Die Philharmonie pflegt seit ihren Anfängen eine enge Zusammenarbeit mit den besten Orchestern der Welt. Am 20. September war das London Symphony Orchestra unter der Leitung des britischen Gentleman Sir Simon Rattle an der Reihe, den großen Konzertsaal zu erobern – und zwar mit nichts Geringerem als Mahlers außergewöhnlicher Sinfonie Nr. 2. Die Begegnung zwischen einem großen Dirigenten und einem großen Orchester, das auf eine lange Tradition zurückblicken kann, musste einfach Funken sprühen. Und tatsächlich verwandelten sich diese Funken in ein wahres Feuerwerk.
Man muss feststellen, dass Rattle heute mit einer inspirierten „Auferstehung“ zurückkehrt, die die neue Dimension als Mahler-Interpret bestätigt, die er seit seinem Ausscheiden aus dem Amt beim Berliner Philharmonischen Orchester erreicht hat. Die Zeit und das Alter scheinen jene scharfen Kanten und jene fieberhafte Dringlichkeit gemildert zu haben, die seine früheren Interpretationen prägten. Nicht, dass er ruhiger geworden wäre oder seine Aussage an Schärfe verloren hätte. Seine Interpretation ist nach wie vor von einem ausgeprägten tragischen Sinn geprägt, doch er ist weniger kategorisch, hinterfragt mehr, als dass er etwas aufzwingt, und lässt eine allgegenwärtige Unruhe erkennen, selbst in den elegischen Passagen, ohne dabei darauf zu verzichten, mit der Weite und dem epischen Atem eines titanischen Orchesters zu spielen.
Zu einer Zeit, als Bruckner klangvolle Kathedralen zum Ruhm des Allmächtigen errichtete, fasste Mahler die gesamte österreichisch-deutsche Musik in einem Bündel zusammen, das nicht mit einer hübschen Schleife, sondern, wie Leonard Bernstein sagte, „mit einem schrecklichen Knoten aus seinen Nerven und Sehnen“ zusammengebunden war. Die halluzinogene Sinfonie Nr. 2 ist ein ergreifendes Beispiel für diesen Knoten. Geniale Kakophonie, Zusammenprall der Gegensätze, Auflösung von Spannungen in einer Dialektik, in der sich Pathos mit dem Grotesken, das Naive mit dem Seraphischen, das Erhabene mit dem Trivialen verbindet – sie ist wie das Paradebeispiel für das Verständnis, das der letzte der romantischen Komponisten von seiner Kunst hatte. Die Auferstehung oder die Reise ins Innere Mahlers.
Schon im einleitenden Trauermarsch, dessen pathetische Tonlage an den Stolz Beethovens erinnert, offenbart der souveräne Taktstock des Maestros eine hochmütige Kraft und Erhabenheit, die einer klassischen Tragödie würdig sind. Ständig schwankend zwischen Zurückhaltung und Wut, in dieser Partitur voller Kontraste, lädt er mal zu einem traumhaften Spektakel ein, wie in dem heiteren Wiener Ländler, dem „Andante moderato“, mal, wie im „Allegro maestoso“, zu einem Strudel, in dem er einen feurigen und stürmischen Taktstock schwingt.
Die atemberaubende Energieentfaltung in den apokalyptischen Crescendi und Fortissimi, die äußerste Raffinesse der Umsetzung, die Aufmerksamkeit für jede noch so kleine Nuance, die Großzügigkeit der Phrasierung: kurz gesagt, alles daran ist bewundernswert, alles fasziniert in der „Rattle’schen“ Interpretation dieser außergewöhnlichen Sinfonie.
Ein großartiges Orchester, in der Tat! Und eine großartige Musikalität, dank derer das Armageddon-Epos zu einer grandiosen Zeremonie wird, die die Wiedergeburt zum Leben verspricht! Der feurige Atem eines visionären Dirigenten wie Rattle, der ebenso begeistert wie mitreißend ist, durchströmt diese Aufführung in jedem Augenblick, und so überrascht es nicht, dass der Wundertäter von jenseits des Ärmelkanals es schafft… dazu, im chthonischen Finale die Toten zu erwecken.
Was schließlich den Gesang betrifft, so ist man unweigerlich beeindruckt sowohl von der herausragenden Qualität des LSO-Chors – der beim Pianissimo-Einsatz „Ressusciter! Ja, du wirst auferstehen… “ ebenso außergewöhnliche Finesse an den Tag legt wie unerschütterliche Ausdauer und Durchhaltevermögen im kolossalen Schlussakkord, sowie von der herausragenden Leistung der beiden weiblichen Hauptdarstellerinnen, der Sopranistin Siobhan Stagg und der Mezzosopranistin Dame Sarah Connolly.
Und was soll man zum „Urlicht“ sagen, dem emotionalen Höhepunkt der Symphonie, dem letzten Bekenntnis des Geschöpfes in Form eines nächtlichen Liedes, feierlich und doch schlicht ? Ein Gesang, der bewegender nicht sein könnte, fast „ zu schön, um wahr zu sein “, der die unbeschreibliche Theurgie des Jüngsten Gerichts vorwegnimmt, mit dem Aufstieg der Seele zum Himmel bis hin zur jubelnden Apotheose des unvergesslichen Schlussakkords in D (wie „Auferstehung“)?