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Musik 3 Min. Lesezeit

Brahms ohne Bart

klassische Musik

Erschienen in Ausgabe Mai 2023
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Glückliche Musikliebhaber, die regelmäßig die Philharmonie besuchen und dank ihres erstklassigen Programms nicht anderswo hingehen müssen, um Fünf-Sterne-Konzerte zu genießen. So war am 10. Mai das große Auditorium Schauplatz eines Konzerts des Concertgebouw-Orchesters aus Amsterdam unter der Leitung von Sir John Eliot Gardiner, um Brahms’ Sinfonien Nr. 1 und 3 zu feiern – zwei sinfonische Meisterwerke der Superlative, die zweifellos zu den größten Meisterwerken dieses Genres zählen.

„Mögen Sie Brahms?“ lautete der Titel des berühmten Romans von Françoise Sagan aus dem Jahr 1959. Heute stellt sich diese Frage gar nicht mehr, so sehr sind die Werke des nordischen Barden mittlerweile zu einem Muss geworden. Als Glanzstücke des Mainstream-Repertoires geben die vier Sinfonien von Brahms seit jeher – je nach Dirigent und Orchester – Anlass zu einer Vielzahl von Interpretationen. Denn der unerschöpfliche Reichtum dieser facettenreichen Werke fordert Künstler mit unterschiedlichen Horizonten und Werdegängen immer wieder heraus, inspiriert und regt sie an. Sie entstanden in einem Zeitraum von kaum zehn Jahren (zwischen 1876 und 1885) und widerlegen damit Debussys scherzhafte Bemerkung, wonach nach Beethovens Neunter der Beweis für die Nutzlosigkeit der Sinfonie erbracht sei! Keineswegs! Zu Recht als „Zehnte des Titanen aus Bonn“ bezeichnet, nimmt die nach der Pause aufgeführte Erste von Brahms das Zepter wieder auf, jedoch mit der Ernsthaftigkeit, ja sogar der Andacht eines Erben, der sich des Reichtums bewusst ist, den ihm sein Vorgänger hinterlassen hat.

An der Spitze eines der besten Ensembles der Welt legt der britische Dirigent Wert auf eine klare Artikulation und eine subtile, lebhafte Agogik, ohne dabei auf klangliche Effekte (Soli von Flöte, Oboe, Horn) sowie Spielweisen ein, die man sonst nirgendwo bei dem Hanser findet. Er bringt die Qualitäten eines besonders aufmerksamen Orchesters zur Geltung, lehnt jegliche Pseudoromantik ab und gibt gleichzeitig einen überaus überzeugenden Einblick in sein meisterhaftes musikalisches Know-how.

Zu Beginn des Konzerts wurde die Gegenüberstellung mit der Dritten Symphonie desselben Komponisten mit großer Gelassenheit begrüßt. Zu Recht, wenn man die Klangwärme, die Disziplin jeder Instrumentengruppe und die klangliche und harmonische Ausgewogenheit betrachtet, die sich aus einer einheitlichen, stets ideal proportionierten Gestik ergibt, wie sie vom erfahrenen Taktstock eines versierten Dirigenten ausgeht. Zwar mag diese Dritte nicht nur das A und O des Brahms’schen Orchesters, sondern auch ein absolutes Meisterwerk sein, doch bleibt sie dennoch kein besonders „ lukratives “ Werk&: Sie ist vieldeutig, stellenweise nebelhaft, sehr schwer umzusetzen und endet mit einem verwirrenden Finale, das so wenig triumphal wie möglich ist. Ungeachtet dessen führt Gardiner sie dennoch zum strahlendsten Erfolg, indem er eine luftige Interpretation mit sehr freien Rhythmen und abwechslungsreichen Phrasierungen präsentiert. Auch wenn der erste Satz etwas weniger gelungen ist als die anderen, insbesondere was die Ausgewogenheit zwischen den Instrumentengruppen angeht, ist der weitere Verlauf ein wahres Wunderwerk, mit einem Andante voller zurückhaltender Poesie, ohne Überladung, das die Frische eines Sommerabends versprüht. Das „Poco allegretto“ setzt diese Atmosphäre aus bedächtiger Gelassenheit und Leichtigkeit fort. Was das Finale betrifft, so gelingt Sir Gardiner das Kunststück, daraus eine wahre klangliche Spitzenarbeit zu machen (das Incipit des Andante !). Während der gesamten Symphonie zeigten alle Stimmgruppen des Concertgebouw eine glorreiche Leistung, insbesondere die Streicher, die zweifellos die wahren Heldinnen dieses Abends waren, da es ihnen mühelos gelang, mit dem kraftvollen und energiegeladenen Klang der Blechbläser gleichzuziehen.

Eine wunderbare Lektion in Musik, die zur großen Kunst gehört! Wir sind weit, sehr weit entfernt von der Routine, mit einem Maestro, der romantisches Feuer und klassische Eleganz vereint und dessen ernsthafte, strenge, zurückhaltende, aber von Anfang bis Ende von dramatischer Tiefe geprägte Dirigierweise ihn zu einem versierten Brahms-Interpreten macht.