„ Besser, das zu hören, als taub zu sein “ gehört zu jenen sprichwörtlichen Redewendungen, an deren Weisheit man zweifeln kann. Seit Monaten sprechen Experten auf Fernsehbildschirmen fast überall in Europa von der absoluten Andersartigkeit des „Homo russicus“, dem man eine blinde Unterwerfung unter das diktatorische Regime von Wladimir Putin vorwirft. Eine Expertin des Instituts für Sicherheitsstudien der Europäischen Union ging sogar so weit, in einer sehr beliebten Talkshow eines deutschen öffentlich-rechtlichen Senders zu erklären, dass die „Russen“, auch wenn sie wie Europäer aussähen, keine seien. Zumindest aus kultureller Sicht, da sie angeblich ein anderes Verhältnis zu Gewalt und Tod hätten als „wir“. Diese Art von Essentialismus ist ziemlich beunruhigend. Wie uns die jüngste Geschichte des Kontinents vor Augen führt, tragen ausgrenzende Diskurse und das Errichten von Mauern zwischen „uns“ und „ihnen“ kaum zur Lösung von Konflikten bei.
In diesem ganz besonderen Kontext kommt man nicht umhin zu denken, dass Taubheit manchmal den Variationen zum Thema des unmenschlichen Russen vorzuziehen wäre. Da wir aber nun einmal nicht taub sind, ist vielleicht der richtige Moment gekommen, um ein paar alte Langspielplatten sowjetischer Rock- und Elektronikbands aus den 80er Jahren wieder hervorzuholen – einer Zeit, in der sie die neuen Freiheiten der Perestroika nutzten, um die Missstände ihrer Gesellschaft anzuprangern. Tatsächlich stellt man beim erneuten Anhören fest, dass sie auch von unserer heutigen Gesellschaft sprechen, dass diese Künstler, so sowjetisch und manchmal auch russisch sie auch waren, gar nicht so anders sind als wir.
Beginnen wir also mit einem Lied, das eine Plage anprangert, die wir nur allzu gut kennen: die Bürokratie. Wer sich noch nie von einem übereifrigen Bürokraten als Geisel genommen gefühlt hat, der werfe den ersten Stein. Die Band hieß Biokonstruktor, und der Song „Biorokrat“. Die 1986 gegründete Band wurde schnell zu einer der Speerspitzen der elektronischen Musik in der UdSSR. Ihr Album „Tantsi Pa Video“ (Videotanz), ursprünglich ein großartiges Beispiel für „Magnitisdat“ – also eine auf einem Tonbandgerät aufgenommene und unter der Hand verbreitete Aufnahme –, ist auf jeden Fall einen Blick wert. Das Album übte Kritik am sowjetischen System und thematisierte zugleich Fragen, die uns auch heute noch betreffen, wie zum Beispiel das Verhältnis zur Technologie, die Technisierung und die Entmenschlichung. Der Song „Biorokrat“ wiederum offenbarte die fortschreitende Entfremdung des Bürokraten, der zwar allmächtig, aber von allen verhasst war: „Fast immer unsichtbar / nie allein / aber immer unbeliebt.“
Natürlich beschränkte sich die sowjetische Underground-Musik nicht auf den russischsprachigen Raum. Ihr pulsierendes Herz schlug in den baltischen Republiken, wo Punk und New Wave in den 80er Jahren eine Blütezeit erlebten. Eine litauische Band fiel besonders dadurch auf, dass sie den offiziellen Diskurs immer wieder in Frage stellte. Ihr Name war Programm: Antis. „Antis“ bedeutet auf Litauisch „Ente“, ist aber auch ein Slangausdruck für einen falschen Zeitungsartikel. Antis nahmen sich selbst weniger ernst als die Künstler von Biokonstruktor, prangerten aber ebenfalls die Entfremdung und Ohnmacht in einer totalitären Welt an, in der die Gefahr eines Atomkonflikts sehr real war. Tatsächlich sangen auch sie Hymnen für das 21. Jahrhundert. Ihr Lied „Zombiai“ (Zombies), ein Cover von „Down Under“ der australischen Band Men at Work, klingt heute wie der Schwanengesang derer, die sich weigern, sich dem Diktat des Einheitsdenkens zu unterwerfen, jenem Denken, das „&„zombifiziert““: „Eine unerwartete Bedrohung ist gerade aufgetaucht / Die Zombies stehen kurz vor der Ankunft / Voller Angst in der Nacht kann ich nicht schlafen / Die Zombies drohen anzugreifen“. Als kleine Anekdote sei erwähnt, dass einige Fans glaubten, der Name der Band sei ein Akronym: Anti-S wie antisowjetisch. Dieses Missverständnis hinderte die Band jedoch keineswegs daran, im Dezember 1987 als einer der Headliner der historischen Rockkonzertreihe im Luschniki-Stadion in Moskau aufzutreten.
Von Litauen wenden wir uns nun dem damals noch als Leningrad (Sankt Petersburg) bekannten Ort zu, um gemeinsam mit der Band Télévisor den vorherrschenden Faschismus anzuprangern. Diese 1984 gegründete, schwer einzuordnende Band, die stark vom Industrial Rock und der New Wave beeinflusst war, schrieb die antifaschistische Hymne schlechthin: „Tvoï papa fasciste“, „Dein Vater ist ein Faschist“. Auch wenn diese Hymne heute ein Muss bei jeder Demonstration gegen das Putin-Regime ist, das Télévisor seit jeher anprangert, war sie ursprünglich auch als Kritik am Paternalismus gedacht, insbesondere an der gewalttätigen und dem Regime unterwürfigen Vaterfigur, egal um welches Regime es sich handelt. Die Kritik an der Autorität des Vaters – das ist ein Thema, mit dem sich Jugendliche auf der ganzen Welt identifizieren können. Was die Anprangerung des Tyrannen, des Vaters der Nation, angeht, so könnte sie vom Franco-Spanien bis zur Türkei unter Erdoğan im Chor gesungen werden: „ Vielleicht ist er einfach nur grausam/ Vielleicht kennt er Schopenhauer nicht/ Aber Wille und Macht sind alles, was er hat/ Und ich werde ihm nicht folgen!“
Doch kein Artikel über den sowjetischen Rock kann die legendäre Band Kino, die 1984 in Leningrad gegründet wurde, wirklich außer Acht lassen. Weniger politisiert als die zuvor genannten Bands, sang Sänger Viktor Tsoi dennoch von der Sehnsucht nach Freiheit. Ihre zahlreichen Alben, die oft unter dem Eindruck eines intensiven Flirts mit der Illegalität entstanden, begeistern nach wie vor Liebhaber des alternativen Rocks. Zum Abschluss hören wir uns also „Kamtschatka“ an – weniger eine Anspielung auf die ferne Halbinsel am östlichsten Zipfel Russlands als vielmehr auf den Heizraum, in dem Tsoi arbeitete, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, da er als offizieller Musiker nicht fest angestellt war. „Kamtschatka“, ein Titel aus dem Album „Natchalnik Kamtschatka“ (Der Chef von Kamtschatka, 1984), ist somit eine Ballade für alle, die ihren Traum trotz allem leben wollen: „ Was für ein seltsamer Ort, dieses Kamtschatka/ Was für ein süßes Wort, Kamtschatka/ Dort habe ich Erz gefunden, dort habe ich die Liebe gefunden. “ .
Dein faschistischer Vater