Nach „Lost In Translation“ (2019) und „Kaboom“ (2021), die beide beim deutschen Jazzlabel Double Moon Records erschienen sind, hat das Michel Meis 4tet kürzlich sein drittes Album „Lollipop Moment“ in Eigenregie veröffentlicht. Auf dem tiefrosa Cover der Platte ist eine Fotografie von Holger Kiefer zu sehen, die Blasen in einer Flüssigkeit zeigt, die zu kochen scheint. Man kann sich also vorstellen, dass die 10 Titel des Projekts fast vierzig Minuten lang kurz vor dem Ausbruch stehen. Zur Erinnerung: Die ersten beiden Alben der Formation waren kleine Perlen, die zwar in mancher Hinsicht noch nicht ganz ausgereift, aber dennoch von guter Qualität waren. Der Schlagzeuger Michel Meis, der gerade dabei ist, seinen Status als Newcomer der einheimischen Jazzszene zu dem eines Headliners zu wechseln, tut sich daher erneut mit der Posaunistin Alisa Klein, dem Keyboarder Cédric Hanriot und dem Kontrabassisten Stephan Goldbach zusammen.
Das in Rekordzeit im Holtz Sound Studio aufgenommene und größtenteils improvisierte Werk beginnt mit „Blue Hour“, einem kurzen, nebulösen Stück, das an einen auf Hochtouren laufenden William Basinski erinnert. Prickelnde Ambient-Musik, doch die damit verbundene Feierlichkeit wird sofort von „Puff Puff Puff“ und seinem verrückten Rhythmus zerschmettert. Das einzelne Blechblasinstrument klingt wie eine ganze Zigeunerblaskapelle, und der Einsatz des Synthesizers – eine große Neuheit auf dieser Platte – passt besonders gut zur Musik der Band. „Bye Bye Balloon“ kehrt zu einem traditionelleren Sound zurück. Trockener Jazz, der abschreckend wirken kann und nie wirklich abhebt. „Silberfell“ markiert die Rückkehr der Effekte in Bestform. Der Titel wird durch den folgenden Track „Heyday“ ausgeglichen, der einfühlsam ist und den man sich als introspektiv vorstellt. Es folgt „Embrace“, ein unglaublich schwebendes Interlude, bei dem sich Michel Meis zurückhält. Bei „Track the Crack“ kehrt er wieder ins Geschehen zurück, wobei man das Chaos und die Harmonie der Improvisation hören kann. Geteilte Gefühle bei den folgenden Kompositionen bzw. Improvisationssessions – „The Madness“, „Joker“ und „Euphoria“ –, die sich gegenseitig durchdringen und aufeinander eingehen.
Der Titel des Projekts bezieht sich auf einen Begriff aus dem Bereich der Persönlichkeitsentwicklung, der vom nordamerikanischen Redner Drew Dudley geprägt wurde. Ein „Lollipop-Moment“ entsteht, wenn eine Person das Leben einer anderen positiv beeinflusst. Ein ziemlich abgedroschenes Konzept, auf das man sich aber einlassen kann. Und schließlich ist es besser, einen Redner oder Influencer zu zitieren und gute Musik zu machen, als sich auf einen großen Autor zu stützen und noch ein weiteres nutzloses Werk zu produzieren.
Vierzig Minuten lang führt der Bandleader seine Truppe mit strenger Hand, lässt dabei jedoch keinerlei Bestreben erkennen, sich selbst in den Vordergrund zu stellen. Michel Meis ist kein Schlagzeuger, der nur auf Show und Klang aus ist; er legt vielmehr Wert darauf, den Zusammenhalt der Band zu stärken, und hebt sich seine spektakulären Einlagen für die Konzerte auf. Genau genommen präsentierte das Quartett „Lollipop Moment“ am Donnerstag, dem 25. Mai, auf der Bühne des Gudde Wëllen vor einem Publikum aus mehreren Generationen. Die Musik klang auf der Bühne genauso wie auf der Platte, die bereits gut eingespielt zu sein scheint.
„Lollipop Moment“ ist auf allen Streaming-Plattformen verfügbar. Weitere Informationen unter michelmeis.com