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Musik 4 Min. Lesezeit

Das Innere offenbaren

Tzeedee

Erschienen in Ausgabe Dezember 2022
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Im Mai 2021 veröffentlichte der luxemburgische Gitarrist Gilles Grethen das Debütalbum seines Quartetts Time Suite. Man erinnert sich an ein vielversprechendes Projekt mit atmosphärischen Balladen, bei denen die Improvisation im Vordergrund stand. Das Feedback der Fachpresse war positiv, und das Publikum nahm das Projekt nach Aussage des Gitarristen gut an, obwohl es aufgrund der damaligen Gesundheitslage nur wenige Gelegenheiten gab, das Programm des Albums live zu spielen. Heute kehrt das Gilles-Grethen-Quartett voller Tatendrang mit „State of Mind“ (Double Moon Records / Challenge Records International) voller Elan zurück – ein Album mit zehn Titeln, auf denen Vincent Pinn an der Trompete und am Flügelhorn, Gabriele Basilico am Kontrabass, Michel Meis am Schlagzeug und Gilles Grethen an der Gitarre mit einem Orchester aus elf Streichermusikerinnen und -musikern zusammenarbeiten. Das Ganze steht unter der Leitung des Dirigenten Benjamin Schäfer. Während „Time Suite“ das Thema des Kosmos – also eine gewisse Vorstellung von Unendlichkeit – behandelte, widmet sich „State of Mind“ dem Geist, einem ebenso weitreichenden Thema.

Das recht elegante Cover der Platte wurde vom Illustrator und Grafiker Mik Mulhen alias Omniscient Being gestaltet. Darauf ist eine menschliche Gestalt im Profil zu sehen, die sich aufzulösen scheint, so reichhaltig wirkt ihre Gedankenwelt. „State of Mind“ wurde im vergangenen April in den Daft Studios in Malmédy in Belgien aufgenommen und entstand aus dem Wunsch heraus, für ein Streichensemble zu komponieren. Gilles Grethen erklärt, dass er sich intensiv mit Partituren von Johannes Brahms, Gustav Mahler und Alfred Schnittke beschäftigt habe, um sich dieser Aufgabe anzunähern. Ein Rückblick auf die zehn Kompositionen einer ausgesprochen ambitionierten Platte.

Die Einleitung „Change“ beginnt mit einer sich wiederholenden Folge von vier Akkorden. Nach und nach kommen weitere Instrumente hinzu, die Streicher verleihen dem Ganzen Weite und die Blechbläser eine gewisse Feierlichkeit. Eine dezente Basslinie steht im Dialog mit präzisen Percussion-Klängen. Die Gitarre setzt ein, und man hält den Atem an – fast so, als würde eine Szene verblassen und ein feiner Lichtstrahl Gilles Grethen in ihrer Mitte beleuchten. Im Laufe des Stücks erkennt man seinen warmen, aber keineswegs protzigen Stil. Der folgende Titel „Transcendence“ ist ein reiner Acid-Jazz-Titel (er weist zumindest alle Merkmale dieses Genres auf), in dem die Verbindung zwischen Trompete und Orchester am besten zur Geltung kommt. Diese Streicher sorgen in dem kurzen Stück „Intro to State of Mind“ für eine besondere Spannung. Ein Zwischenspiel, das wie ein Wasserkessel wirkt, der kurz vor der Explosion steht.

Der gleichnamige Titel „State of Mind“, ein Balanceakt, bietet ein verwirrendes Hörerlebnis, da sowohl die Musiker als auch die Zuhörer Schwierigkeiten haben, sich zu orientieren. Zwischen Schärfe und offensichtlicher Wärme strahlt der Titel Zweifel aus und schwankt zwischen Momenten der Brillanz und Momenten des Schwebens. Man denkt an Soundtracks zu „Delirium“ und dessen Film-Noir-Charakter voller Spannung. Der deutlich wahrnehmbare filmische Aspekt des Projekts war jedoch von Gilles Grethen nicht beabsichtigt.

Letzterer erklärt, dass seine Kompositionsmethode darin besteht, sich eine innere Welt zu erschaffen und auf der Grundlage von mentalen Bildern zu komponieren. Kurz gesagt: Er komponiert den Soundtrack zu imaginären Filmen, die sein Leben und all die damit verbundenen Emotionen ausmachen. Ein metaphysischer Ansatz in der Musik, zu dem der Komponist klar steht und mit dem er seine Gemütszustände zum Ausdruck bringt, insbesondere in den Stücken „Delirium“ und „Until the Moon Went Down“, die diese „Momente der Verwirrung widerspiegeln, in denen man sich verloren und sehr klein im Universum fühlt“. Kurz gesagt, das Projekt hat zum Ziel, die innere Welt eines jeden Menschen offenzulegen. Es folgen „Intro to Forgetful“, „Forgetful“ und „Outside“, Variationen über Erinnerung und Nostalgie, die zwar beständig sind, aber als Schwachstelle des Albums gelten. Dann folgt das Outro „Contemplation“, in dem die Freude am Musizieren deutlich zu spüren ist. „State of Mind“ ist keineswegs ein Fehlschlag, sondern stellt eine neue Etappe für die vier Jazzmusiker dar. Ein Album, auf dessen Live-Aufführung man gespannt ist, da sich seine Vielschichtigkeit dafür geradezu anbietet.

Die Veröffentlichung des Albums „State of Mind“ findet diesen Samstag, den 3. Dezember, um 20 Uhr im ArcA Bertrange (17 rue Atert) statt. Weitere Informationen unter gillesgrethen.com