Soll man in Orange den „Citron“-Preis für die (fehlende) Inszenierung von „Samson und Dalila“, der Oper von Camille Saint-Saëns, vergeben, die bei den Chorégies von ihrem Intendanten Jean-Louis Grinda persönlich präsentiert wurde? Oder sollte man sich über die heutzutage eher ungewöhnliche Zurückhaltung des Regisseurs freuen, der – ganz logischerweise – nach der Vorstellung nicht auf die Bühne kam, um dem Publikum zu danken? Grinda muss sich daran erinnert haben, dass Saint-Saëns ursprünglich ein Oratorium zu diesem Thema komponieren wollte, das er dem Buch der Richter der Bibel entnommen hatte. So sind es die Chöre, die Sänger und die Musikerinnen, die eine Inszenierung retten, die zwischen einem Peplum und einer Inszenierung einer Wagner-Oper in Bayreuth schwankt – aus jener Zeit, als Saint-Saëns dorthin pilgerte. Vergessen wir nicht, dass der Begriff „Kitsch“ im Deutschland des ausgehenden 19. Jahrhunderts seinen Ursprung hat und dass er wunderbar zu dem Engel passt, der Samson schwerfällig bei seinem Aufstieg, seinem Fall und seiner Erlösung begleitet. So muss man mehr als einmal die Augen vor der visuellen Überladung der Kostüme verschließen, die Ninja-Schildkröten mit Weihnachtsbäumen kontrastieren.
Aber wir wollen den „Chorégies“ nichts vorwerfen, denn es gibt durchaus eine Art Arbeitsteilung zwischen Orange mit seinem rechtsextremen „Ratatouille“ und seinem Rivalen Aix mit seiner rechten „Calissons“-Fraktion. Mit Samson und Dalida erleben wir eine eher volkstümliche als populistische Aufführung, die die prächtige Kulisse mit ihrer römischen Mauer wunderbar zur Geltung bringt, die durch die Magie der Lichter zum Star des Abends wird : Man könnte meinen, man befände sich in den Ruinen von Petra, bevor das Ganze virtuell in einer dionysischen Apokalypse zusammenbricht. Grinda scheint die Hassliebe, die Nietzsche Wagner entgegenbrachte, sehr wohl verstanden zu haben, indem er während der gesamten Aufführung die apollinische Besinnlichkeit den dionysischen Bacchanalien gegenüberstellt.
Der andere Star des Abends ist die „Philhar“, wie die Franzosen „ihr“ Philharmonisches Orchester von Radio France liebevoll nennen, das von Yves Abel meisterhaft dirigiert wird. Präziser Rhythmus, chromatisches Funkeln, die Präzision der Streicher, die der Leidenschaft der Bläser in nichts nachsteht – das Pariser Ensemble präsentiert eine Partitur, in der der Orientismus niemals ins Anekdotische abgleitet. Roberto Alagna als Samson begeistert einmal mehr mit seiner präzisen Diktion, die jedes Wort verständlich macht. Doch diese ganz und gar französische Strenge steht in keinem Widerspruch zur Großzügigkeit einer Stimme, die ihre „italianità“ bis in die hintersten Reihen der Arena strahlen lässt. Ein (ganz) kleiner Wermutstropfen vielleicht bei Marie-Nicole Lemieux, die eine etwas neutrale Dalila verkörpert und es versäumt, die Ambivalenz der Figur zwischen Hass und Liebe, Treue und Verrat zum Schwingen zu bringen. Die Chöre der Opern von Monte Carlo und Grand Avignon haben ihre Kräfte gebündelt, um die Solisten und das Orchester mehr als solide zu unterstützen.
„Eine Pandemie lässt sich nicht einfach wie einen einzelnen Misston aus einer Partitur streichen“, schreibt Jacques Bompard, ehemaliges Mitglied des Front National und Bürgermeister von Orange, in seiner Einleitung zum Programm und begrüßt „die Rückkehr der Chorégies (die) eine lang erwartete, ersehnte Befreiung ist.“ Angesichts der aktuellen politischen und gesundheitlichen Lage hallt die Botschaft der Oper, die von der Befreiung der Juden durch Samson aus dem Joch der Philister erzählt, noch lange in der provenzalischen Nacht nach.