Wenn die Geige den Titel des Königs und das Klavier den des Kaisers für sich beanspruchen kann, so gilt die Orgel als der Papst unter den Instrumenten. Berühmt und doch wenig bekannt, haftet ihr ein, gelinde gesagt, ambivalentes Image an, das zwischen Religiosität und Horrorfilm schwankt. Ein „gotisches“ Objekt im wahrsten Sinne des Wortes. Allerdings wurden Modelle aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. gefunden, und das erste im Westen bekannte Exemplar war dasjenige, das Pippin dem Jüngeren im Jahr 757 geschenkt wurde.
Die Orgel ist eine Welt für sich, sehr beeindruckend mit ihren Pfeifen unterschiedlicher Größe und Form (6.768 an der Schuke-Orgel der Philharmonie), ihren Manualen (von einem bis vier), ihrem Pedal und ihren Registerzügen. Kein Instrument ist komplexer, und keines umgibt ein größeres, faszinierendes Geheimnis. Der Klang, den sie erzeugt – mal donnernd, mal hauchzart – und ihre außergewöhnliche Vielfalt an Klangfarben mit oft exotischen Namen tragen zu dieser Faszination bei.
Am 15. Mai saß der amerikanische Organist, Komponist, Improvisator und Showman Cameron Carpenter am Spielpult der Hauptorgel der Philharmonie, einem mehrere Tonnen schweren Ungetüm, das an einer Seitenwand des großen Auditoriums aufgehängt ist und sozusagen sozusagen mehrere Meter über dem Boden. Auf dem Programm standen durch und durch traditionelle Werke, die einen angenehmen Kontrast zu der Art von „Lasagne“ bildeten, die derzeit in zukunftsorientierten Kreisen en vogue ist und Zeitgenössisches mit Altem verbindet.
Über Carpenter sagt man gerne, dass er nichts so macht wie die anderen. Und über seinen Auftritt lässt sich alles Mögliche schreiben. Seine erste Meisterleistung bestand darin, sein gesamtes Konzert dem größten Orgelkomponisten aller Zeiten zu widmen, dem „Mann, der Gott duzte“ (dem der Organist übrigens 2016 ein Album mit dem vielsagenden Titel „All you need is Bach“ gewidmet hat), und das, wohlgemerkt, auf höchstem Niveau. Den Auftakt bildete eine großartige und atemberaubende Fantasie und Fuge BWV 542 – die perfekte Gelegenheit, gleich zu Beginn die Kraft und Pracht des Vollklangs der Schuke zu bewundern, den exzentrischste aller Organisten (er scheut sich zum Beispiel nicht, in eng anliegenden Outfits, mit Pailletten und in mit Strass besetzten Schuhen aufzutreten!) den Abend eröffnet. Und mit den monumentalen Goldberg-Variationen BWV 988 lässt er den Abend ausklingen.
Jedes Stück wird mit großzügiger Zärtlichkeit interpretiert ; eine erstaunlich reichhaltige Klangpalette (insbesondere in den BWV 870 und 880 aus dem dritten Band des „Wohltemperierten Klaviers“) ; edler Ausdruck in der Fantasia über „Komm, Heiliger Geist“ BWV 651; spirituelle Erhebung in dem bewegendsten Choral des „Orgelbüchleins“, dem „O Mensch, bewein’ dein’ Sünde groß“ BWV 622, der durch einen großartigen Barockgesang an die Qual Christi am Kreuz und den Schmerz des Christen erinnert, dessen Sünden die Ursache dieses Opfers sind ; Unbescholtenheit, die über jeden Verdacht erhaben ist, im Präludium und der Fuge BWV 552 ; und schließlich transzendente Technik und Musikalität in der mythischen Goldberg-Partitur, einem „Summe“, das ursprünglich geschrieben wurde, um die Schlaflosigkeit für jemanden erträglich zu machen, der sein ganzes Leben lang darunter litt. Ein rätselhaftes Werk, das oft als Musik eines Metronoms mit Perücke verzerrt wird, dessen mathematische Abstraktion jedoch, unter den Fingern des Zauberkünstlers von jenseits des Atlantiks das Paradoxe an sich hat, dass sie die authentischsten Emotionen fördert, anstatt sie zu zügeln, und dessen Metamorphosen „à la Carpenter“ geradezu jede Art von Überschwang zulassen. Das Ganze wird durch die fantastische Akustik des großen Philharmonie-Auditoriums noch verstärkt, die die Präsenz und die emotionale Wirkung dieser erhabenen und zugleich theologisch wie theoretisch hochspekulativen Werke verzehnfacht, in denen sich in einer erstaunlich ausgefeilten Form das gesamte Können des größten Genies der Musikgeschichte konzentriert ist.
Was für ein fulminantes Tempo! Was für ein Leuchten in den melodischen Schnörkeln, die wie Buntglasfenster funkeln! Was für eine unbändige Energie in den kontrapunktischen Verflechtungen! Es singt ohne Umschweife, es atmet, es reißt einen mit. Kurz gesagt: Was für eine Freude! Und auch wenn das Spiel nicht immer makellos ist und seine Grenzen hat, auch wenn Carpenter kaum den Anspruch erhebt, dem Gründungswerk der Goldberg-Variationen einen Hauch von Ewigkeit zu verleihen, so hat der Amerikaner doch eine Art, das Instrument in Besitz zu nehmen und jedem noch so kleinen musikalischen Element Leben einzuhauchen, die sehr fesselnd und spannend bleibt. Als krönenden Abschluss dieser vorbildlichen und wohltuenden Hommage an Bach spielte Cameron Carpenter noch zwei Bravourstücke aus dem Fundus und rundete so mit einem ebenso grandiosen wie originellen Schlussakkord einen Abend ab, dessen roter Faden großes musikalisches Glück war.