem Zeitpunkt, als seine körperlichen Kräfte bereits nachließen – wie das mit zitternder Hand geschriebene Originalmanuskript der Partitur zeigt –, ein letztes Mal sein unermessliches Genie unter Beweis stellte. Er, der lutherisch geprägte Protestant, widmete sich der katholischen Messe, die seit der Zeit von Dufay, Josquin des Prés und Palestrina als die anspruchsvollste Kompositionsform galt.
Wenn man die Messe des Leipziger Kantors auf das Pult legt – wie es Thomas Hengelbrock letzte Woche an der Spitze des Balthasar-Neumann-Ensembles, des Chors und der Solisten tat –, dann ist man sich bewusst, dass man sich an ein Werk wagt, das alle Superlative in sich vereint. „Das größte musikalische Meisterwerk, das die Welt je gesehen hat“, rief Goethes Musikrat vor dem Manuskript der gigantischsten aller Messen aus. „Das größte musikalische Werk aller Zeiten und aller Völker“, fügte der Schweizer Musikwissenschaftler H.-G. Nägeli 1817 hinzu. Sie lagen nicht falsch, denn diese Klangkathedrale mit ihrem überirdischen Fundament, die es verdient, zu den Schätzen des künstlerischen Erbes der Menschheit zu zählen, entfaltet ein immenses spirituelles Fresko, mit unendlichen melodischen Arabesken, granitartiger Chorgroßartigkeit und instrumentalen Raffinessen, die von demjenigen, der zweifellos der genialste Baumeister und Goldschmied der Musikgeschichte ist, fein ziseliert wurden.
Schon mit dem ersten Takt der einleitenden, monumentalen fünfstimmigen Fuge des Eingangsgesangs (Kyrie) wird der Ton angegeben. Ein Ton, geprägt von fast ätherischer Ernsthaftigkeit, von einer Dichte, die nicht schwerfällig wirkt, von einer Feierlichkeit, der jede Andacht fehlt – kurz gesagt, ein Ton von tiefer Menschlichkeit und übernatürlicher Spiritualität.
Zu den Höhepunkten – sofern es in diesem unvergänglichen Meisterwerk der zeitlosen Musik überhaupt „Momente“ geben kann, die nicht solche wären – ist das „Christe eleison“ zu nennen, ein Duett von außergewöhnlicher Schönheit, das die Stimmen der Sopranistinnen Agnes Kovacs und Bobbie Blommesteijn besonders zur Geltung bringt. Stimmen, die vor allem durch ihr Timbre, aber auch durch den Charakter ihres Gesangs bewegen, der zwar frei von Engelschönheit ist, aber dennoch ein Gebet sein will, das ein erhabenes mystisches Licht ausstrahlt. „Singen ist doppeltes Beten“, sagte Luther.
Anlässlich des „Gloria“, eines der Meisterwerke der Messe, ist die von Begeisterung geprägte Leitung des deutschen Dirigenten zu würdigen, dem es meisterhaft gelingt, Chor, Orchester und Solisten in Einklang zu bringen. Das Duett „Domine Deus“ für Sopran und Tenor (Jan Petryka) ist ein strahlendes Stück von äußerst geordneter Komposition. Die Arie „Qui sedes ad dexteram Patris“ bietet der Altistin (Anne Bierwirth) die Gelegenheit, die äußerst subtile Nuancenarbeit einer Stimme zu präsentieren, die zudem durch erstaunliche Reinheit besticht. Im „Quoniam tu solus sanctus“ überzeugt der Bass (Joachim Höchbauer) durch eine goldbraune Tiefe, gepaart mit glühender Wärme. Besondere Erwähnung verdient das prächtige „Cum Sancto Spiritu“, einer der emotionalen Höhepunkte dieser außergewöhnlichen Komposition.
Das Symbolum Nicenum oder Credo, das Herzstück der Messe, ist eines der eindrucksvollsten Zeugnisse von Bachs formaler Meisterschaft. Vor allem der Chor weckt hier Bewunderung, dank seiner mal inspirierten (Et incarnatus et Crucifixus), mal kraftvollen (Et resurrexit und Et expecto resurrectionem). Schließlich der eindrucksvolle Kontrast zwischen der zurückhaltenden Emotion des Sanctus und der jubelnden Ausgelassenheit des „Osanna in excelsis“ einerseits und der nicht minder fesselnde Kontrast zwischen der ganz inneren Freude des „Benedictus“ (gesungen vom Tenor) und der charakteristischen kontemplativen Gelassenheit der Altstimme im Schlusschor des „Agnus Dei“ (Dona nobis pacem), der die Messe abschließt, werden auf absolut fesselnde Weise wiedergegeben.
Unser Dank gilt allen Beteiligten, allen voran dem Dirigenten Thomas Hengelbrock, der durch einen Ansatz, der sich zugleich durch große künstlerische Aufrichtigkeit und hohe spirituelle Erhabenheit auszeichnet, hier eine Gesamtdarbietung von hoher Qualität geschaffen hat, die ebenso mitreißend wie begeisternd war und das Publikum nur begeistern konnte, wie die Standing Ovations des Publikums, untermalt von tosendem Applaus, bewiesen. Konzerte wie dieses sind Balsam für die Seele. Sie sind so selten, dass man sich nach mehr sehnt.