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Musik 4 Min. Lesezeit

Die Menschen des Regens

Festival

Erschienen in Ausgabe Juli 2023
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Während einer kurzen Wetterbesserung zeigen sich ein paar lächelnde Gesichter unter den Regengästen, die trotz des launischen Wetters dem Aufruf der Blues’n’Jazz Rallye gefolgt sind. Zu Beginn des Abends empfängt der Parkplatz an der Place Auguste Engel, mitten im Herzen des Grund, das Straßburger Trio Emile Londonien. Nils Boyny am Keyboard, Matthieu Drago am Schlagzeug und Théo Tritsch am Bass strahlen vor Begeisterung. Ihre hybride Musik, die ebenso londonerisch wie fest in der aktuellen jungen französischen Szene verwurzelt ist, kommt gut an. Sie bedanken sich beim anwesenden Publikum und heben die Vielzahl der an diesem Abend geplanten Konzerte hervor, die wie jedes Jahr ziemlich beeindruckend ist. Etwa sechzig, grob geschätzt, verteilt auf acht Hauptbühnen, die Partnerbars und -restaurants sowie weitere eher inoffizielle und eigenwillige Initiativen. Das Set endet mit einer großartigen Coverversion von „Strength“ von Roy Hargrove & The RH Factor unter einem erneuten Regenschauer. Das Lächeln verschwindet dennoch nicht. Es ist also eher die Musik in der Luft, die die Leute dem Regen trotzen lässt. DJ PC übernimmt anschließend mit einem Old-School-Rap-Set, das immer wieder gut anzuhören ist. Er trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Sampling is not a crime“ – davon nehmen wir zur Kenntnis.

Das Viertel ist überfüllt. Sicherheitskräfte regeln den Verkehr. Die Leute drängen sich in der „neuen“ Liquid Bar, die ihren ursprünglichen Charme bewahrt hat. Passanten schlendern wie in einem Museum um sie herum. Das eintägige Festival, das zwar breit gefächert ist, aber dennoch nicht ganz auf sein jazz- und bluesorientiertes Kernprogramm verzichtet, mangelt es nicht an Ambitionen. Das Programm ist eher ungewöhnlich, wie die Anwesenheit des amerikanischen Bassisten MonoNeon im Innenhof des Neimënster beweist. Eine schillernde Persönlichkeit, erkennbar an seinen strukturierten, bunten Kopfbedeckungen und vor allem an seinem Groove. Von der Menge und der Bewegung mitgerissen, verweilen wir nicht allzu lange, zumal es uns letztlich schwerfällt, eine musikalische Emotion zu spüren, die der beobachteten visuellen Exzentrik entspricht. Auf dem Weg nach Clausen schallen melodische Klänge von allen Seiten herüber. Man hört zum Beispiel einen etwas ausgelassenen Trubel, der hinter dem Bildungsministerium heraufsteigt. Sicherlich eine Schulblaskapelle? Mea culpa, es handelt sich tatsächlich um die Big Band Opus 78.

Im „Melusina“, das bei den Konzerten seine frühere Ausstrahlung wiedererlangt, steht ein Teil der Crème de la Crème der lokalen Szene auf dem Programm. Auf der Bühne vereint sich Greg Lamy mit Marc Demuth und Jeff Herr zu einem herzerwärmenden Konzert. Bei einem bisher unveröffentlichten Stück sieht man den Gitarristen vorgebeugt, den Blick auf seine Noten gerichtet. Das temporäre Trio improvisiert ein wenig. Es folgen einige mitreißende Stücke, darunter eine sehr gelungene Coverversion von „I Know“ mit ihrer unwiderstehlichen Basslinie. Im Vergleich zu den Vorjahren scheinen zwei oder drei Bühnen auf dem Weg zum Parc Mansfeld verschwunden zu sein, der sich in ein recht umfassendes Festival-Dorf verwandelt hat. Um sich vor dem Regen zu schützen, zieht man von einer Bar zur nächsten. Dort hört man Blues und noch mehr Blues. In der „Big Beer Company“ passt die bayerische Atmosphäre gut zum puristischen Spiel der Nightcallers.

Nun steht das große Dilemma des Abends bevor. Zur gleichen Zeit treten zwei talentierte Formationen auf, die den Großteil des Programms ehrlich gesagt in den Schatten stellen. Auf der einen Seite „The Comet is Coming“, angeführt von Shabaka Hutchings, einem großartigen britischen Saxophonisten, und auf der anderen Seite die ebenso seltene wie vielseitige Formation des japanischen Trompeters und Arrangeurs Takuya Kuroda. Gnadenlos muss man sich daran erinnern, dass die Ersteren 2017 in Dudelange beim „Like a Jazz Machine“ enttäuschend waren. Da der Mensch nicht mit der Gabe der Allgegenwart ausgestattet ist, ist die Entscheidung gefallen. Zunächst denkt man, dass man eine schlechte Wahl getroffen hat. Takuya Kuroda beginnt seinen Auftritt mit mehr als zwanzig Minuten Verspätung, legt aber dennoch einen fulminanten Start hin. Parker McAllister spielt Bass, David Frazier Schlagzeug, Craig Hill Saxophon und Lawrence Fields Keyboard. Das dichte Publikum, das zusehends wächst, wird von Kurodas Spiel mitgerissen, das von Anfang bis Ende verblüfft. Der Trompeter spielt treffsicher, das heißt genau so, wie es sein soll. Mit Eifer, ein wenig elegantem Show-Off, aber ohne jede Prahlerei. Die Band, die gerade auf Europatournee ist, scheint nicht für das Publikum zu spielen, sondern für eine Gottheit, die für unsere Augen unsichtbar ist. Das Konzert ist gut eingespielt und voller Überraschungen. Hochkarätige Kunststücke, aber mit beiden Beinen fest auf dem Boden – eine Ausgabe, die den vorherigen in nichts nachsteht und an der wir uns voll und ganz erfreuen.